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2004 bekam Ruslan Jamadajew von Putin den Helden-Orden verliehen (Foto: kremlin.ru)
2004 bekam Ruslan Jamadajew von Putin den Helden-Orden verliehen (Foto: kremlin.ru)
Donnerstag, 25.09.2008
Aktualisiert 25.09.2008 17:13

Kadyrows größter Widersacher in Moskau erschossen

Moskau. Der gepanzerte Mercedes half nicht: In Moskau ist gestern Ruslan Jamadajew, einer der einflussreichsten Männer Tschetscheniens, ermordet worden. Versionen über die Hintergründe gibt es einige.

Jamadajew kam von einem Treffen mit einem hochrangigen Beamten der Präsidentenverwaltung, erklärte sein Bruder Issa. Er steuerte den gepanzerten schwarzen Mercedes 600 selbst. Als er gegen 17. 15 Uhr an einer roten Ampel am Smolensker Ufer anhielt, stoppte nebenan ein alter Audi 80 – und ein maskierter Mann mit einer schweren Pistole eröffnete das Feuer auf den Mercedes.

Generaloberst auf dem Beifahrersitz schwer verletzt


Die Panzerung des Fahrzeugs war der Salve von etwa 20 Schüssen aus unmittelbarer Nähe nicht gewachsen: Die Scheibe der Fahrertür kollabierte – und Jamadajew wurde tödlich getroffen. Schwere Verletzungen erlitt auch sein Begleiter auf dem Beifahrersitz: Generaloberst i.R. Sergej Kisjon war früher einmal Militärkommandant von Tschetschenien gewesen - und in dieser Funktion unmittelbarer Vorgesetzter von Jamadajew. Zuletzt diente er als Vize-Kommandeur des Leningrader Militärbezirks.

Kisjon darf als zufälliges Opfer des Mordanschlags gelten – aber es ist nicht ausgeschlossen, dass auch der ehemalige Duma-Abgeordnete und ordensgeschmückte Ruslan Jamadajew nicht das geplante Ziel des Anschlags war: Er sieht seinem jüngeren Bruder Sulim sehr ähnlich, beide benutzten in Moskau die gleichen Autos – und es war vor allem Sulim, zuletzt Kommandeur des Bataillons „Wostok“ in Tschetschenien, der in letzter Zeit ins Fadenkreuz des dortigen Republikpräsidenten Ramsan Kadyrow geraten war.

Machtkampf zwischen Kadyrow und den Jamadajews


Zwischen dem mächtigen Jungpolitiker Kadyrow und den Jamadajew-Brüdern hat es in diesem Jahr extreme Spannungen gegeben – und damit zwischen den beiden wohl einflussreichsten Clans Tschetscheniens.

Wie auch Kadyrows später ermordeter Vater Achmat hatten sich die über die Stadt Gudermes herrschenden Jamadajews im zweiten Tschetschenienkrieg auf die Seite der „Föderalen“ gestellt und aktiv an den Kämpfen gegen die Separatisten teilgenommen. Ihr Verband wurde später als „Bataillon Wostok“ (Ost) der russischen Armee unterstellt.

Bei Russland-Aktuell
• Überfall und Geiselnahme in Tschetschenien (13.06.2008)
• Machtkampf in Grosny: Kadyrow wirbt Soldaten ab (21.04.2008)
• Machtprobe in Gudermes: Kadyrow vs. Jamadajew (16.04.2008)
• Tschetschenien: Vorfahrt für Kadyrow nach Schießerei (15.04.2008)
• Staatsanwälte ermitteln gegen Kadyrows Männer (28.07.2005)
Der 46 Jahre alte ehemalige Bauarbeiter und Warlord Ruslan Jamadajew machte daraufhin in Russland auch eine offizielle Karriere: Er übernahm die Führung der Kreml-Partei „Einiges Russland“ in Tschetschenien, ließ sich 2003 in die Staats-Duma wählen und bekam 2004 von Präsident Putin den hohen Orden „Held Russlands“ verliehen. Parallel steuerte Jamadajew das Wirtschafts-Imperium des Clans: Ihm sollen in Moskau unter anderem Spielcasinos und gewerbliche Immobilien gehören.

