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An der Stelle des Mordes steht inzwischen eine Kathedrale zu Ehren der Zarenfamilie (Foto: Ballin/.rufo)
An der Stelle des Mordes steht inzwischen eine Kathedrale zu Ehren der Zarenfamilie (Foto: Ballin/.rufo)
Mittwoch, 16.07.2008

Mord am Zaren: Der Zar ist tot, lang lebe der Zar

André Ballin, Jekaterinburg. Es war das Ende und der Anfang. In jener Nacht des 16./17. Juli 1918 wurde die Dynastie der Romanows ausgelöscht – kaltblütig und unwiderruflich. Doch gleichzeitig wurde ein Mythos geboren.

Ein Erschießungskommando der Bolschewiki tötete den Zaren und seine Familie. Nikolaus II., zu Lebzeiten als schwacher Zar und Kriegsherr beim Volk recht unbeliebt, wurde nach seinem Tod zum Märtyrer erhoben. Heute ist die Todesstätte in Jekaterinburg ein Wallfahrtsort für orthodoxe Gläubige und in jedem Jahr kommen mehr Pilger.

Die Mörder kamen nachts ins Haus


Es war kurz nach zwei Uhr früh, als die Zarenfamilie in der Nacht aus dem Schlaf gerissen wurde. Unruhen seien in der Stadt ausgebrochen, es könne zu Schusswechseln kommen, erklärten die Bewacher der Romanows.

In Russland herrschte Bürgerkrieg, der Zar war bereits abgesetzt und befand sich in einer Art Hausarrest, die Bolschewiki befürchteten eine monarchistische Konterrevolution. Aus Sicherheitsgründen soll die Familie in den Keller flüchten. Der Raum war kahl und hatte dicke Wände. Immerhin wurden auf Bitte der Zarin für sie und den kranken Thronfolger Alexej zwei Stühle herbeigeschafft.

Vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun


Es sollte der letzte Wunsch der Zarin sein, denn der Keller erwies sich als Todesfalle. Ein Erschießungskommando unter Leitung des Tschekisten Jakow Jurowski tötete zuerst Nikolai II. und dann die übrigen sechs Mitglieder der Familie sowie den Leibarzt und drei Bedienstete. Vom Zaren sind noch die letzten Worte übermittelt: „Vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“.

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• Ermordete Zarenfamilie nun komplett identifiziert (30.04.2008)
• Jekaterinburg: Märtyrerkult um den ermordeten Zar (04.09.2007)
• Ural – vom Industriegebiet zum Urlaubsparadies? (24.08.2007)
Während der Zar im Kugelhagel sofort starb, dauerte die Hinrichtung der übrigen länger. Vor allem die Mädchen schienen gegen den Kugelhagel immun zu sein. Während der Gefangenschaft hatten sie Juwelen in die Mieder eingenäht, an denen die Kugeln abprallten. Daher erstachen die Mörder sie schließlich mit Bajonetten. Es dauerte 20 Minuten, ehe das Blutbad beendet war.

Vernichtung der Spuren gelang nur unzureichend


Anschließend wurden die Leichen im Schutz der Dunkelheit heimlich aus der Stadt gefahren. In einem Waldstück wurden sie entkleidet, mit Schwefelsäure übergossen und sollten verbrannt werden. Die zeitaufwendige Prozedur gelang nur bei zwei der Toten.

Da monarchistische Truppen kurz vor Jekaterinburg standen, beschlossen die Mörder, die anderen Opfer einfach zu verscharren. Anschließend ließen sie einen Lkw mehrfach über das Grab rollen, um die Romanows für immer verschwinden zu lassen.

Legenden um Überlebende


Auf diese Weise trugen die Bolschewiki – gewollt oder ungewollt – selbst zu den Spekulationen über mögliche Überlebende bei, die auch fast ein Jahrhundert später nicht verstummen. Zwar fand bereits der von den Weißgardisten eingesetzte Ermittler Nikolai Sokolow erste Mordspuren: Feuerstellen, teure Kleidungsfetzen und einzelne Knochenreste.

Doch die Leichen wurden erst vor einigen Jahren entdeckt. Die letzten beiden Toten – Thronfolger Alexej und seine Schwester Maria – wurden sogar erst in diesem Jahr per Gentest identifiziert.

Mordstätte wird zum Pilgerort


Das Ipatjew-Haus in Jekaterinburg, wo der Mord geschah, wurde freilich schon zu Sowjetzeiten zu einem heimlichen Wallfahrtsort. Ende der 70er Jahre ließ der regionale Parteichef, ein gewisser Boris Jelzin, der später zum ersten russischen Präsidenten aufsteigen sollte, das Haus sogar abreißen, um die Ansammlungen zu unterbinden.

Das Kloster in Ganina Jama verfügt über sieben Kirchen. Zu sehen: Die Kirche der Gottesmutterikone (Foto: Ballin/.rufo)
Das Kloster in Ganina Jama verfügt über sieben Kirchen. Zu sehen: Die Kirche der Gottesmutterikone (Foto: Ballin/.rufo)
Nach dem Zerfall der Sowjetunion ließ die orthodoxe Kirche den Zaren als Märtyrer heilig sprechen. An der Stelle des Ipatjew-Hauses wurde eine Kathedrale errichtet. Hoch aufragend, mit weißem Marmor, goldenen Kuppeln und Kreuzen thront die so genannte „Blutkirche“ majestätisch über der Umgebung. Im Inneren erinnern sieben Gedenktafeln an einer Seitenwand im düsteren Untergeschoss an die ermordete Zarenfamilie.

Kloster mit wundersamen Kräften entsteht am Grab des Zaren


Auch die Begräbnisstätte außerhalb der Stadt ist ein Wallfahrtsort geworden. Zehntausende Pilger besuchen das dort errichtete „Kloster der heiligen Zaren-Märtyrer“. Angeblich verfügt es über wundersame Kräfte. So soll sich ein kleiner, schwerhöriger Junge eine Zarenikone gekauft, sie ans Ohr gehalten und gebetet haben, wieder hören zu können. „Sein Wunsch ging in Erfüllung“, versichert einer der Fremdenführer im Kloster.

Und so wird die Schar der Besucher von Jahr zu Jahr größer. Vor allem am Jahrestag des Mordes zieht sich ein kilometerlanger „Kreuzzug“ von der Blutkirche zum Kloster außerhalb der Stadt. Im vergangenen Jahr nahmen gut zehntausend Menschen daran teil. In diesem Jahr könnten es schon rund doppelt so viel sein.



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