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Nach diesem Mann fahnden jetzt die weißrussischen Behörden: Phantombild des Bombenlegers (Foto: lifenews.ru)
Nach diesem Mann fahnden jetzt die weißrussischen Behörden: Phantombild des Bombenlegers (Foto: lifenews.ru)
Dienstag, 12.04.2011

Minsk: Großes Rätselraten um Terror-Urheberschaft

Minsk. Wer hat die Explosion und das Blutbad in der Minsker Metro auf dem Gewissen? Der Anschlag passt in Bezug auf Weißrussland in keines der üblichen Schemen von Terrorismus, Opposition oder Herrschaftsausübung.

Für Weißrussland ist der Terrorakt in der Minsker Metro ein tiefer Schock. Minsker Blogger scheuten sich nicht, Bilder der Bombenopfer mit zerfetzten Gliedmaßen oder halbnackt auf der Straße liegende Tote zu veröffentlichen.

Anders als im Terror-geplagten Russland oder den meisten westeuropäischen Staaten konnte sich die dortige Bevölkerung bisher sicher fühlen vor derartigen wahllosen Angriffen auf nichts ahnende und unbeteiligte Bürger. In Angst und Ungewissheit mussten dort bislang eigentlich nur jene Menschen leben, die gegen das autoritäre Regime von Präsident Alexander Lukaschenko aufbegehrten und sich offen zur unterdrückten Opposition bekannten.

Nachbeben: Leichte Panik im stillen Minsk


Wer immer auch die Bombe gelegt hat, er wollte das mit harter Hand geführte Land destabilisieren und verunsichern. Das ist geglückt, denn noch tags darauf gingen in Minsk panische Gerüchte über neue Explosionen um – und die Leute rieten sich gegenseitig ab, öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen und das Stadtzentrum zu meiden.

Dabei waren Sicherheit und Stabilität zwei politische Joker, mit denen „Väterchen“ Lukaschenko die unpolitische Masse seiner Staatsbürger für sich einnehmen konnte.

Weißrussland war alle Sowjetnostalgiker so etwas wie ein vorbildhaft sicherer Hafen, in dem noch die alte Ordnung herrschte. Weißrusslands Präsident träumte sogar davon, dass sein – gegenwärtig in einer tiefen Finanzkrise steckendes - Land aufgrund dieser Qualitäten in Zukunft einmal ein international gefragter Anleger-Standort werden wird.

Lukaschenko Stunden zuvor: "Bei uns gibt es keine Explosionen"


Nur wenige Stunden (!) vor dem Anschlag sagte er wörtlich: „Geld liebt die Stille, es braucht keine Demonstrationen, Explosionen und Prügeleien. Sobald irgendwo Streitereien beginnen, verlässt das Kapital das Land. Deshalb schätzt man uns dafür, dass wir lange Zeit ein ruhiges Leben garantieren konnten. Wenn das auch weiterhin so sein wird, haben wir eine gute Perspektive.“

Mit diesen paradiesischen Vorstellungen ist nun Schluss – und dies dürfte Lukaschenko Probleme bereiten, die schwerwiegender sind als der eventuelle machtpolitische Nutzen, den er jetzt aus dem Attentat ziehen kann.

Ein guter Grund zum Verschärfen der Herrschaft


Wie es sich für einen Staats-Chef, erst recht einen autoritären, gehört, hat Lukaschenko seine Sicherheitsapparate dazu aufgerufen, das Land auf der Suche nach den Tätern umzukrempeln: Sprengstoff, illegaler Waffenbesitz, revolutionäre Umtriebe – dies alles gilt als verdächtig und ist zu unterbinden. Selbst die Szene der Militaria-Fanatiker, die auf den Schlachtfeldern des Zweiten Weltkriegs heimlich nach noch verwendbarem Kriegsgerät sucht, ist ihm ins Visier geraten.

Bei Russland-Aktuell
• Minsk schwirrt vor Gerüchten über neue Anschläge (12.04.2011)
• Minsker Behörden haben zwei Verdächtige im Visier (12.04.2011)
• Metro-Terror: 12 Tote, 157 Verletzte, Fahndung läuft (12.04.2011)
• Umsturz! Lukaschenko beschuldigt Deutsche und Polen (20.01.2011)
• EU straft Minsk wegen Repressionen gegen Opposition (13.01.2011)
In der Opposition rechnet man jetzt selbstverständlich mit einem weiteren Anziehen der Daumenschrauben – wobei eine Steigerung der politischen Unterdrückung nach der Verhaftung fast aller Lukaschenko-Gegenkandidaten nach den Wahlen im Dezember ja kaum noch denkbar ist.

„Anti-Terror-Maßnahmen“ können für den einzigen Quasi-Diktator Europas nun ein guter Vorwand sein, allgemein Kontrollen und Vorschriften zu verstärken – wobei er sich im Klaren sein wird, dass er mit der Schaffung eines totalen Polizeistaates seiner Beliebtheit nicht gerade Vorschub leistet. Und Lukaschenkos Herrschaft fundierte sich bisher immer auch auf die Zustimmung der breiten Masse des Volkes.

