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Andrej Lugowoj streitet alle Vorwürfe ab, am Tod Litwinenkos schuld zu sein. (Foto: newsru.com)
Andrej Lugowoj streitet alle Vorwürfe ab, am Tod Litwinenkos schuld zu sein. (Foto: newsru.com)
Dienstag, 22.05.2007

Briten halten Lugowoj für Mörder von Litwinenko

London/Moskau. Die britische Staatsanwaltschaft beschuldigt formell den russischen Geschäftsmann Andrej Lugowoj, den Ex-Agenten Alexander Litwinenko vergiftet zu haben. Lugowoj kann aber nicht ausgeliefert werden.

Die von Scotland Yard seit November gesammelten Beweise seien ausreichend, um Lugowoj des Mordes an Litwinenko anzuklagen, erklärte der Vorsitzende der Staatsanwaltschaft, Ken Macdonald. Deshalb sei „die endgültige Entscheidung“ gefallen, Lugowoj als Beschuldigten in dem Fall zu betrachten. Worin diese Beweise bestehen, wurde aber nicht gesagt.

Bei Russland-Aktuell
• Litwinenko: Beresowski antwortet Staatsanwalt (02.05.2007)
• Scotland Yard: Haftanträge für Lugowoj und Kowtun? (23.04.2007)
• Staatsanwalt: Beresowski will Putsch gegen Putin (13.04.2007)
• Wollten Kollegen Litwinenko als Verräter liquidieren? (08.02.2007)
• Beresowski redet: Litwinenko beschuldigte Lugowoj (06.02.2007)
Der im Londoner Exil lebende Kreml-Kritiker Litwinenko hatte vor seinem Tod am 23. November ausgesagt, dass er sich vor Auftreten der Vergiftungserscheinungen am 1. November mit Lugowoj in einem Londoner Hotel getroffen habe. Vermutlich wurde Litwinenko bei dieser Gelegenheit das Gift in den Tee gemischt.

Mit dabei war ein weiterer Russe, der später als der Geschäftsmann Dmitri Kowtun identifiziert wurde. Kowtun hatte sich unmittelbar davor in Hamburg aufgehalten und dabei an mehreren Orten Polonium-Spuren hinterlassen.

Lugowoj sieht sich als Opfer und nicht als Täter



Die beiden Russen sehen sich nach eigenen Aussagen als Geschädigte in der Affäre, da sie ebenfalls Polonium-Strahlung abbekamen. Den britischen wie den deutschen Ermittlern galten sie jedoch von Beginn des Falles an als höchst verdächtig. Da Lugowoj und Kowtun befürchten mussten, im Westen verhaftet zu werden, halten sie sich seit Beginn des „Falles Litwinenko“ in Russland auf.

Britische Ermittler konnten dort mit ihnen sprechen - allerdings nur unter Vermittlung und Aufsicht der russischen Staatsanwaltschaft, die ihrerseits ein Ermittlungsverfahren wegen der Polonium-Vergiftungen eingeleitet hat.

KGB-Vergangenheit und Ex-Beresowski-Mitarbeiter



Lugowoj ist wie Litwinenko ehemaliger KGB- und FSB-Agent. Er arbeitete in den 90er Jahren als Sicherheits-Chef des damals unter dem Einfluss von Boris Beresowski stehenden Fernsehsenders ORT und war auch in den „Aeroflot-Fall“ verwickelt. Wegen Fluchthilfe für einen Beschuldigten in dieser Affäre wurde er 2001 zu 14 Monaten Haft verurteilt. Danach ging Lugowoj ins Business und gründete eine Sicherheitsfirma.

Der nächste Schritt für die britischen Behörden ist nun, dass die Staatsanwaltschaft einen internationalen Haftbefehl gegen Lugowoj erlässt und bei ihren russischen Kollegen seine Auslieferung beantragt, um ihn vor Gericht stellen zu können.

Russische Verfassung verbietet Auslieferung eigener Bürger



Eine Überstellung Logowojs nach London ist aber so gut wie ausgeschlossen. „Nach der russischen Verfassung können russische Bürger nicht an ausländische Staaten ausgeliefert werden, um ihnen dort den Prozess zu machen - und Lugowoj ist russischer Staatsbürger“, verlautete aus der russischen Staatsanwaltschaft.

Der bekannte russische Rechtsanwalt Anatoli Kutscherena schloss deshalb auch aus, dass sich Moskau auf einen Austausch von Lugowoj gegen Boris Beresowski oder den tschetschenischen Separatisten-Sprecher Achmed Sakajew einlassen würde: „Angesichts der eindeutigen Gesetzesnorm, die eine Auslieferung russischer Staatsbürger ausschließt, denke ich, dass hier ein Feilschen nicht angebracht ist.“

Juristische Aufarbeitung verläuft wohl im Sande



In den letzten Tagen hatten britische Medien darüber spekuliert, ob die Londoner Behörden möglicherweise den Fall Litwinenko ohne Anklage zu den Akten legen werden, um das ohnehin angespannte Verhältnis zu Russland nicht zu belasten. Das britische Außenministerium dementierte jedoch, in dieser Richtung Einfluss genommen zu haben. Falls es solche Überlegungen gab, wurden sie nun jedenfalls dem formellen Versuch, den rätselhaften Fall juristisch aufzuarbeiten, untergeordnet.

Bei Russland-Aktuell
• Anschläge auf Geheimagenten in London und in Moskau (20.11.2006)
• Ex-KGB-Agent Litwinenko in London gestorben (24.11.2006)
• Litwinenko beschuldigt Putin seines Todes (24.11.2006)
• Litwinenko, Politkowskaja, der CIA, der FSB und Putin (25.11.2006)
• Noch ein Vergiftungsfall: Jegor Gaidar in Irland (29.11.2006)
Allerdings ist auch jetzt klar, dass es mangels Auslieferung kaum jemals in Großbritannien zu einem Prozess gegen Lugowoj oder andere mögliche Mittäter kommen wird. Theoretisch steht den britischen Behörden noch der Weg offen, ihr Belastungsmaterial der Staatsanwaltschaft in Moskau offenzulegen.

Wenn man dort zu dem Schluss kommt, dass dies für eine Anklage nach russischen Gesetzen ausreicht, könnte Lugowoj auch in Russland vor Gericht gestellt werden.

Russische Versionen: Beresowski-Komplott oder Schmuggelaffäre



Dies erscheint aber momentan genauso unwahrscheinlich wie ein Polonium-Mordprozess in London. Denn an einer ernsthaften Aufarbeitung der Giftmord-Affäre, die tief ins russische Geheimdienst-Milieau führt, scheint der Kreml nicht interessiert zu sein.

Außerdem wird von russischer Seite die Version propagiert, dass hinter der Liquidierung des abtrünnigen Ex-Agenten Litwinenko möglicherweise dessen Londoner Mentor Beresowski steckt, der auf diese Weise seine eigene Bedrohung durch den russischen Geheimdienst anschaulich mache wollte – um eine mögliche Abschiebung nach Russland zu verhindern.

Schließlich ist noch die Variante im Umlauf, dass Litwinenko (und möglicherweise auch Lugowoj und Kowtun als Komplizen) sich bei einer Schmuggelaktion des extrem teueren Poloniums selbst vergifteten.

(ld/rufo/St.Petersburg)


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