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Natalja Iwanowa (Foto: Prochnow/.rufo)
Natalja Iwanowa (Foto: Prochnow/.rufo)

Ein Verstoß gegen alle Regeln

Russland hat große Schriftsteller hervorgebracht: Puschkin Dostojewski, Tolstoj ... Doch welche Stellung hat die aktuelle russische Literatur heutzutage? Die erste Chefredakteurin der Literaturzeitschrift „Znamja“, Natalia Iwanowa, sprach mit Stephanie Prochnow von russland-aktuell.RU über Stagnation, Veränderungen und vielversprechende Neuerungen in der russischen Literatur.

Frau Iwanowa, Sie sind eine Kennerin der sowjetischen und der aktuellen russischen Literatur. Was hat sich nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion im Literaturbetrieb verändert?
Die Rolle der Schriftsteller hat sich sehr gewandelt. In der Sowjetunion waren sie alles. In dieser Zeit gab es viele Pseudo-Führer und die Schriftsteller haben als Gegenpart die seelische Führung innegehabt. Man hörte ihnen zu und vertraute ihnen. Die Position der Literaturkritiker war ebenfalls sehr hoch. Kritiker haben die Texte dechiffriert, indem sie die Formulierungen so veränderten, dass die Leser sie richtig verstanden, ohne dass der Schriftsteller ins Gefängnis kam. Dann kam die Freiheit und die Position der Schriftsteller verfiel. Heute ist ein Autor nur noch einer unter vielen - wie in den meisten anderen Ländern.

Wie spiegeln sich die gesellschaftlichen Veränderungen in der Sprache?
Früher hatten wir eine allegorische Sprache. Schriftsteller, wie Jurij Trifonow oder Fasil Iskander haben sich Zeichen ausgedacht. Das war eine Art Vereinbarung zwischen den Lesern und den Schriftstellern, sich über Umwege, zum Beispiel mit Metaphern, auszudrücken. Die Leser mussten zwischen den Zeilen lesen. Das war eine sehr interessante Sprache. Brodsky bemerkte beispielsweise, dass die Literatur der Sowjetepoche schwierig war und zum Denken anregte. Jetzt ist diese „äsopische“ Sprache nicht mehr nötig. Die Schriftsteller wenden sich direkt an die Leser. In der Sprache gibt es viele Vulgaritäten, was vielleicht inhaltlich dadurch bedingt wird, dass die Literatur alles Düstere aus der Wirklichkeit herausgreift. Die neue Generation der Schriftsteller benennt in ihrem kritischen Realismus alles, was früher tabu war. Zum Beispiel Erotik. Und sie benutzen die Sprache der Straße, Knast-Ausdrücke und Schimpfwörter.

Wie sieht es mit der Sprache der russischen Emigranten aus? Ist sie anders als die der Daheimgebliebenen?
Wenn ich die Sprache der Emigranten höre oder lese, die nach der Revolution ausgewanderte sind - oder auch die ihrer Nachkommen - dann ist es, als würde ich Wasser aus einer reinen Quelle trinken. Das ist die Sprache, die man den jungen Schauspielern an der Moskauer Akademie für Kunst vermittelt. Und die dritte Welle der Emigranten vor der Perestrojka – diese Sprache hätte ich lieber nicht gehört. Ich kenne sie aus Amerika, wo die Russen in ihren Ghettos leben. Die Sprache lässt sich mit dem Pigeon-Englisch vergleichen: Ein Mix aus der russischen Provinz und dem Ukrainischen. Das ist ein vollkommener Verstoß gegen alle Regeln.

Ist jetzt in der russischen Literatur denn alles erlaubt?
Ja. Ich weiß nur nicht, ob das gut ist. Die Verlage sollten sich bemühen, die Vulgaritäten einzuschränken. Momentan gibt es solch eine Grenze nicht. Aber ich bin gegen die Zensur. Ich bin dafür, dass alle alles lesen können, was sie wollen.

Das Interesse der Russen an guter Literatur scheint insgesamt nachgelassen zu haben.
Ja. Heute sind die meistgelesenen Bücher Unterhaltungsliteratur. Ein Beispiel: Am Anfang der Perestroika kauften zwei Millionen Menschen „Doktor Schiwago“. Heute ist unsere ganze Gesellschaft von der Trash-Kultur angesteckt. In der Metro sehe ich Menschen, die nur Detektivgeschichten und Romane zweiter Klasse lesen. Mit Ausnahme sehr junger Leute, die gute Literatur lesen – wie zum Beispiel Pelewin. Wenn ich einen Detektivroman aufschlage, ertrage ich nicht mehr als einen Absatz. Warum also ist die Massenliteratur so populär geworden? Sie ist ein Abbild von unserer abenteuerlichen Zeit. Sie greift Beispiele aus dem wirklichen Leben auf: Verbrechen, Mafia, Polizei. Für die Menschen ist es ein Trost zu lesen, was auf der Straße passiert.

