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Kampagnen-Plakate nahe dem Bergdorf Krasnaja Poljana sind so ziemlich das Einzige, was auf die 2014 hier stattfindenden Winterspiele hinweist. Die Sportanlagen müssen großteils noch gebaut werden (Foto: Jahn/.rufo).
Kampagnen-Plakate nahe dem Bergdorf Krasnaja Poljana sind so ziemlich das Einzige, was auf die 2014 hier stattfindenden Winterspiele hinweist. Die Sportanlagen müssen großteils noch gebaut werden (Foto: Jahn/.rufo).
Montag, 30.07.2007

Olympisches Sotschi: Alles fehlt noch, außer den Bergen

Sotschi/Moskau. Das Olympische Sotschi besticht durch Schnee bedeckte Berge und kilometerlange Strände. Was fehlt ist die Infrastruktur. Die Einheimischen freuen sich über Wirtschaftswachstum und fürchten um die Natur.

Wenige Kilometer vor Sotschi-Stadt verlässt die Uferstraße das Tal und klettert die Felsen empor. Links und rechts der Straße wuchert dichte subtropische Vegetation: In der feuchten Meeresluft gedeihen Palmen neben Zypressen, Kiefern neben Riesenfarn und dazwischen leuchten die rosafarbenen Blüten des Oleander.

Auf den engen Straßen geht es nicht schneller



In den Kurven bricht das grüne Dickicht auf und gibt den Blick frei auf das Meer. Yachten durchpflügen die Wellen, auf die das Sonnenlicht funkelnde Punkte zaubert.

Endlich hat das Marschrutka-Taxi den Ortseingang von Sotschi-Stadt erreicht. Volle zwei Stunden hat der gelbe Minibus für nur 35 Kilometer vom Flughafen Adler bis in die Kurstadt gebraucht. Auf den völlig überlasteten, maximal zweispurigen Straßen der Region geht es einfach nicht schneller.

Urlaubsparadies für Besserverdiener



Bei Russland-Aktuell
• Abchasien: Olympia-Streit zwischen Russland und Georgien (26.07.2007)
• Österreich verdient kräftig an Olympiade Sotschi 2014 (25.07.2007)
• Sotschi 2014: Weiße Berggipfel und unendliche Strände (23.07.2007)
• Zereteli als Bildhauer für Olympia 2014 in Sotschi (21.07.2007)
• Putin fliegt wg. Olympia in Sotschi nach Guatemala (19.06.2007)
Die Stadt Sotschi mit ihren knapp 400.000 Einwohnern unterscheidet sich stark von den kleinen Ferienorten in der Umgebung. Die Russen würden sagen: Die Ferienorte sind „demokratitschni“ oder eben für die einfachen Durchschnittsbürger erschwinglich. Sotschi dagegen ist „elitni“, also edel und teuer.

Über den Kurortni Prospekt, die Hauptstraße von Sotschi, rollen schwarze Mercedes- und Bentley-Limousinen. Die Nummernschilder verraten: Hier machen die Gewinner des kapitalistischen Russland Urlaub. Es sind die Besserverdiener aus Moskau, St. Petersburg und anderen russischen Großstädten.

1.000 Euro für die Nacht



Fotogalerien bei Russland-Aktuell
Sotschi 2014: Sotschi - Stadt und Strand

Sotschi 2014: Umgebung von Sotschi

Sotschi 2014: Skigebiet Krasnaja Poljana
Sotschis Aufstieg zur führenden russischen Urlaubsmetropole begann gegen Ende des 19. Jahrhunderts. An den Uferhängen in und um die Stadt wurden prunkvolle klassizistische und Jugendstil-Villen gebaut. Heute liegen hier die Übernachtungspreise in der Hochsaison von Juli bis September zwischen hundert und tausend Euro.

In einer Fußgänger-Unterführung unter dem Kurortni Prospekt sitzen Swetlana und ihre Freundinnen. In der Freizeit verkaufen die Schülerinnen Souvenirs. T-Shirts und Baseball-Kappen mit dem Sotschi 2014-Logo gehen jetzt sehr gut.

