Tele-Helden, Sandmännchen. Die russische Fernsehlandschaft (3)
Von Karsten Packeiser, Moskau. International erfolgreiche Spielshows à la "Glücksrad", "Jeopardy" oder "Wer wird Millionär" haben längst auch das russische Fernsehprogramm erobert. Von ihren westlichen Vorbildern unterscheiden sie sich vor allem dadurch, dass die möglichen Gewinne deutlich niedriger und die gestellten Fragen wesentlich schwieriger sind.
Sendungen vom Format deutscher Samstagabend-Shows sind dem russischen Fernsehen dagegen fremd. Allenfalls die "KWN-Meisterschaften"
fallen in diese Rubrik. Die jährlich ausgetragenen Wettbewerbe studentischer Klamauk-Trupps sind ein Unikum der sowjetischen Unterhaltungskultur.
Nur wenige Talkshows
Realtiv bescheiden nimmt sich die Zahl der Talkshows im russischen
Fernsehen aus. Bei "Prinzip Domino" auf NTW dürfen mehr oder wenige
prominente Gäste mit Jelena Ischtschejewa und Jelena Changa darüber
debattieren, ob Modell ein Traumberuf ist oder nicht und ob Homosexuelle
diskriminiert werden dürfen. Beim staalichen "Rossia" erzählen in der
Sendung "Moja Semja" ("Meine Familie") mit einer Maske geschützte Gäste
über die Perversitäten ihres Privatlebens.
Im Herbst 2001 schwappte mit einiger Verspätung schließlich auch die Reality-TV-Welle nach Russland über. Den Auftakt machte der inzwischen liquidierte Sender TW-6, der eine Truppe Jugendlicher nur wenige Schritte vom Roten Platz entfernt im Erdgeschoss des Hotels "Rossia" in einem Appartment einquartierte.
Quiz-Sieger (Foto: rUFO)
"Big Brother" auf Russisch
"Sa steklom" ("Hinter Glas"), die grauenvoll langweiligen Zusammenschnitte davon, wie die Kandidaten sich die Zeit tot schlugen, wurden zu einem gigantischen Erfolg. Die Angestellten in den Moskauer Büros und die Babuschkas auf den Parkbänken diskutierten über die Charakterschwächen der Kandidaten oder die Nacktszenen aus der "Sa Steklom"-Duschkabine.
Berichte über Heiratspläne und angebliche Schwangerschaften der ganz
Russland vertrauten Reality-Darsteller schafften den Sprung auf die Titelseiten der Moskauer Presse. Bei den nächsten Staffeln mussten die Kandidaten einen Schnellimbiss gründen oder sich in einem Ausbildungslager der ukrainischen Streitkräfte drillen lassen.
Die staatliche Konkurrenz ORT trumpfte mit einem Reality-Überlebenstraining auf einer unbewohnten Insel in der Karibik auf. Millionen Russen erfuhren bei "Poslednij Geroj" ("Der letzte Held"), wie man in der Tropenbrandung Fische mit einem selbst geschnitzten Speer erlegt und Kokos-Nüsse verarbeitet. Moderiert wurde die Sendung von Sergej Bodrow junior, dem populärsten Nachwuchsschauspieler Russlands, der in dem patriotischen Action-Streifen "Brat" ("Der Bruder") landesweiten Kultstatus erlangt hatte.
Die geplante Fortsetzung musste allerdings aufgegeben, weil Bodrow bei Dreharbeiten im Kaukasus mit seinem gesamten Team von einer Gletscherlawine verschüttet wurde und seitdem als vermisst gilt.
Der "1. Kanal" sendet unterdessen eine neue Reality-Show: Bei "Fabrika
Swjosd" ("Star-Fabrik") mühen sich Möchtegern-Sternchen bei Gesangs- und Tanz-Unterricht und dürfen so lange von einem Platz in der russischen Pop-Welt träumen, bis sie von einer unbarmherzigen Jury aus der Sendung
gefeuert werden.
Vorwiegend billige Kinderprogramme
Dem Kommerz-Zwang aller russischen Sender fallen vermehrt Kinderfilme
zum Opfer, die nicht durch Bier- oder Tampon-Reklame unterbrochen werden können. Sendungen für Kinder beschränken sich bei den meisten Kanälen auf einige billige japanische oder US-amerikanische Zeichentrickfilme am Vormittag. Das russische Presseministerium verschickte im Frühjahr wegen fehlender Kinderprogramme gleich an alle großen Sender offizielle Verwarnungen.
Wenige Monate vor der Aufsehen erregenden Maßnahme, die für
Wiederholungstäter theoretisch einen Lizenz-Entzug zur Folge haben kann,
hatte ORT im zweiten Anlauf die russische Version des Sandmännchens aus
dem Programm geworfen. "Spokojnoj notschi, malyschi!" ("Gute Nacht,
Knirpse!") war seit 1964 täglich kurz vor 21 Uhr gelaufen.
Weil ORT in dieser Zeit lukrative Werbung schalten wollte, wurde die
ungeliebte Sendung an "Kultura" abgeschoben. Da der Kultursender jedoch
nicht flächendeckend empfangen werden kann, brach ein Proteststurm los.
Inzwischen hat "Rossia" die Sendung übernommen, dafür müssen Russlands
Kinder aber jetzt eine Stunde früher als gewohnt ins Bett.
(epd).
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