Ist anspruchsvolle Literatur also nur noch für die „Intelligenzia“?
Ja, ich fürchte ja. Es gibt eine elitäre Literatur, die in sehr kleiner Auflage erscheint: 200 – 300, nicht mehr als 1000 Exemplare.

Wie steht es denn dann insgesamt um die Qualität der russischen Literatur
? Die Pessimisten sagen: Die russische Literatur ist gestorben. Die Optimisten sagen: Alles wird gut. Man kann sagen: Das Glas ist halb voll oder das Glas ist halb leer. Ich denke, unsere Literatur durchlebt gerade eine kritische Phase. Die ältere Generation wie Fasil Iskander und Andrej Bitow kopieren sich nur noch selber. In ihren Büchern gibt es nichts Neues mehr.

Was sind dann die „neuen Seiten“, die auf der Buchmesse in Frankfurt vorgestellt werden sollen?
Das wichtigste an diesen „neuen Seiten“ ist, dass unsere 30-jährigen Autoren ein unerwartetes Interesse für die „existenzielle Literatur“ entdeckt haben. Sie lesen Bücher nicht nur auf Russisch, sondern auch in anderen Sprachen. Sie sind offener für die Welt. Das ist auserlesene, tiefe Literatur. Zum Beispiel die Erzählungen von Jelena Dolgopjat. Sie zeigt kleine, fantastische Verschiebungen in der Realität. Oder der Roman meiner Tochter Maria Rybakowa „Die Reise von Anna Grom“. Oder Ilja Kotschergin, der in der Art des Post-Post-Modernismus schreibt. Sie sind alle sehr unterschiedlich, aber interessant.

Wer ist Ihr Lieblingsschriftsteller?
Dostojewski. Der hat alles. In seiner Literatur sind Gogol, Puschkin, Lermontow - alle früheren Klassiker - enthalten. Er hat Russlands Schicksal vorhergesehen. Zum Beispiel in den „Dämonen“. Und alles was in Russland jetzt passiert, hat er bereits in „Schuld und Sühne“ prophezeit. Wie sehr er für Russland steht, zeigt, dass er die Menschen immer noch anspricht. In der Zeit, in der das russischen Fernsehen nur Serien über Verbrechen und Polizei zeigt, gab es vor kurzem eine mehrteilige Verfilmung von Dostojewskis „Idiot“. Sie erreichte eine Zuschauerquote von 40 %.

In Deutschland ist Wladimir Sorokin sehr populär. Was halten Sie von seinen Büchern?
Ich kann sie nicht ausstehen. Seine Hauptmetapher ist das „Scheißleben“. Sorokin hat mit Literatur gar nichts zu tun. Das ist Pseudo-Literatur. Er hat nichts Neues in zum Schriftgut beigetragen. Autoren wie er werden an die Oberfläche gespült und verschwinden wieder. Zu seiner Popularität haben nur die Skandale geführt. Dass er ein Deutschland erfolgreich ist, erkläre ich mir so, dass die Slawisten den Lesern ihren Geschmack aufgezwungen haben. Sie analysieren seine Sprache sehr interessant.

Was hat es mit den Protesten der Putin-Jugend gegen Sorokins Literatur auf sich? Wurden sie vom Kreml gesteuert?
Der Kreml hat ganz andere Sorgen. Dort interessiert man sich für wichtigere Dinge. Ziel des Kremls ist die Machtkontrolle. Die heutigen Politiker interessieren sich nicht für Literatur. Gorbatschow hat sich noch mit Vorzeige-Literaten getroffen. Putin hält sich vollkommen aus dem Literaturbetrieb heraus. Es lässt sich mit dem sowjetischen Sprichwort ausdrücken „Die Frikadellen sind auf der einen Seite, die Fliegen auf der anderen“.

Aber die Politik mischt sich doch ein: Der Bildungsminister erstrebt die Einführung neuer Lehrpläne an den Schulen. Zukünftig sollen oppositionelle Schriftsteller wie Pasternak nicht mehr zur Pflichtlektüre gehören. Mehrere Autoren haben dagegen protestiert.
Ja, der offene Brief in der „Iswestia“ war von mir. Ich hatte vergessen ihn zu unterschreiben, bevor ich die Unterschriften von den anderen Autoren gesammelt habe. Ich bin der Meinung, dass man unsere tragische Geschichte nur verstehen kann, in dem man diese Literatur liest. Das heißt Mandelstam, Pasternak und Achmatowa. Das ist die Geschichte der Lager, des sowjetischen Terrors. Im Unterschied zu Deutschland haben wir noch keine Geschichtsaufarbeitung geleistet. Das ist die Kampf um unsere Zukunft und unsere Kinder sind die Zukunft. (sp/.RUFO)

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Der Winter ist eingezogen. Für ein paar Monate können sich die Russen in den Moskauer Parks an zahlreichen Eisskulpturen erfreuen. (Topfoto: Ballin)



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