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Vertraute schmuggelten ein Foto von Imam Stepanenko aus der Haft, das zeigen soll, wie der Angeklagte gefoltert wurde.
Vertraute schmuggelten ein Foto von Imam Stepanenko aus der Haft, das zeigen soll, wie der Angeklagte gefoltert wurde.
Montag, 14.08.2006

Kreuzzug gegen die Wahhabiten, Muslime im Visier

Karsten Packeiser, Moskau. Als Imam von Pjatigorsk hatte Abdullah Stepanenko die Gemeinde stets gewarnt, mit Fundamentalisten gemeinsame Sache zu machen. Als angeblichem Extremist wird ihm nun selbst der Prozess gemacht.

Dass er jahrelang eine moderate Version des Islam predigte, nützt Stepanenko derzeit wenig. Wie viele andere Muslime auch geriet er in die Mühlen der Behörden, die Siege im Kampf gegen den Terrorismus vorweisen müssen.

Einziger Belastungszeuge psychisch Kranker


“Mit einem fairen Prozess hat das alles nichts zu tun“, erklärt der Moskauer Bürgerrechtler Richard Pantelejtschuk, der bei dem Verfahren als einer der Verteidiger des Imam auftritt. Sämtliche Anträge der Verteidigung würden abgelehnt. Der einzige Belastungszeuge sei ein behördlich als psychisch krank registrierter Mann. Wenn Stepanenko sich fünf Mal täglich zum Gebet auf den Zellenboden knie, kämen alle Gefängniswärter und würden sich lautstark über den frommen Häftling lustig machen. Wiederholt soll der Angeklagte gefoltert worden sein.

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Seit Jahren blickt die Moskauer Führung voller Argwohn auf die ständig wachsende muslimische Minderheit in Russland, die Schätzungen zufolge bereits über zehn Prozent der Gesamtbevölkerung ausmacht. Nicht nur in Tschetschenien bedienen sich gewaltbereite Extremisten islamischer Rhetorik.

Im Oktober 2005 wagten radikalislamische Kämpfer in der Kaukasus-Teilrepublik Kabardino-Balkarien eine bewaffnete Rebellion. Nach dem Abflauen der Gefechte lagen in der Hauptstadt Naltschik mehrere Dutzend Leichen. Polizei und Armee machen bei Zusammenstößen mit bewaffneten Islamisten selten Gefangene.

Auch die untereinander zerstrittenen russischen Muslimführer werfen sich seit Jahren vor, Extremisten zu fördern und beschimpfen sich gegenseitig als „Wahhabiten“. Mit diesem Kampfbegriff werden in Russland nicht nur die Anhänger der besonders konservativen saudischen Ausrichtung des Islam, sondern generell alle fundamentalistisch gesonnenen Muslime bezeichnet.

Im Kampf gegen die Extremisten stehen Staatsanwälte und der Inlandsgeheimdienst FSB unter enormem Erfolgsdruck. Die Generalstaatsanwaltschaft ist daher auch überzeugt, mit der Festnahme des zum Islam übergetretenen Russen Stepanenko einen wichtigen Sieg gegen den islamistischen Untergrund errungen zu haben. Der Imam habe extremistische Literatur, Audio- und Videomaterialien in seiner Gemeinde verteilt und zum Krieg gegen die Ungläubigen aufgerufen, heißt es auf der Behörden-Webseite. In der Tat habe der Imam extremistische Literatur besessen, wenden seine Anwälte ein, weil nur jemand Extremisten bekämpfen könne, der ihre Ansichten kenne.

Kurdischer Theologe Nursi auf dem Index


Der international bisher kaum beachtete Prozess gegen Abdullah Stepanenko ist aber nur einer in einer ganzen Kette, deren juristische Basis oft ähnlich fragwürdig ist. In Moskau muss sich zurzeit eine private Stiftung vor Gericht verantworten, weil sie die Werke des türkisch-kurdischen Theologen Said Nursi ins Russische übersetzt hat. In der Wolgarepublik Tatarstan wurden Bücher mit den Lehren Nursis beschlagnahmt, die zuvor noch nirgends in der Welt als extremistisch eingestuft wurden.

Für Kreml-nahe Würdenträger wie Talgat Tadschuddin, einen der rivalisierenden russischen Obermuftis, blieb dagegen bisher noch jede Eskapade folgenlos. Der staatsnahe Geistliche wurde noch nicht einmal zur Verantwortung gezogen, als er den USA nach dem Einmarsch in den Irak den Heiligen Krieg erklärte, oder als er öffentlich dazu aufrief, die Teilnehmer des geplanten Moskauer Christopher Street Days zu „verprügeln“.

(epd)


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