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Michail Jelisarow (Foto: Archiv Jelisarow)
Michail Jelisarow (Foto: Archiv Jelisarow)

Schreiben – der einzige Weg zu leben

Michail Jelisarow machte in diesem Jahr mit seinem kurzen Roman „Die Nägel“ (Reclam Verlag Leipzig, 2003) Furore. Über seine Ansichten zur gegenwärtigen russischen Literatur und seine Perspektiven als Autor sprach in Berlin Xenia Bordukowa für russland-aktuell.

Russland präsentiert sich 2003 als Gastland auf der Frankfurter Buchmesse unter dem Motto „Neue Seiten“. Zeigt die russische Literatur Ihrer Meinung nach wirklich neue Seiten?
Es ist die Weiterführung eines Prozesses, der unendlich dauert. Neu kann man ihn nicht nennen, das heißt, es ist eine normale Entwicklung. Alle Augenblicke etwas zu fixieren und als „neu“ zu bezeichnen, finde ich unproduktiv. Für mich ist im Prinzip alles gleich geblieben. Heute zählen andere Dinge, nicht unbedingt Neues und Ungewöhnliches in der Literatur. Ich kann zum Beispiel nicht sagen, dass Pelewin superneu ist, er arbeitet mit relativ alten Mitteln, dafür aber sehr gut. Oder Prochanow. Das ist, wenn man so will, eine sehr archaische, massive sowjetische Literatur, aber eben gut gemacht.

Sie haben gesagt, in Russland wohnen Sie eigentlich nirgendwo mehr. Wo leben Sie jetzt?
Jetzt lebe ich hier, in Berlin. Was aber in zwei Monaten sein wird, kann ich nicht sagen. Ich lebe hier, solange es sich leben lässt. In Hannover konnte ich wegen des Filmstudiums bleiben. Wenn ich gleich nach Berlin hätte kommen können, wäre das besser gewesen. Wenn es eine Möglichkeit gegeben hätte, nach Paris zu gehen, wäre ich nach Paris gegangen. Für immer will ich aber nicht ins Ausland. Wahrscheinlich werde ich nach Moskau zurückziehen und dann an einen anderen Ort ... Es gibt so viele schöne Städte.

Wie haben Sie Ihren Verlag in Deutschland gefunden?
Mein Verlag in Moskau hat Kollegen in Deutschland. Das heißt, ich habe eine Literaturagentin hier, Galina Dursthoff, und über sie habe ich meinen Roman herausgebracht... Ich sage selbst schon „Roman“, aber eigentlich ist es eine Novelle, die hier als Roman erschienen ist.

Fühlen Sie einen Unterschied im Umgang zwischen den deutschen Verlagen und ihren Autoren und den russischen Verlagen?
Ja, zweifelsohne. Hier kommuniziere ich auf Deutsch, dort auf Russisch und das macht in der Tat einen großen Unterschied aus. Denn eine Sprache beinhaltet ja die Umgangsformen. Die russische Sprache, mit ihrer Art zu kommunizieren, ihrer Mentalität, ist etwas völlig Anderes. Die deutsche Sprache beinhaltet eine andere Mentalität und dadurch werden Beziehungen ganz anders gestaltet. Auf jeden Fall, wenn man mit meinem Wortschatz arbeitet. Auf Deutsch hat noch nie Michail Jelisarow gesprochen, immer spricht nur sein Wortschatz.

Haben Sie einen Dolmetscher?
Ich habe eine Übersetzerin. Ins Deutsche wurde das Buch von der Professorin aus Leipzig, Hannelore Umbreit, übertragen. Ich denke, dass sie das gut gemacht hat, da dem Publikum mein Buch zu gefallen scheint. Auf jeden Fall reagierten die Zuhörer, zumindest bei den Lesungen, normal. Daraus schließe ich, dass der Text richtig übersetzt wurde. Seine künstlerische Qualität kann ich allerdings nicht beurteilen.

Warum fiel in Deutschland die Wahl ausgerechnet auf „Die Nägel“?
Im Verlag sitzen Experten, die entscheiden, was für die deutschen Leser interessant sein könnte und nach ihren Maßgaben haben sie einen längeren Text ausgewählt. Soweit ich das verstanden habe, lesen die Deutschen keine Kurzgeschichten. Möglicherweise sind sie an Erzählungen nicht sehr interessiert oder Erzählungen sind für die deutschen Leser zu fern.