Gefeiert haben die Touristen



Doch auch wenn das Geschäft läuft, hält sich die Freude der Mädchen über die Entscheidung des Internationalen Olympischen Komitees (IOK) in Grenzen. „Sie werden in Sotschi keinen Einheimischen finden, der die Entscheidung begrüßt“, behauptet die 16-jährige Swetlana. „Gefeiert haben hier am 05. Juli vor allem die Touristen.“

Wegen der Olympischen Winterspiele will die Verwaltung Sotschi und Umgebung auf Vordermann bringen, weiß Swetlana zu berichten: „Es gibt in Adler und der Region viele Häuser, die irgendwann einmal ohne Genehmigung gebaut wurden. Die werden jetzt alle abgerissen.“

Neue Heimat



Natürlich habe man den Bewohnern bereits neue Wohnungen versprochen. Aber zunächst einmal müssten die Menschen ihre gewohnte Heimat verlassen.

Die Uferpromenade von Sotschi ist gerade fertiggestellt worden. Hinter dem Strand reihen sich Dutzende von Restaurants und Boutiquen aneinandern (Foto: Jahn/.rufo).
Die Uferpromenade von Sotschi ist gerade fertiggestellt worden. Hinter dem Strand reihen sich Dutzende von Restaurants und Boutiquen aneinandern (Foto: Jahn/.rufo).
Parallel zum Kurortni Prospekt verläuft die Uferpromenade. Wie Perlen auf einer Schnur, reihen sich Boutiquen und Restaurants aneinander. Dazwischen Massage-Liegen, auf denen sich verspannte Manager durchkneten lassen, Afrikaner im Lendenschurz, die zum gemeinsamen Erinnerungsfoto einladen, und Frauen, die jungen Mädchen mit flinken Fingern eine Rasta-Frisur flechten.

Im Sommer für den Winter sparen



„Guten Tag, wie kann ich Ihnen helfen“, spricht Walentina den Kunden mit einem freundlichen Lächeln an. Die 33-Jährige verkauft Sonnencremes und andere Strandartikel.
Wie viele im Ferienparadies Sotschi ist sie eine Saisonarbeiterin. Wenn im Sommer das Geschäft brummt, bessert Walentina ihre Kasse auf und legt Geld für die Wintermonate zurück, in denen es weniger Arbeit gibt.

„Die Olympischen Spiele sind gut für alle, die vom Tourismus leben. Gerade kleine Geschäftsleute, Boutiquen oder Souvenirläden, werden während der Spiele mehr Gewinn machen“, ist Walentina überzeugt.

Umweltschützer Putin



Bedenken wegen drohender Umweltzerstörung durch die neuen Sportanlagen lässt sie nicht gelten. „Vor Schäden warnen doch jetzt nur diejenigen, die nicht von den Winterspielen profitieren und mehr verdienen werden. Alle anderen sind froh, glauben Sie mir.“

Im Übrigen würden die Eingriffe in die Natur sicherlich nicht so schlimm ausfallen. „Unser Präsident Putin macht doch hier in der Gegend Urlaub. Da können es sich die Bauunternehmen überhaupt nicht erlauben, die Landschaft zu zerstören“, sagt Walentina.

Die Stadt Sotschi ist nur das Zentrum einer ganzen Region, in der die Winterspiele stattfinden werden. „Groß-Sotschi“ zieht sich über 145 Kilometer entlang der Schwarzmeer-Küste, die den maximal zwei Kilometer breiten Landstreifen im Süden begrenzt. Im Nordosten bilden die Ausläufer des Kaukasus-Gebirges die natürliche Grenze und im Osten grenzt „Groß-Sotschi“ an Georgien.

Winterspiele auf dem Reißbrett



Die Wettkämpfe im Abfahrtski, Skispringen, Biathlon, Bob- und Schlittenfahren werden 2014 rund 50 Kilometer nordöstlich von Sotschi-Stadt in dem Bergdorf Krasnaja Poljana stattfinden.