Sulim Jamadajew kommandierte hingegen bis vor kurzem die Wostok-Einheit, die auch im Krieg um Südossetien nach Georgien einrückte. Die Existenz von direkt der Moskauer Militärführung unterstehenden Tschetschenen-Verbänden innerhalb der Republik (daneben gibt es auch ein analoges Bataillon „West“) ist aber dem ansonsten unangefochten über Tschetschenien herrschenden Kadyrow ein Dorn im Auge: Faktisch waren die Gebrüder Jamadajew zuletzt die einzigen verbliebenen realen Konkurrenten um die regionale Macht.

Im Streit um die Vorfahrt eskalierte der Konflikt


Im April kam es dann zu bezeichnenden Konflikten um die Vorfahrt in Tschetschenien: Erst starben zwei Jamadajew-Leute, als ihr Auto mit einem Fahrzeug der Kadyrow-Leibwache kollidierte. Und auf dem Rückweg von der Beerdigung konnten sich dann zwei wie üblich schwer bewaffnete Konvois von Ramsan Kadyrow und Sulim Jamadajew auf einer Landstraße nicht darüber einigen, wer wem Platz zu machen habe. Dabei wurde auch geschossen.

Der Jamadajew-Mord geschah im Zentrum Moskaus, gegenüber der britischen Botschaft  (Foto: Vesti)
Der Jamadajew-Mord geschah im Zentrum Moskaus, gegenüber der britischen Botschaft (Foto: Vesti)
Kadyrow versuchte seither, das Jamadajew-Fußvolk abzuwerben – und erklärte die Brüder faktisch zu Staatsfeinden: „Die Jamadajew-Brüder sind an einer ganzen Reihe von Schwerverbrechern beteiligt, darunter Mord und Entführungen. Verbrecher sollen im Gefängnis sitzen. Das Gesetz ist für alle gleich“, sagte er im tschetschenischen Fernsehen. Gegen Sulim und seinen Bruder Badrudin erging in Grosny Haftbefehl. Ruslan Jamadajew, der älteste der Brüderriege, galt hingegen als das „Gehirn“ der Sippe.

Jagd auf die Chefs der "ethnischen Bataillone"


Nach Aussage eines weiteren Bruders Issa hatte die Familie Informationen darüber, dass Kadyrow eine „Abrechnung“ mit ihnen plane. Im Fadenkreuz fühlen mussten sie sich spätestens seit dem 17. September, als in Grosny ein Mordanschlag auf Bislan Elimchanow verübt wurde, den Kommandeur des Sonderbataillons „West“. Er überlebte mit schweren Verletzungen.

Und bereits 2006 war in Moskau der Kommandeur eines inzwischen aufgelösten dritten Tschetschenen-Bataillons von Fahndern aus Grosny erschossen worden – angeblich wegen Widerstands beim Versuch einer Festnahme.

Oder soll Kadyrow nur perfide angeschwärzt werden?


Allerdings besteht man in Moskau jetzt darauf, dass die Hintergründe für den gestrigen Mord nicht nur in dem allgemein bekannten Machtkampf in Tschetschenien gesucht werden dürfen. „Ich warne vor voreiligen Schlüssen. Das Verhältnis zwischen ihnen (Kadyrow und den Jamadajews, d. Red.) ist zu gut bekannt. Das kann wer auch immer genutzt haben, um die Lage in Tschetschenien zu destabilisieren“, so der Duma-Abgeordnete Konstantin Satulin.

Ähnlich äußerte sich auch Kadyrows Pressesprecher: Die Mörder wollten mit der Tat die tschetschenische Führung in Verdacht bringen. Kadyrow hätte auf die Nachricht von dem Mord an einem seiner größten Widersacher „überrascht und sehr bedrückt“ reagiert.

Mögliche Motive: Mafia-Krieg oder Blutrache - oder es waren die Georgier


Angeblich, so die Zeitung „Kommersant“ heute unter Berufung auf Moskauer Ermittler, versuchten andere tschetschenische Clans auch schon länger, die Jamadajews aus ihrem einträglichen Moskauer Business zu verdrängen.

Und schließlich müsste in diesem Umfeld auch Blutrache als Motiv in Betracht gezogen werden – schließlich waren die Jamadajews über all die wilden Jahren in Tschetschenien keine Waisenknaben.

Wohl eher der politischen Konjunktur zuliebe brachte der Föderationsrats-Vizevorsitzende Alexander Torschin am Donnerstag auch noch eine „georgische Spur“ ins Spiel: Demnach hätten auch Georgiens Militärs ein Motiv, sich an dem im Südossetien-Einsatz sehr erfolgreich vorgehenden Sulim Jamadajew zu rächen – erwischten aber versehentlich dessen Bruder.






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