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Lew Tolstoi (Foto: tulanet.ru)
Lew Tolstoi (Foto: tulanet.ru)
Donnerstag, 28.08.2003

Der Moralist aus Jasnaja Poljana

Von Karsten Packeiser, Moskau. Staat und Kirche übergoss er mit ätzender Kritik, den Literaturnobelpreis wollte er nicht annehmen, obwohl er Anfang des 20. Jahrhunderts als größtes Genie der Weltliteratur galt. Schließlich verließ er kurz vor seinem Tod die Familie, um als Mönch ein neues Leben zu beginnen. Nicht nur in Russland ist Lew Tolstoi bis heute als Schriftsteller und moralische Autorität anerkannt. In Jasnaja Poljana, dem Landgut des adligen Dichters, und anderswo in Russland wird in diesem Jahr dessen 175. Geburtstag gefeiert.

Auf dem Landsitz seiner Eltern, gut 200 Kilometer südlich von Moskau, wird Tolstoi am 9. September (28. August nach dem vorrevolutionären julianischen Kalender) 1828 geboren. Früh verwaist, meldet er sich nach einem abgebrochenen Jura- und Orientalistik-Studium zur Armee und kämpft im Kaukasus gegen die Bergvölker, die sich gegen den Anschluss an das Russische Reich wehren. Später nimmt er auch am Krim-Krieg teil.

Jasnaja Poljana (Foto: tulanet.ru)
Jasnaja Poljana (Foto: tulanet.ru)
Seine berühmtesten Romane, die Tolstois weltweiten Ruhm begründen, schreibt er nach seiner Rückkehr auf das Grafen-Gut Jasnaja Poljana. 1865 entsteht das Epos „Krieg und Frieden“, das die Befreiung Russlands von Napoleon beschreibt, 1877 die dramatische Geschichte der „Anna Karenina“. Von Anfang an spricht sich Tolstoi in seinen Werken für mehr soziale Gerechtigkeit aus und prangert die Leibeigenschaft der russischen Bauern und die Todesstrafe an. Der Dichter propagiert einen schlichten, asketischen Lebensstil. Die bodenständige, patriarchalische Landbevölkerung wird für ihn zum Vorbild, auch äußerlich. Der Graf trägt statt eleganter Anzüge lieber robuste, einfache Arbeitshemden wie die Bauern der Umgebung.

In seinem Spätwerk wendet sich Tolstoi noch stärker ethischen Grundfragen zu und wird mehr und mehr vom Schriftsteller zum Laientheologen. Auf der Suche nach dem richtigen Verständnis von Gott überwirft er sich mit der orthodoxen Kirche, die er als scheinheilig geißelt, weil sie dem repressiven Zarenregime zu nahe steht.

Auch Teile der christlichen Lehre stellt Tolstoi in Frage. „Echter Glaube besteht nicht darin, an Wunder, Sakramente und Rituale zu glauben, sondern an das eine Gesetz, dass für alle Menschen der Erde Gültigkeit besitzt“, schreibt er 1887 in seinem Buch „Über das Leben“.Die Bauern von Jasnaja Poljana fordert er auf, keine Ikonen mehr zu verehren. Kathedralen und Gottesdienste erklärt er für überflüssig. Tolstoi versucht, seine Religiosität mit seiner nüchternen Rationalität in Einklang zu bringen. Christus ist für ihn nicht mehr der Sohn Gottes, sondern lediglich ein, wenn auch hoch geschätzter, Prophet, der vor allem mit seiner Bergpredigt die Menschen zu Gerechtigkeit und absoluter Gewaltfreiheit verpflichte.

Mahatma Gandhi, der mit seinem gewaltlosen Widerstand die Befreiung Indiens von den britischen Kolonialherren durchsetzt, ist ein Anhänger der Lehren Tolstois und steht mit dem Schriftsteller sogar im Briefwechsel. Er bezeichnet den Grafen gar als seinen „Lehrer“.

1901 wird der Dichter schließlich offiziell von der Kirche verstoßen. Tolstoi zeigt sich wenig reuig. „Die Lehre der Kirche ist eine theoretisch widersprüchliche und schädliche Lüge“, heißt es in einem Antwortbrief an die Heilige Synode, „fast alles ist eine Sammlung von grobem Aberglauben und Magie.“

Noch hundert Jahre später schlägt das Moskauer Patriarchat die Bitte von Tolstois Ururenkel aus, die Exkommunizierung wieder rückgängig zu machen. „Ich denke nicht, dass wir das Recht haben, einem vor einhundert Jahren gestorbenen Menschen eine Kirche aufzudrängen, von der er sich zu Lebzeiten selbst losgesagt hatte“, erklärt der russische Patriarch Alexij II. „Lew Tolstoi ist ein Genie der russischen Literatur, aber in seinem Werk gibt es Schriften mit antichristlichem Charakter.“

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Bis zuletzt bleibt Tolstoi ein Suchender. Als über Achtzigjähriger lässt er nach 48 Ehejahren Frau und Kinder auf seinem Gutshof zurück. „Ich kann nicht mehr in dem Luxus leben, wie ich es bisher tat und mache das, was gewöhnlich alte Männer meines Alters tun“, schreibt der Schriftsteller seiner Frau Sophia. „Ich verlasse das weltliche Leben, um die letzten Tage meines Daseins in Einsamkeit und Ruhe zu verbringen.“ Auf dem Weg nach Südrussland stirbt der große Dichter nach kurzer Krankheit am 7. (20.) November 1910 auf einer kleinen Bahnstation an einer Lungenentzündung. Auf seinem unscheinbaren Grab in einem Waldstück bei Jasnaja Poljana steht bis heute kein Kreuz.

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