Möchten Sie nicht einen Roman schreiben?
Das habe ich bereits. Der Titel ist "Pasternak" und die Kritik schrieb – es klingt zwar wie ein Kompliment, macht mich aber dennoch nicht froh – es sei das zweite Ereignis nach Pelewins „DPP“ („Dialektik der Übergangsperiode“). Man will doch immer das erste Ereignis sein. Aber der Roman ist raus und wird in Frankfurt vorgestellt. Nach den Kriterien der russischen Literatur ist er mit 300 Seiten ein vollwertiger Roman. Aber ich mag lieber die kurze Form, sie ist mobiler. Mir gefallen Geschichten, die man jemandem am Tisch erzählen kann, ohne dass der Mensch sich zu langweilen beginnt. Ich finde es anstrengend, wenn in einer literarischen Manier sehr lange viel erzählt wird.

Und wie haben Sie dann Ihren Roman geschrieben?
Er ist etwas anders strukturiert, besteht aus sechs zusammenhängenden Teilen, die in sechs unterschiedlichen Stilrichtungen geschrieben sind. Eigentlich dürfte es nicht langweilig sein. Ob dieser Roman auf Deutsch erscheint, entscheide nicht ich. Und eigentlich ist mir das auch egal. Darum zu kämpfen, dass du auch in anderen Sprachen gelesen wirst, lohnt sich aus finanzielle Sicht nicht wirklich, es ist kein Wahnsinnsverdienst.

Ist für Sie der Platz auf dem russischsprachigen Markt am wichtigsten?
Auf jeden Fall schreibe ich nicht für das europäische Publikum. Mein Publikum ist Russland. Ich rechne nicht mit den deutschen Lesern, versuche nicht, ihren Interessen entgegen zu kommen. Es ist das Schlimmste, wenn ein Autor sich anpasst, weil er damit den Boden unter den Füßen und das Selbstgefühl verliert. Es gibt auch hier interessante Geschichten, aber es sind unzählige Emigrantengeschichten, die es immer gab und immer geben wird. Ich kann mir nicht vorstellen über dieses Land schreiben zu müssen. Worüber auch? Hier gibt es keine Themen für mich.

In ihrer Novelle „Die Nägel“ haben Sie Missgeburten zu ihren Helden gemacht, die ihr ganzes Leben lang von ihrer Umwelt sadistisch behandelt werden ...
Es ist der Sadismus des Autors, nicht der Umwelt. Es ist letztendlich mein Wille, was ich mit meinen Figuren mache ...

Interessieren Sie genau solche Figuren und genau solche Themen?
Ich arbeite mit den Figuren abhängig von ihrer Flexibilität. Wie zum Beispiel ein Regisseur einen Schauspieler entsprechend seinen Fähigkeiten fordert. Wenn man sich beispielweise folgendes Sujet vorstellt: Zwei gute Milliardärssöhne treffen sich jeden Abend und diskutieren darüber, wer wem mehr geholfen hat – das ist kein Thema für mich. Der Kampf des Guten mit dem Wundervollen ist für mich kein plastisches Moment.

„Die Nägel“ war meine erste Arbeit, da habe ich, vielleicht aus Unsicherheit, übertrieben und Missgeburten gewählt. Wahrscheinlich bräuchte ich das heute nicht mehr, ich könnte auch so mit dem Material arbeiten. Aber so wie ich das sehe, kann man in Deutschland Degenerierte und unglückliche Missgeburten, talentierte Debile, die leiden und doch irgendwie gut sind, als Thema darstellen und die Leute fressen das, haben Mitleid mit ihnen, nehmen das ernst ... Hier wurde mein Buch so aufgenommen, als ob ich jemanden bedauern, mich für jemanden einsetzen würde. Sie haben sogar geglaubt, dass alles wahr ist und so etwas in Russland tatsächlich passieren kann. Zuerst hat mich das etwas verwirrt, doch dann dachte ich, sollen sie das nehmen wie sie wollen, es ist ihre eigene Sache.

Ich hatte nie vor, jemanden zu bedauern. Das alles ist nicht wirklich, es ist ausgedacht. Aber ich fand die Idee zu der Zeit lustig, sie gefiel mir. Außerdem schrieb ich sowieso alles für die Schublade. Es kam dann nur zufällig in den Verlag. Ich wollte ja alles schon sein lassen, weil keiner es haben wollte. Wenn man sagt: Junger Mann, arbeiten Sie weiter, in etwa fünfzehn Jahren wird es schon klappen – dann halte ich das für Blödsinn. Entweder muss man alles sein lassen oder es muss in ein anderes Stadium übergehen. Somit hatte ich wohl Glück gehabt und mache weiter. Aber auch daran halte ich nicht fest, wie ich an nichts, was mich umgibt, auf Teufel komm raus festhalten würde, ob Stadt oder Land oder sonst etwas.

