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Freitag, 05.05.2006

Kino: Russischer Basic Instinct-Verschnitt

Moskau. „Wdoch-Wydoch“ (Ein- und Ausatmen) heißt der neue Streifen von Iwan Dychowitschny, der am Donnerstag in Moskauer Kinos anlief. Erstmals wagt sich der russische Film an psychologisches Erotikdrama heran.

Ein lebensmüder und als Folge ständig Whisky trinkender Mann mietet sich für ganze zehn Stunden eine Luxusprostituierte (pro Stunde kostet sie 500 Dollar). Statt sich der körperlichen Liebe zu widmen, nimmt er sich die Dame geistig vor.

Sie muss ihm verraten, ob und wie sie „im Beruf“ einen Orgasmus erlebt. Er zahlt es ihr mit seiner Lebensbeichte heim. Nach und nach entpuppt sich das Callgirl als seine frühere heiß geliebte Frau, die er nach sieben Jahren Ehe verließ, weil sie ihn mit einer Frau betrogen hatte.

Alles geht ineinander über


Wie bissige Kletten hatten sie aneinander geklebt, wie das Ein- und Ausatmen waren sie nicht zu trennen gewesen. Nach ihrem unkonventionellen Seitensprung hatte er versuchte er, sie mit dem Auto zu ertränken.

In all den Jahren war er von der Erinnerung an sie nicht losgekommen. Ist die Prostituierte mit seiner Frau wirklich identisch? Wohl kaum. Eine geht vielmehr in die andere über, wie beim Möbiusband, das gegen jede Logik nur eine Seite hat.

Fließend sind auch die Grenzen zwischen Hass und Liebe, Sein und Nichtsein oder Wachsein und Träumen. Es ist also ein anspruchsvoller Film mit einem gehörigen Schuss Existenzialismus daraus geworden.

Harte Liebhaberkost


Zugleich ist „Wdoch-Wydoch“ eine ziemlich harte Kost. Zwar bleibt dem Zuschauer einiges, was man sich durchaus vorstellen könnte, erspart. Schon früher boten Filmemacher in Russland gelegentlich viel offenere Szenen.

An lesbische Spiele mit kuschelweichen Daunen hatte sich vor Dychowitschny jedoch kein russischer Regisseur herangetraut. Sein neuester Film ist unbedingt sehenswert, aber eben nicht jedermanns Sache. Die Kinos, in denen er läuft, sind gelinde gesagt nicht überlaufen.

Publikum und Kritiker misstrauisch


Das heutige russische Publikum zieht unglaubhafte, dennoch leichter zu begreifende Geschichten wie „Wächter der Nacht“ und Hollywood-Action vor, obwohl der scheinbar verschrobene neue Streifen mit dem realen Leben weit mehr zu tun hat als die genannten Filme.

Bei Russland-Aktuell
• Film: Vergangenheits-Bewältigung per Kassenhit? (11.04.2006)
• Raubkopie: Russischer Doktor Schiwago auf DVD (08.04.2006)
Kritiker fielen bereits mit unverhohlener Gehässigkeit über „Wdoch-Wydoch“ her. Plagiat und sonstige Todsünden werden ihm vorgeworfen. Viele glauben allen Ernstes, jene Prostituierte sei tatsächlich die Frau des Haupthelden gewesen. Nur in einem Punkt scheinen sie Recht zu haben. Bis zum russischen „Basic Instinct“ fehlt dem Film noch ein gutes Stück.

Anekdote aus der Stalinzeit


In seinem Vorleben war Dychowitschny, Sohn eines bekannten sowjetischen Dramatikers, von der ersten Stunde an Schauspieler am berühmten Taganka-Theater gewesen. Als Regisseur machte er mit „Prorwa“, einer verfilmten Anekdote aus der Stalinzeit, von sich reden.

Bei Militärparaden ritt ein Sowjetmarschall immer auf einem Schimmel über den Roten Platz. Da ein Hengst einmal gerade fehlte, halfen sich spitzfindige Geheimdienstler mit einer unten am Pferd angebundenen Prothese aus Pappmache. Die „Erfinder“ wurden ausgezeichnet und später, als der Betrug aufflog, standrechtlich erschossen.

Lada als Leitfaden der Geschichte


Vor vier Jahren drehte Dychowitschny den Film „Kopejka“, zu dem der umstrittene Autor Wladimir Sorokin das Buch schrieb. Darin wurden die letzten 30 Jahre Sowjetgeschichte anhand des allerersten Ladas, dem die Rolle des sowjetischen „Volksautos“ beschieden war, dargestellt.

Unter wechselnden Besitzern des Wagens fanden sich ein „Held der sozialistischen Arbeit“, ein KGB-Mann und sogar der berühmte Wladimir Wyssozki, der sich betrunken ans Steuer setzte. Dieser hatte seinen Schauspielerkollegen als „drug sakadytschny, Iwan Dychowitschny“ in einem Lied verewigt, was so viel wie Busenfreund bzw. Saufkumpan bedeutet.

Geldgeber stellte keine Vorbedingungen


Missgönner sagen nun, Dychowitschny hätte bei solchen derben, volkstümlichen Streifen bleiben sollen. Der Regisseur erzählt selbst, wie er dazu kam, eine Liebesgeschichte zu verfilmen. Ein russischer Unternehmer habe ihm ohne jede Vorbedingung Geld angeboten, damit er „einen Film nach eigenem Geschmack“ drehen konnte.

Der Sponsor sei mit dem Ergebnis zufrieden, so Dychowitschny. Sein Promoter rechnet offenbar langfristig mit Erfolg. Es ist nämlich derselbe, der die Kassenhits „Neunte Kompanie“ und „Wächter des Tages“ auf die Leinwand brachte.

(adu/.rufo)


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