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Der letzte Zar und seine später vermissten Kinder: Zarewitsch Alexej und seine große Schwester Maria (Foto: Archiv/.rufo)
Der letzte Zar und seine später vermissten Kinder: Zarewitsch Alexej und seine große Schwester Maria (Foto: Archiv/.rufo)
Samstag, 19.09.2015

Ermordete Zarenkinder werden in St. Petersburg beigesetzt

St. Petersburg. Bald soll die 1918 ermordete Zarenfamilie wieder vereint sein: Im Oktober werden die lange vermissten Zarenkinder Alexej und Maria in der Familiengruft in der Peter-Pauls-Kathedrale beigesetzt.

Russland plant einen seit Jahren aufgeschobenen historischen Staatsakt mit gehörigem Potential an patriotischer Wallung und nostalgischer Rührseligkeit: Am 18. Oktober sollen in der Petersburger Peter-Pauls-Kathedrale die Gebeine von Zarewitsch Alexej und der Großfürstin Maria feierlich beigesetzt werden. Damit wird die vor 97 Jahren von den Bolschewiken ermordete letzte Zarenfamilie wieder vereint sein.

Die Familie von Zar Nikolaus II. liegt seit 1998 in einer Seitenkapelle der Peter-Pauls-Kathedrale bestattet. Allerdings nicht vollständig: 1991 waren im Ural die Gebeine des Zaren und seiner Gattin, dreier Töchter und der letzten vier Bediensteten entdeckt worden. Genetische Analysen bestätigten die Echtheit der Knochenfunde und erlaubten eine Identifikation. Allerdings fehlten die Überreste zweier Zarenkinder, des 13-jährigen Thronfolgers Alexej und der 19 Jahre alten Tochter Maria.

Gemeinsam ermordet, getrennt verscharrt


Zwar waren auch sie zusammen mit ihren Eltern und Geschwistern, dem Leibarzt, einem Koch, einer Kammerjungfer und einem Diener von Bolschewiken am 17. Juli 1918 bei einer kurzfristig angesetzten Exekution erschossen worden. Doch bei der überstürzten Bestattung in einem sumpfigen Waldgebiet außerhalb von Jekaterinburg wurden diese beiden Leichen aus nie endgültig geklärten Gründen separat verbrannt und vergraben.

Nach jahrelangen Suchen fand man 2007, in nicht einmal 70 Meter Entfernung vom ersten Fundort, Überreste der Leichen eines Jungen und einer jungen Frau. Analysen in Russland, Österreich und den USA bestätigten bereits im Jahr darauf, dass es sich dabei um die beiden Zarenkinder handelt. Seither lagerten die Gebeine eher unwürdig im Moskauer Staatsarchiv.

Kein Glauben an Genanalysen: Kirche bezweifelt Identifikation


Der russische Staat drückte sich vor einer Entscheidung, wie mit den hochwohlgeborenen Knochen zu verfahren sei – nicht zuletzt, weil die als moralische Instanz wichtige Russisch-Orthodoxe Kirche gegenüber den Gebeinen eine zwiespältige Haltung einnimmt: Einerseits war im Jahr 2000 die ganze ermordete Familie als Märtyrer heiliggesprochen worden.

Andererseits hält es das Moskauer Patriarchat trotz aller vorgelegten wissenschaftlichen Gutachten bis heute nicht für eindeutig bewiesen, dass die in Jekaterinburg ausgegrabenen Gebeine wirklich die Überreste der letzten Zarenfamilie sind.

Beisetzung 1998 ohne Segen des Patriarchen


Bei der feierlichen Bestattung am 80. Todestag der Zarenfamilie im Jahr 1998 war deshalb zwar der damalige Präsident Boris Jelzin wie auch hochrangige Exil-Vertreter des Hauses Romanow zugegen - nicht aber das damalige Kirchenoberhaupt, Patriarch Alexi II. Ganz boykottieren wollte und konnte die Kirche den Festakt damals aber auch nicht: Die Begräbniszeremonie wurde von einem einfachen Priester durchgeführt, der - liturgisch ungewöhnlich - im Gebet der „unschuldig Ermordeten“ gedachte, deren Namen aber nicht nannte.

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•  Zarenbegräbnis und Wirtschaftsforum (27.09.2006)
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• Zarenfamilie Romanow will nach Russland zurückkehren (26.06.2009)
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Die gleichen kirchlichen Vorbehalte gelten auch für die nun von einer ressortübergreifenden Arbeitsgruppe der Regierung zur Beisetzung freigegebenen und amtlich als identifiziert geltenden sterblichen Überreste: „Gläubige Menschen haben da noch viele Fragen“, so Kirchensprecher Wsewolod Tschaplin.

Das Patriarchat hat deshalb nochmals die Ermittlungsbehörden, die Gerichtsmedizin und ein Genetikinstitut der Akademie der Wissenschaften um Stellungnahmen gebeten: Der Klerus möchte wissen, welche weiteren Analysen vorgenommen werden könnten, um felsenfest jedweden Reliquienschwindel auszuschließen.

Doch aufgeschoben wird der Termin am 18. Oktober deshalb nicht mehr – und auch danach wird kaum noch jemand die Petersburger Gruft zu Analysezwecken öffnen. Deshalb wird es sich für die Kirche erneut nicht um eine Beisetzung von Heiligengebeinen handeln.

Protokollarisch einfacher: Es sind Gebeine, keine Reliquien


Doch dieses Tieferhängen scheint für alle Seiten zugleich die beste Lösung zu sein: Georgi Wilinbachow, Russlands Chef-Heraldiker und oberster Zeremonienmeister des Kremls, kommt es entgegen, weil er so die Bestattung des Thronerben und seiner großen Schwester würdig, aber mit weitaus geringerem religiösem Zeremonial planen kann.

„Unabhängig von aller Politik und sonstigen Umständen – wir begraben hier ermordete Kinder“, sagt er. Für das nach dem Muster der Bestattung von 1998 ausgearbeitete Ritual sei es auch ohne Bedeutung, ob nun Vertreter der Staats- oder Kirchenführung teilnehmen oder nicht - „das entscheide jeder für sich“, so Wilinbachow.

Dank ihrer Dauerzweifel muss sich auch die russisch-orthodoxe Kirche nicht mit dem Problem herumschlagen, dass für sie verehrungswürdige Reliquien zugleich Inventar eines Museums sind: Die Peter-Pauls-Kathedrale, zugleich die Familiengruft der Romanow-Dynastie, gehört nämlich nicht der Kirche, sondern – wie die ganze Peter-Pauls-Festung - dem städtischen Geschichtsmuseum.

Den Kult um die Zarenfamilie pflegt die Kirche umso mehr in einer erst nach deren Heiligsprechung errichteten neuen Wallfahrtskirche am Ort der Erschießung in Jekaterinburg - sowie in einer Klosteranlage vor der Stadt am Fundort der Gebeine.

Der Romanow-Clan ist zufrieden


Keine Status-Probleme mit der Beisetzung haben hingegen die weitverstreuten Nachfahren der Romanow-Dynastie. Der Vorsteher dieses Familienbundes, Prinz Dimitri Romanow, im Zivilleben ein pensionierter dänischer Bankier, begrüßt die Wiedervereinigung der letzten Zarenfamilie ohne Vorbehalt: „Das Begräbnis ermöglicht, eine tragische Seite in der russischen Geschichte endgültig umzublättern“, sagt er.

Er immerhin hat sein Kommen zugesagt.



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