Fühlen Sie sich auf irgendeine Art berufen?
Überhaupt nicht. Das heißt, es gibt keinen Mechanismus, der mich antreibt zu schreiben. Höchstens Sturheit vielleicht. Es läuft jetzt alles irgendwie und das stört mich nicht, ich kann es für mich organisieren. Da das Leben in einer ukrainischen Provinzstadt die Menschen dazu bringt, dass sie sich vor Langeweile zu Alkoholikern werden, versucht man dem irgendwie zu entkommen, sich auf andere Dinge zu konzentrieren. Eigentlich gibt es seit je nur einen einzigen Grund für das Schreiben, wie auch bei allen anderen Künsten – das Geldverdienen.

Und was ist mit Selbstausdruck?
Wenn das jemand für sich behauptet, glaube ich ihm nicht. Weshalb will er sich ausdrücken? Warum will er bekannt werden? Welchen Äquivalent erwartet er von der Gesellschaft dafür? Eine Frau, ein Auto, eine Wohnung? Es läuft doch immer wieder auf ein materielles Objekt hinaus und das hat einen gemeinsamen Nenner – das Geld.

Ist für Sie das wichtigst Ziel, Geld zu verdienen?
Es ist für mich nicht das wichtigste Ziel. Ein solches Ziel existiert für mich überhaupt nicht. Es ist einfach der einzige Weg für mich zu leben.

Halten Sie sich für einen „modischen“ Autor?
„Ein modischer Autor“ ist keine schöne Bewertung. Mir gefällt sie nicht, weil „modisch“ eine Art dümmliche Facon ist, die ein Jahr lang getragen wird und dann nicht mehr. Ich würde nicht als „modisch“ bezeichnet werden wollen. Wenn das aber doch passiert und ich dann, wie eine Facon, weggelegt werde, dann ist das eben mein persönliches Problem. Ich will hoffen, dass es länger dauern wird, als eine Saison. Aber ich habe auch nicht vor, mich deshalb zu quälen.

Kerstin Holm bezeichnet Sie in der „FAZ“ als „des Teufels Virtuose“. Berührt Sie gute und schlechte Kritik?
Die deutsche Kritik ist sehr gut zu mir. In der russischen Kritik wurde genauso viel Gutes wie Schlechtes gesagt, aber das liegt daran, dass dort getrennte Literaturgattungen existieren, die nichts gemeinsam haben. In Deutschland wird nicht so abgegrenzt, obwohl es in der Literatur absolut unterschiedliche Ereignisse gibt, die sich in nichts überschneiden. Und überall gibt es die ganz eigenen Genies und Nichtgenies.

Was halten Sie von Vergleichen mit Gogol oder Kafka?
Klingt gut, ist aber eine Art Krücke, die dem Leser gereicht wird, damit er genau weiß, wie er den einen oder anderen Autor verdauen kann. Ich glaube, dass es eine falsche Methode der Literaturkritik ist, den einen mit dem anderen zu vergleichen und nicht etwas eigenes hervorzuheben. Obwohl das klasse Vergleiche sind, es ist ja nicht schlecht, Gogol zu sein, oder?

Sie sind ausgebildeter Opernsänger. Haben Sie die Musik verlassen, weil Sie dort nichts verdient haben?
Wenn bei einem Künstler etwas nicht klappt, deformiert es ihn als Menschen und er entwickelt sich zu einer Art Missgeburt, die den anderen das Leben schwer macht. Das Schlimmste auf der Welt sind nicht anerkannte Schauspieler, Schriftsteller oder Sänger, das ist ein sehr unangenehmes Publikum. Man sollte dann einfach die Kraft haben, es sein zu lassen. Ich habe die Ausbildung als Sänger gemacht, habe gearbeitet und hätte noch lange auf dem durchschnittlichen Niveau eines Opernsängers existieren können und, wer weiß?, vielleicht nach zehn Jahren Übung hätte auch etwas geklappt. Aber ich war einfach nicht mutig genug, das weiter zu machen. Ich habe gesehen, dass ich zu einem schlechten Menschen werde und habe das für einige Zeit sein gelassen. Heute singe ich regelmäßig für mich selbst, aber nicht mehr professionell.

Und woran arbeiten Sie jetzt?
Ich habe einen Roman gemacht und werde nun wieder zur Novelle und zu den Kurzgeschichten zurückkehren. Einen weiteren Roman will ich nicht schreiben, es macht einfach zu viel Arbeit.

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Der Winter ist eingezogen. Für ein paar Monate können sich die Russen in den Moskauer Parks an zahlreichen Eisskulpturen erfreuen. (Topfoto: Ballin)



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