Timofej kam vor zehn Jahren aus Krasnodar nach Adler und hat sich als Taxi-Fahrer selbständig gemacht (Foto: Jahn/.rufo).
Timofej kam vor zehn Jahren aus Krasnodar nach Adler und hat sich als Taxi-Fahrer selbständig gemacht (Foto: Jahn/.rufo).
Zurzeit führt noch keine direkte Autobahn von Sotschi in die Berge und auch eine Eisenbahnverbindung gibt es nur auf dem Reißbrett der Olympia-Architekten. Deshalb starten Exkursionen in den Wintersportort aus dem rund 35 Kilometer südlich von Sotschi gelegenen Adler.

Timofej hat ein eigenes Taxi und ist auf Touren zum Bergdorf Krasnaja Poljana spezialisiert. Schwungvoll jagt der 28-Jährige über die zweispurige Straße, die sich in zahlreichen Kurven den Berg empor schlängelt.

Ab in den Tunnel



Die Landschaft entlang der Strecke ist atemberaubend schön: Wald, Felsen und rechts der Straße das breite, steinige Flussbett des Msymte. Wilde, unberührte Natur. Nur vereinzelt werden Häuser sichtbar. Pferde und Kühe grasen auf den weiten, grünen Bergwiesen. Dass die Einwohner ihr hier gelegenes Dorf einst Krasnaja Poljana nannten, liegt nahe: Krasnaja Poljana bedeutet übersetzt so viel wie „schöne Lichtung“.

„Ich frage mich wirklich, wie die hier die Straße verbreitern wollen – denn das müssen die für die Olympischen Spiele unweigerlich tun“, grübelt Timofej. Eigentlich könne das Ganze nur funktionieren, wenn man den Fluss in einen Tunnel umleite und darüber hinweg weitere Fahrspuren bauen würde, vermutet er.

Atemberaubende Natur



Zwar gibt es bereits einige neue Seilbahnen, aber es gibt eben auch noch diese alten Bahnen. Viel Arbeit steht noch an bis 2014 (Foto: Jahn/.rufo).
Zwar gibt es bereits einige neue Seilbahnen, aber es gibt eben auch noch diese alten Bahnen. Viel Arbeit steht noch an bis 2014 (Foto: Jahn/.rufo).
„Es ist schon lustig: Für die Winterspiele fehlt eigentlich noch alles. Wir haben keine Sportanlagen, wir haben keine Straßen und keine Eisenbahn. Außer der tollen Natur haben wir noch nichts“, lacht Timofej unbekümmert.

Auf 550 Metern Höhe liegt die Talstation des Skigebiets Aibga. Von hier geht es mit dem Lift in vier Etappen auf den Gipfel in 2.238 Meter Höhe über dem Meeresspiegel. Der Sessellift hat seine besten Jahre hinter sich und muss bis 2014 wohl ersetzt werden. Von den hölzernen Sitzflächen und Rückenlehnen bröckelt die Farbe.
„Ja, auch den Präsidenten haben wir mit unserem Lift auf den Berg gebracht“, bestätigt Ticket-Kontrolleurin Anja unbeeindruckt.

Olympische Spiele für die Jungen



Der Trubel um die Winterspiele lässt die Frau mit der blonden Kurzhaarfrisur und den Lachfalten um die Augen kalt. „Wissen Sie, für die Jüngeren ist die Entscheidung wahrscheinlich gut. Sie werden Arbeit finden und vielleicht wird es in der Region einen langfristigen Aufschwung geben“, sagt die Vierzigjährige.

Dass auch sie finanziell von den Winterspielen profitieren könnte, hält Anja nicht für wichtig. Klar, sie verdiene nicht viel. Ihr Lohn liege noch unter dem regionalen Existenzminimum – ein statistischer Wert, den die Gebietsverwaltung derzeit mit rund 100 Euro monatlich beziffert. Zusammen mit dem Lohn ihres Mannes könne ihre Familie aber normal leben. Sie sei zufrieden.

„Uns Älteren kann die Entscheidung deshalb nicht gefallen, weil sie hier in die Natur eingreifen werden. Auch wenn sie sagen, dass sie die Umweltschutz-Standards einhalten. Das mag ja durchaus sein. Aber so unberührt und schön wie jetzt wird Krasnaja Poljana danach nicht mehr sein.“

(cj/.rufo/Moskau)


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