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Absturz aus 5 km Höhe überlebt

Von Ines Lasch, Moskau. Larissa Sawizkaja hat als einzige Russin jemals eine Flugzeugkollision in der Luft überlebt. Sie stürzte am 24. August 1981 im Alter von 20 Jahren buchstäblich vom siebten Himmel aus 5.220 Metern Höhe in die Tiefe. Larissa und ihr Mann befanden sich auf dem Heimflug von der Hochzeitsreise. Als Retter sie drei Tage nach dem Absturz in der Taiga fanden, hatte man ihr schon ein Grab ausgehoben.

Denn mit Überlebenden hatte niemand gerechnet. Als sie das Bewusstsein wiedererlangte, sah sie als erstes genau vor sich ihren toten Mann. Noch nie konnte die 41-Jährige mit anderen Überlebenden ihren Gram und ihre Gefühle teilen. Erst 21 Jahre später, als die beiden Stewardessen der bei Scheremetjewo verunglückten IL-86 überleben, erzählt sie der Tageszeitung „Iswestija“ von dem Unglück und ihrem weiteren Schicksal.

Die Vierzigjährige steht gleich mit zwei Eintragungen im russischen Guinnessbuch der Rekorde. Erstens hat sie als einzige Russin jemals eine Flugzeugkollission in der Luft überlebt. Und zweitens hat sie die niedrigste finanzielle Entschädigung für ihr Unglück bekommen. Die Staatliche Versicherungsgesellschaft überwies ihr einmalig ganze 75 Rubel. Das waren 1981 weniger als zwei Stipendien für einen sowjetischen Hochschulstudenten.

Sie nähert sich den eigenen Empfindungen über die Schilderung der Ereignisse und technischen Details. Die AN-24 sollte in Blagoweschtschensk in Sibirien an der chinesischen Grenze landen. Es kam alles ganz anders. Ein TU-116-Bomber stieß in der Luft über dem südöstlichen Sibirien mit der Passagiermaschine zusammen und riss ihr das Dach, einen Seitenflügel und den Tank weg. Die Details erfuhr Larissa selbst erst vor zwei Jahren. Denn in der Sowjetunion stürzten keine Flugzeuge ab. Dementsprechend wurde jahrelang offiziell nichts über das Ereignis bekannt.

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Als die AN-24 mit dem Kampfjet, schlief Larissa. Sie erinnert sich nur an einen harten Stoß und starke Verbrennungen. Die Temperatur sank in Sekundenschnelle von wohligen 25 Grad auf 30 Grad unter Null. Dann nahm sie markerschütternde Schreie und das Pfeifen der Luft wahr. Larisa: „Mein Mann kam sofort um. In genau diesem Moment war mein Leben zu Ende. Ich schrie nicht einmal. Vor lauter Gram konnte ich keine Angst verspüren.“

Das Flugzeug zerbrach genau vor ihrer Sitzreihe in zwei Teile. Sie blieb im Heckteil, wurde erst in den Gang und dann gegen die Querwand zum abgebrochenen Vorderteil geschleudert. Sie verlor kurzzeitig das Bewusstsein, erwachte aber wieder. Und erinnerte sich in jenem Moment an den italienischen Film „Es geschehen noch Wunder.“ Und zwar an die Szene, in der sich die Heldin nach einer Flugzeugkatastrofe rettet, indem sie sich fest an ihren Sitz krallt.

Larissa schaffte es irgendwie, zu ihrem Sitz zu gelangen und krallt sich so fest sie konnte. Dann sah sie nur starr aus dem Bullaugenfenster, „um die Erde zu erhaschen“. Der Himmel ist an jenem Tag schwach bewölkt. Larisa erinnert ein „grünes Blitzlicht und einen Stoß“. An Rettung dachte sie nicht mehr, jetzt wollte sie nur noch ohne Schmerzen sterben.

Sie findet sich in einem Birkenwäldchen wieder. Als ersten erblickt sie ganau vor sich ihren Mann und erleidet einen solch starken Schock, dass sie sich an körperliche Schmerzen nicht erinnert. Obwohl sie eine schwere Gehirnerschütterung erlitten hat, die Wirbelsäule an fünf Stellen verletzt ist und nahezu alle Zähne ausgeschlagen sind. Eine Hand, mehrere Rippen und die Beine sind gebrochen. Dennoch wankt sie durch die Umgebung.