Bomben gegen Bürger sind nicht die Handschrift der Lukaschenko-Gegner


Die Vermutung, in irgendeiner Form stecke das Regime selbst hinter dem Bombenattentat, ist deshalb eher unwahrscheinlich. Genauso wenig scheint es denkbar, dass die Lukaschenko-Gegner im Land jetzt zu solchen Methoden greifen könnten. Bisher hat sich die weißrussische Opposition durch betonte Gewaltfreiheit und zivile Formen des Widerstands ausgezeichnet.

Lukaschenko hat deshalb vielleicht gar nicht so unrecht, als er in einer ersten Reaktion auf die Tat von einer Spur „von draußen“ sprach – die Metro-Bombe passt einfach nicht ins Bild des weißrussischen Alltags.

Hobbyterroristen oder schlichtweg ein Irrer am Werk?


Wenn gleich es in der stillen Republik schon vor drei Jahren einmal einen Terrorakt mit einer ähnlichen Splitterbombe gab: Bei einem Bombenanschlag während eines Festes wurden 50 Menschen verletzt. Die Urheber wurden nie ermittelt, niemand bekannte sich zu der Tat.

Ganz auszuschließen ist deshalb nicht, dass sich in der mundtot gemachten weißrussischen Gesellschaft eine radikale Terrorzelle mit pseudo-politischer oder -religiöser Ideologie gebildet haben könnte, die sich derartigen Methoden verschrieben hat.

Ebenso könnte der Bombenleger schlichtweg ein psychisch gestörter Einzeltäter sein, wie sie als Amokläufer, Briefbomber oder Selbstmordattentäter ja schon in vielen Ländern der Welt unvermittelt aufgetreten sind.

Kaukasischer Terror nutzt unkontrollierte Grenze?


Nur weil es ihn bisher in Weißrussland nicht gab, streichen die meisten Analysten jetzt auch den islamistischen Terror gleich wieder von ihrer Listen der potentiellen Urheber. Dies ist etwas vorschnell, denn bekanntlich weiten Al-Kaida und Co. ihre Wirkungskreise immer weiter aus – auch Deutschland hätte sich vor wenigen Jahren die Umtriebe von „Kofferbombern“ nicht träumen lassen.

Zwar führt Weißrussland weder in Tschetschenien noch in Afghanistan, dem Irak oder Libyen irgendwelche als „anti-islamisch“ auszulegenden Kriege. Aber immerhin ist Minsk mit Moskau in einer formellen Staatengemeinschaft liiert, was Terrorstrategen als strafbare Duldung der russischen Kaukasus-Strategie auslegen könnten. Außerdem wurden just Anfang April im Rahmen einer (auch Kasachstan einschließenden) Zollunion die Zollkontrollen an der russisch-weißrussischen Grenze abgeschafft.

Dies könnte den kaukasischen Terror-Untergrund zu der Idee verleitet haben, die in Moskau schon mehrfach angewandte Methode der Metro-Anschläge doch einmal gefahrlos zu exportieren. Für diese Version spricht, dass in Minsk einen Tag nach dem Anschlag mit einem Phantombild nach einem Mann mit „kaukasischem Äußeren“ gefahndet wird, der die Bombe unter der Bank auf dem Bahnsteig deponiert haben soll.

Neuer Isolationismus - als Antwort auf Import-Terror


Einen kaukasischen Bombenleger könnte natürlich auch jede mittelprächtige Geheimdienst-Struktur aus Russland, Polen, Israel, USA oder sonst ein an erhöhter Nervosität in Weißrussland interessierter Strippenzieher engagiert haben. Letztlich ist dies ja nur eine Frage des Geldes – damit lassen sich bekanntlich ja sogar an der Ostseeküste Piraten engagieren.

Bestätigt sich diese Art von „importierten Terror“, könnte Lukaschenko dies zum Vorwand nehmen, die weitere Annäherung an Russland zu stoppen und eventuell auch die Grenzen wieder abzuriegeln.

Sollte der „Batka“ dies wirklich tun – was ihm angesichts der russischen Hegemonie in der ungleichen Partnerschaft möglicherweise als geeigneter Schritt zur Sicherung seiner Herrschaft erscheinen könnte - ist dies aber auch noch kein Beweis dafür, dass Lukaschenko auch selbst hinter dem Anschlag steckt.

Politik ist schließlich eine Kunst des richtigen Ausnutzens der aktuellen Umstände. Und die können sehr kompliziert sein, selbst wenn es um die Frage geht, wer eine Bombe gelegt hat.

Der Moskauer Politologe Jewgeni Mintschenko hält es beispielsweise für möglich, dass es sich bei dem Minsker Terrorakt um „eine Einmischung von außen unter Einbeziehung der Aktivitäten irgendwelcher radikaler Oppositioneller mit Mittäterschaft von Personen aus der Staatsführung, welche auf diese Weise ihre eigenen Interessen bei internen Machtkämpfen verfolgen“ handelt. So weit, so unklar.



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