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Michael Harms ist Delegierter der Deutschen Wirtschaft in Russland (Foto: Ballin/.rufo)
Michael Harms ist Delegierter der Deutschen Wirtschaft in Russland (Foto: Ballin/.rufo)
Montag, 26.11.2007

Deutsche Wirtschaft sieht große Chancen in Russland

Moskau. Russland steht vor den Wahlen. Steht ein Kurswechsel bevor? Russland-Aktuell hat den Delegierten der Deutschen Wirtschaft, Michael Harms, zu persönlichen Russland-Beziehungen und einer Lage-Einschätzung befragt.

R-A: Welche Beziehungen haben Sie zu Russland?

Harms: Sehr enge Beziehungen. Ich war Ende der 80er Jahre hier zum Studium am Institut für Internationale Beziehungen (MGIMO). Das war zu Zeiten der Perestroika und daher eine sehr aufregende Zeit. Dann habe ich die Wende von Moskau aus miterlebt, was auch unheimlich spannend war. Mitte der 90er Jahre war ich dann für Phillips in Moskau als Vertreter von Medizintechnik. Später dann habe ich im Ostausschuss der Deutschen Wirtschaft gearbeitet und war dabei neben Südosteuropa vor allem auch für die Region Russland verantwortlich. Ich habe u.a. die beiden Mittelstandskonferenzen organisiert, eine noch unter Kanzler Schröder, die zweite im vergangenen Jahr. Von daher habe ich auch gute Kontakte zum Verband der Deutschen Wirtschaft und kannte schon vor meiner Zeit als Delegierter viele Leute hier. Ich liebe die russische Kultur und Literatur, habe drei Bücher übersetzt und herausgegeben.

R-A: Wie sind Sie als Politologe in die Wirtschaft geraten?

Bei Russland-Aktuell
• Harms, Michael. Delegierter der Deutschen Wirtschaft in Russland (30.10.2007)
Harms: Ich habe noch als Student für Otto-Wolff von Amerongen hier in Moskau gedolmetscht. Auf dem Rückweg zum Flughafen habe ich ihn im Taxi gefragt, ob er eine Stelle für mich hätte. Er war ja damals auch in der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik tätig. Aber er hat mich dann an den Ostausschuss der Deutschen Wirtschaft vermittelt.

R-A: Welche Aufgaben haben Sie als Delegierter der Deutschen Wirtschaft?

Harms: Die Aufgabe besteht darin, die bestmöglichen Bedingungen für unsere Unternehmen zu schaffen, das sind zunächst einmal deutsche Firmen, aber auch russische. Wir betreiben politische Lobbyarbeit, schaffen Netzwerke und bieten Unternehmen verschiedene Dienstleistungen an. Darüber hinaus machen wir PR, d.h. Öffentlichkeitsarbeit, einerseits für die deutschen Firmen in Russland, andererseits für den Standort Russland bei der deutschen Industrie.

R-A: Wie groß ist das Engagement deutscher Unternehmen im Land?

Harms: Wir sind die größte ausländische Unternehmer-Gemeinde in Russland. Insgesamt sollen 4.500 deutsche Unternehmen in Russland aktiv sein. Auch regional sind wir am besten aufgestellt. Wir sind in 63 Regionen, d.h. in über zwei Dritteln der russischen Regionen vertreten.

R-A: Präsident Putin hat jüngst dennoch bemängelt, es gebe für die deutsche Wirtschaft keinen Grund zum Prahlen. Ein einziger italienischer Konzern habe mehr investiert als die die Deutschen zusammen.

Bei Russland-Aktuell
• VdW wird zur Auslandshandelskammer in Russland (13.11.2007)
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Harms: Da glaube ich, war der Präsident falsch informiert. Ich kann mir das nicht vorstellen. Bei den Direktinvestitionen liegen wir an vierter Stelle hinter Zypern, Luxemburg und den Niederlanden. Dabei ist klar, dass Zypern und Luxemburg vor allem russisches Kapital ist, das zurückfließt, während über Holland vielfach eben auch deutsches Geld nach Russland kommt. Dies hat einfach steuerliche Gründe.

Dabei hat sich das Engagement der deutschen Wirtschaft auch qualitativ verändert. Wurden früher in der Regel Vertriebspartner gesucht, so sind es inzwischen oft konkrete Investments. Allerdings klagen dabei viele Firmen über den Personalmangel in Russland. Dies ist eines der größten Probleme in Russland.

R-A: Aus welchen Regionen kommen die deutschen Firmen?

Harms: Entsprechend der Wirtschaftskraft kommen die meisten Firmen aus Nordrhein-Westfahlen, Bayern und Baden-Württemberg. Im Osten gibt es zwar die traditionellen Kontakte, die auch wiederbelebt werden. Aber natürlich sind die Betriebe wesentlich kleiner und daher ist das Investment auch geringer.

R-A: In welchen Branchen bietet denn die russische Wirtschaft die besten Perspektiven?

Harms: Öl und Gas sind natürlich traditionell stark in Russland. Doch die Wachstumsraten sind inzwischen in anderen Branchen mitunter schon höher. Gut entwickelt sich vor allem die verarbeitende Industrie, die Bauindustrie und die IT-Branche. Der russische Outsourcing-Markt ist inzwischen einer der bedeutendsten weltweit.

R-A: Welche Risiken gibt es in der russischen Wirtschaft?

Harms: Das größte Risiko besteht in der nach wie vor hohen Abhängigkeit der Konjunktur von Öl und Gas. Zwar hat die Bedeutung des Konsums und der Binnennachfrage zugenommen, doch die Rohstoffe bestimmen nach wie vor die Wirtschaft in Russland. Das Land muss einen innovativen Weg finden, Hochtechnologien zu entwickeln und sich vom so genannten „Ressourcenfluch“ zu lösen.

R-A: Wie bewerten Sie die Konzentrationsprozesse in der russischen Wirtschaft?

Harms: Konzentration ist grundsätzlich schädlich, weil es den Markt aushebelt. In einigen ausgewählten Bereichen wie z.B. den Werften und der Luftfahrt kann ich das allerdings nachvollziehen und gutheißen. Auch bei strategisch wichtigen Militärbetrieben ist eine staatliche Konzentration logisch. Im Öl- und Gasbereich gilt das weniger. Die Vergangenheit hat gezeigt: Unabhängige Öl- und Gasgesellschaften wirtschaften besser.

R-A: Wie werden sich die Präsidentschaftswahlen auf das Investitionsklima in Russland auswirken?

Harms: Wichtig ist, dass die geschaffenen Institutionen Investitionen garantieren müssen. Das Investitionsklima unter Präsident Wladimir Putin hat sich enorm verbessert, auch wenn seine Reformen in der ersten Amtszeit sicher weit reichender und umfassender waren als in der zweiten Amtsperiode. Wir sehen trotz der anstehenden Wahlen die politische Stabilität gewährleistet. Einen radikalen Kurswechsel wird es nicht geben. Auch glaube ich nicht an Befürchtungen, dass das Wirtschaftswachstum in zwei Jahren deutlich nachlassen wird. Das Wachstum wird deutlich länger anhalten.

Im Allgemeinen hängen Investitionsentscheidungen in Russland inzwischen sowieso viel weniger von politischen Umständen ab als früher. Im Idealfall müsste ein potenzieller Investor nicht einmal wissen, wie der Präsident heißt, um die Entscheidung zu treffen, investiere ich oder nicht.

R-A: Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte André Ballin


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