Als die Retter sie drei Tage später finden, erstarren sie vor Schreck wie vor einem Gespenst und bringen kein Wort hervor. Larissa: „Ich verstehe sie. Drei Tage einzelne Körperteile von den Bäumen sammeln und auf einmal vor einem lebenden Menschen stehen. Und ich sah ja auch zum Fürchten aus. Wie ganz in dunkles Pflaumenblau getaucht, mit silbrigen Färbungen. Die Farbe des Flugzeugrumpfes erwies sich als selten haftend. Meine Mutter versuchte später wochenlang, das Zeug abzupulen. Der Wind hatte meine Haare in ein Knäuel Glaswatte verwandelt.“

Sobald sie die Retter erblickte, konnte sie nicht mehr laufen und sackte zusammen. Später in Sawitinsk erfährt sie, dass für sie wie für alle übrigen Passagiere schon ein Grab ausgehoben worden war. Die Gräber wurden stur nach der Passagierliste vorbereitet.

Auf die Frage, ob sie seit dem an Gott glaube, schüttelt sie lachend den Kopf: „Nein. Genau so wenig bin ich dem Alkohol verfallen oder habe mich in Depressionen ergeben. Ich liebe das Leben. Manchmal sage ich nicht ganz ernst, ich bin Gottes liebstes Mädchen.“ Sie behauptet, so zu leben, wie immer. Außer am 24. August. An dem Tag feiert Larisa ihren zweiten Geburtstag. „Na, und im Frühjahr und im Herbst, wenn sich das Wetter ändert und ich die Krankheiten schlimmer spüre.“ Dann schiebt sie leise nach: „Und wenn sich wieder eine Katastrofe ereignet hat.“

Einen Schwerbehindertenausweis hat Larissa Sawizkaja nicht und Invalidenrente bekommt sie keine. Wenn sie nur eine, richtig schwere Verletzung erlitten hätte, bitteschön, kein Problem. Aber jede einzelne Verletzung stelle an sich keine Voraussetzung für die Einstufung als Schwerbehinderte dar. Eine Zahnprothese konnte sie sich erst vor zehn Jahren leisten, und auch nur, „weil mir ein guter Mensch geholfen hat“, fügt sie beschämt hinzu. Geheilt sei sie. Allerdings nicht durch das sowjetische Gesundheitsministerium.

Ein Heiler und Chirotherapeut aus der Stadt Swobodnyj im Amurgebiet tat ein Jahr lang sein Bestes. „Der hat mich ein ganzes Jahr umsonst behandelt!“, erinnert sich Larisa nicht ohne Bitterkeit. Er habe ihr die Knochen wieder gebrochen und neu geschient. „Wenn ich gleich zu ihm gekommen wäre, hätte er aus mir einen ganz neuen Menschen gemacht“, zitiert sie den Heiler.

Über ihr weiteres Leben spricht sie, als wenn es weiter nichtw gewesen wäre. Sie hat fünf Jahre nach dem Unglück ihren Sohn Igor bekommen. Arbeitete zunächst als Lehrerin. Nachdem ihr Sohn erkrankte, nahm sie jegliche Arbeit an. Larissa: „Ich habe Texte für andere abgetippt, mit Büchern gehandelt und einfach gehungert.“ Nach dem Zerfall der Sowjetunion hat sie kurze Zeit einen eigenen Schuhladen. Später arbeitete sie in einer Filiale des georgischen Mineralwasserproduzenten „Borschomi“, bis sie eines Tages als Spätfolge des Schädel-Hirntraumas gelähmt war. „Zum Glück kann ich mich wieder bewegen! Derzeit bin ich Managerin in einem Immobilienbüro“, fasst Larissa diese unruhigen Jahre zusammen. „Nach der Arbeit sehe ich zu, dass ich schnell nach Hause komme. Die Wirbelsäule ermüdet stark“, fügt sie ohne ein Jammern hinzu.

Larissa weiß, das es in Jugoslawien eine Stewardess gibt, die 1972 aus 10.000 Metern gestürzt ist. Und in Deutschland lebt eine Frau, die den Fall aus 3.000 Metern Höhe überlebt hat. Sie denkt an die beiden überlebenden Stewardessen der IL-86 vom vergangenen Wochenende. „Ich hoffe, dass ich Tatjana und Arina einmal kennenlerne, wenn sie wieder gesund sind. Ich habe ein starkes Bedürfnis, mit jemandem zu sprechen, dem das Gleich widerfahren ist wie mir. Ich habe immer noch diese Idee im Kopf, dass man das Überleben in ähnlichen Situationen lernen kann. Warum retten sich denn hauptsächlich Frauen in Extremsituationen - Wesen, die empfänglicher sind für die leise Stimme der Intuition? Ich glaube, in dieser Richtung muss man die Lösung suchen.“

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Der Winter ist eingezogen. Für ein paar Monate können sich die Russen in den Moskauer Parks an zahlreichen Eisskulpturen erfreuen. (Topfoto: Ballin)



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