Kopf der russischen Grippe-Forschung: der Virologe Oleg Kisseljow (Foto: von Arb/.rufo)
Donnerstag, 22.12.2005
Vogelgrippe: Impfstoff bis März bereit
St. Petersburg. Russische Forscher wollen bis zum Frühling 2006 einen Impfstoff gegen die Vogelgrippe entwickeln. Auf einer Pressekonferenz berichteten sie über den aktuellen Stand der Grippeforschung.
Russlands Wissenschaftler geben sich gegenüber der Vogelgrippe und einer drohenden Pandemie zuversichtlich - alles laufe wie vorgesehen, gab Oleg Kisseljow, Virologe und Leiter des Petersburger Grippe-Instituts, bekannt. Im März des kommenden Jahres soll ein Impfstoff bereitgestellt werden, der ab Herbst produziert werden könne.
Zwei Vogelgrippe-Impfstoffe für den Menschen erfolgreich getestet
Eine Forschergruppe, der das Institut für organische Synthese in Jekaterinburg, das Engelhardt-Institut für Molekularbiologie in Moskau sowie das Grippe-Forschungsinstitut St. Petersburg angehören, hat bereits im November zwei Präparate erfolgreich getestet. Das eine Mittel mit dem Namen Triasovirin wurde im Rahmen eines staatlichen Projektes hergestellt. Das zweite Präparat entwickelte eine Moskauer Forschergruppe (AO „FARMAKGON“) auf der Basis von Gamma Interferon.
Beide Stoffe sind laut Kisseljow hoch wirksam und blockieren in erster Linie die Vervielfältigung der Viren im menschlichen Körper. Bis im März sollen sie nun noch optimiert und an Menschen getestet werden. Geimpft werden sollen danach in erster Linie Personen, die Risikogruppen angehören, so zum Beispiel Angestellte von Geflügelfarmen, Grenzbeamte im Osten Russlands sowie Ärzte.
Entwicklung gut zu kontrollieren
Kisseljow sieht der gesamten Entwicklung der Vogelgrippe ruhig entgegen. Die Viren-Forschung sei heute auf einem so hohen Niveau, dass sich der Verlauf einer solchen Epidemie sehr genau prognostizieren lasse. Er schätze die Fähigkeit des Virus H5N1 zur Entwicklung einer Pandemie als gering ein, erklärte er. Mit Hilfe der neuen Impfstoffe würde sich eine solche gut kontrollieren lassen. Nach den Einschätzungen des Virologen wird eine Pandemie in circa zwei Jahren eintreten.
Berichtete über allgemeine Maßnahmen gegen Grippebefall: Kinderärztin Ludmilla Osidak (Foto: von Arb/.rufo)
Russlands Viren-Forschung ist nicht zuletzt aufgrund der intensiven Beschäftigung mit Biowaffentechnologie heute auf einem sehr hohen Stand. Nach Kisseljow haben die Erkenntnisse, welche man aus der weltweiten Grippe-Epidemie von 1918/19 gezogen hat, dabei eine sehr wichtige Rolle gespielt. Der „Spanischen Grippe“ waren damals rund 50 Millionen Menschen zum Opfer gefallen. Indem man den damaligen Virus-Stamm Grippeopfern auf Spitzbergen entnahm und ihn wieder belebte, konnte man ihn ausreichend erforschen und die damalige Situation rekonstruieren.
Vogelgrippe eher Gefahr für Wirtschaft als für Menschen
Kiseljow deutete im Verlauf seines Auftritts an, dass die Vogelgrippe seiner Meinung nach momentan eher für die Wirtschaft als für den Menschen eine Gefahr darstelle. Wenn heute in Russland zum Beispiel eine Geflügelfarm befallen werde, so habe das fatale Folgen. Dank sowjetischer Gigantonomie seien diese mit bis zu zwei Millionen Tieren bevölkert und meist so konstruiert, dass ein Befall praktisch die Vernichtung der ganzen Farm und immense Kosten zur Folge hätte.
Darum spielen die Beobachtung der weltweiten Entwicklung sowie ausreichende Informationen neben der Entwicklung von Impfstoffen eine sehr wichtige Rolle. Wie auch seine anwesende Kollegin, die Kinderärztin Ludmilla Osidak, betonte er, dass im Fall der Vogelgrippe außer einer Impfung die üblichen Schutzmaßnahmen gegen Grippe gälten: Ausreichende Hygiene, das Meiden großer Menschenansammlungen und eine gesunde vitaminreiche Ernährung.
Keine Kooperation zwischen Pharmaindustrie und Staat
Kisseljow beklagte, dass in Russland die Zusammenarbeit zwischen Staat und Pharmaindustrie heute viel schlechter funktioniere als beispielsweise in den USA und kritisierte die Tatsache, dass in Russland mittlerweile kaum mehr eigene Antibiotika entwickelt würden. Zudem kam er auf die knappen finanziellen Mittel zu sprechen, die dem Vogelgrippe-Projekt zur Verfügung stehen. Bis jetzt habe man zwar alle vorgesehenen Arbeiten durchführen können, so Kisseljow. Aber die beteiligten Institute hätten alles aus der eigenen Tasche bezahlt, und man sei auf weitere Unterstützung von staatlicher Seite angewiesen.
(eva/.rufo)
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