Wladimir Kaminer der ewige Neuankömmling. Auf der Buchmesse stellte er sein neues Buch vor. (Foto: russendisko)
Montag, 17.10.2011
Wladimir Kaminer und seine Liebesgrüße aus Deutschland
Frankfurt/Main. Es ist wieder Bücherherbst, und auf der Frankfurter Buchmesse trafen wir auch einen alten Bekannten wieder. Wladimir Kaminer, der Berliner Vorzeigerusse vom Prenzlauer Berg, stellte sein neuestes Werk vor.
Inzwischen ist er uns ja wirklich bestens vertraut. Wladimir Kaminer aus Berlin, vormals Moskau, hat in belesenen Kreisen einen ähnlichen Stellenwert wie ein Django Asül oder ein Kaya Yanar auf der Comedian-Bühne.
Nicht dass der 43-jährige ein Komödiant wäre, das mitnichten. Der Kaminer schreibt Bücher und liest sie dann auf Tour, den Leuten vor, halt wenn er gerade keine Russendisko in Berlin veranstaltet. Aber er hat eben doch diese unaufdringlich aufdringliche Art von ironischem Humor an sich, die „sein“ Deutschland staunend hinterfragt.
Im Grunde genommen beobachtet Wladimir Kaminer lediglich die Welt, die ihn umgibt, und resümiert dann in seiner drolligen Art seine eigene Sicht der Kulturunterschiede. Eigen ist ihm aber auch zweifellos sein infantil unbedarfter Stil, die neue Heimat mit den Augen des ewigen Migranten zu sehen.
Zugegeben, man kann auch nach 20 Jahren in einer für sich neuen Stadt noch etwas dazu entdecken, aber Kaminers Bild des Deutschtums hat den ewigen Charme des permanenten Wiederentdeckens.
Mit der nötigen (selbst-) ironischen Distanz gesehen, wird das der Sache sicherlich dienlich sein. Nur, wie geduldig ist das Publikum? Wladimir Kaminer am Stück zu lesen, kann auch erschöpfend sein, seine Strickmuster im Kolumnenstil bleiben irgendwie gleich.
Gespanntes Warten auf das Neue
Und doch ist man jedes Mal aufs Neue gespannt, mit was für typisch deutschen Eigentümlichkeiten er uns diesmal wieder konfrontieren wird. Denn – rechtzeitig zur Frankfurter Buchmesse – hat sich Wladimir Kaminer wieder einmal in Deutschland umgesehen.
In „Liebesgrüße aus Deutschland“, so der Titel seines eben erschienenen Buchs, nimmt er uns wieder mit, unsere Lebensweise gewissermaßen „von außen“ zu betrachten. Kauzig präsentiert er uns skurrile Geschichten aus dem Alltag, die uns schon nicht mehr auffallen wollen. Vielleicht so auch gar nicht können.
Beim Lesen seiner Bücher wird schnell klar, dass Kaminer seiner Wahlheimat einen Spiegel vorhält. Förderlich ist da sicherlich sein Bonus, die „Mitwelt“ nicht aus der zentralen Mitte zu sehen, und der Leser darf sich freuen, durch einen „Außenstehenden“ persifliert zu werden.
Selbstverständlich kommt Wladimir Kaminer auch nicht umhin, seine Landsleute mit eben diesen spitzfindigen Augen zu sehen. Und auch dass die manchmal komplett anders ticken, als seine neuen Nachbarn, vergisst er nicht zu erwähnen. Gerade diese Gegenüberstellung scheint ihm diebische Freude zu bereiten.
„Das weit verbreitete Gerücht, die Russen seien schwermütig und grob, ist ein Irrtum. Besonders in ländlichen Gegenden pflegen sie feine Umgangsformen. Beim Gespräch schauen sie einander stets in die Augen, werden niemals laut und drehen ihrem Gesprächspartner den Rücken zu“, sagt der Autor.
Akribisch erklärt er seinen Lesern, warum die Deutschen, im Gegensatz zu den Russen, keine Gurken einmachen können und warum „nur der Vogel, der vorne fliegt, abgeschossen wird“. Denn, auch das stammt aus seiner Feder: „Das Leben ist kein Joghurt“ und „sowieso nur eine Kette von Verlusten“.
Auf Litera-Tour durch die Republik
Diese praktischen Hinweise zum gegenseitigen Kennenlernen wird er natürlich auch wieder seiner Zuhörerschaft vortragen. Inzwischen ist ja doch aus der losen Zettelsammlung ein 288-seitiges Buch geworden.
„Wir machen das nächste Mal einfach da weiter, wo wir diesmal aufgehört haben“, verabschiedet er sich gerne von seinen Lesungen, die dem Publikum garantiert zwei Stunden Kurzweil bieten.
Wladimir Kaminer ist der Spagat gelungen, mit dem Herz an seiner alten Heimat zu hängen, aber bereits bestens in der Wahlheimat akklimatisiert zu sein. Nur, wann wird er es endlich schaffen, dort anzukommen…
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