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Nikolai Karpan mit seinem ersten Buch über die Tschernobyl-Katastrophe (Foto: Tillmann/.rufo)
Nikolai Karpan mit seinem ersten Buch über die Tschernobyl-Katastrophe (Foto: Tillmann/.rufo)
Freitag, 22.04.2011

25 Jahre Tschernobyl: Ein Chef-Liquidator erzählt

Pauline Tillmann, Kiew. Nikolai Karpan war in Tschernobyl für die Sicherheit zuständig - und auf Dienstreise, als seine Kollegen ein verhängnisvolles Experiment einleiteten. Als „Liquidator“ wurde er dennoch verstrahlt.

Nikolai Karpan sitzt am Schreibtisch und zeigt auf sein neues Buch. Es wird am 26. April erscheinen, mit einer Auflage von nur 300 Exemplaren. Fünf Jahre hat er daran gearbeitet, weil er sich seit dem Reaktorunglück in Tschernobyl nur eine Stunde am Tag konzentrieren kann.

Er hätte "Tschernobyl" verhindern können


Karpan war leitender Ingenieur in Tschernobyl. Er hat im kernphysikalischen Labor gearbeitet und sich um die Reaktorsicherheit gekümmert. Aber am 25. April, als das folgenreiche Experiment durchgeführt wurde, war er nicht da. „Vielleicht hätte ich das Unglück verhindern können – wenn ich da gewesen wäre, hätte ich es auf jeden Fall nicht zugelassen“, sagt er heute rückblickend.

Er war damals einige Tage auf Dienstreise in Moskau und kam erst am späten Nachmittag des 25. Aprils zurück. Um halb vier in der Nacht kamen die Arbeiter der Nachtschicht nach Hause und klingelten ihn aus dem Schlaf: „Bei dem Experiment ist etwas schief gelaufen, der Reaktorblock 4 ist explodiert.“

Mit zwei Kleinkindern neben dem Reaktor-Wrack


Karpan konnte das zunächst nicht glauben, aber am nächsten Morgen sah er es mit eigenen Augen: Block 4 war völlig zerfetzt. In der Luft hing radioaktiver Staub, der das gesamte Gebiet verstrahlte.

Vom Reaktortechniker zum Kernkraftgegner: Buchautor Nikolai Karpan (Foto: Tillmann/.rufo)
Vom Reaktortechniker zum Kernkraftgegner: Buchautor Nikolai Karpan (Foto: Tillmann/.rufo)
Der Ingenieur war damals 39 Jahre alt, seine beiden Kinder waren gerade einmal eins und drei. Er wusste, was das bedeutete: Die Kinder mussten Prypjat so schnell wie möglich verlassen – genauso wie alle anderen. Am nächsten Tag wurde die Stadt evakuiert.

Lebensgefährlicher Hilfseinsatz


Doch Nikolai Karpan blieb, genauso wie 150 andere Liquidatoren. Er war wichtig für den Krisenstab, weil er Erfahrung in einer sibirischen Plutonium-Fabrik gesammelt hat. Der große kräftige Mann hatte Ahnung von Kernphysik. Und er wusste, dass der Einsatz nach der Explosion lebensgefährlich war: „Ich habe versucht den radioaktiven Staub nicht einzuatmen und nicht mehr als 100 Röntgen am Tag aufzunehmen – ans Abhauen habe ich nie gedacht, schließlich hatte ich Verantwortung.“

Jeden Tag arbeiteten die Männer bis zur Erschöpfung, 16 Stunden und mehr. Am 4. Mai haben auch sie Prypjat verlassen. Seitdem ist sein Leben untrennbar mit Tschernobyl verbunden. „Wenige Wochen nach dem Einsatz war ich ein körperliches Wrack, ich hatte ständig Kopfschmerzen und tat mich schwer überhaupt aufzustehen.“

Der Staat zahlt 2 Prozent der Medikamente


Der ukrainische Staat gesteht den Liquidatoren jährlich 20 Euro für Medikamente zu. Tatsächlich braucht Nikolai Karpan rund 1.000 Euro. Anfang der 90er Jahre fuhr er einige Male in die Universitätsklinik von München, um sich behandeln zu lassen. Die Ärzte dort haben einen Gehirntumor entdeckt und ihn mit Hilfe von Medikamenten behandelt. Der 65-Jährige sagt heute: „Seit dem Unglück ist nichts mehr wie davor. Ich war früher sportlich, fit und leistungsfähig, heute komme ich schnell an meine körperlichen Grenzen.“

Karpans zweites Buch: "Von Tschernobyl nach Fukushima"  erscheint am 25. Jahrestag der Katastrophe (Foto: Tillmann/.rufo)
Karpans zweites Buch: "Von Tschernobyl nach Fukushima" erscheint am 25. Jahrestag der Katastrophe (Foto: Tillmann/.rufo)
Doch Karpan lässt sich nicht unterkriegen. Er forscht, hält Vorträge und schreibt Bücher. 2005 erschien sein erstes Buch „Tschernobyl. Die Rache des friedlichen Atoms.“ Nun also das zweite Werk, ein sehr persönliches Buch über seine innersten Gefühle und Empfindungen. Er zieht darin auch Parallelen zum japanischen Atomkraftwerk Fukushima.

Alle 25 Jahre ein GAU: "Die Atomkraft ist am Ende"


„Wir hätten eigentlich schon 1986 begreifen müssen, dass die Atomkraft am Ende ist. Es gibt so viele unlösbare Probleme, wie die Endlagerfrage und vieles mehr. Aber wir machen immer weiter, weil wir zu bequem sind, um nach anderen Lösungen zu suchen“, meint Karpan.

Sein Ton ist anklagend. Seiner Meinung nach sei das Vertrauen in die friedliche Atomenergie durch das Unglück in Fukushima endgültig erloschen – „wir können diese Technik nicht beherrschen, das müssen wir endlich begreifen.“

Bei Russland-Aktuell
• UN-Generalsekretär eröffnet Tschernobyl-Konferenz (20.04.2011)
• Flüchtlinge aus Tschernobyl – 25 Jahre nach dem GAU (19.04.2011)
• Katastrophen-Tourismus boomt rund um Tschernobyl (18.04.2011)
• Hintergrund: Tschernobyl-GAU und die Folgen in Zahlen (18.04.2011)
• Japan lässt Tschernobyl-Unfallexperten nicht ins Land (15.03.2011)
Mehr als 400 Atomkraftwerke gibt es weltweit, Experten rechnen vor, dass alle 25 Jahre eine Reaktorexplosion stattfinden müsse - wie es nun auch geschehen ist. „Würde man mehr in die Sicherheit von Atommeilern stecken“, sagt Karpan, „wäre die Technik nicht so gefährlich. Aber die Menschen sind nun mal geizig und wollen immer die billigste Lösung – die billigste Lösung ist aber nicht die sicherste.“

Gesundheitsschäden in der dritten Generation


Mit den Spätfolgen von Tschernobyl hat nicht nur Nikolai Karpan zu kämpfen. Auch das Immunsystem seiner beiden Kinder ist heute, 25 Jahre nach dem Unglück, enorm geschwächt: Sie erkälten sich schneller und reagieren auf Vieles allergisch.

Das Schlimmste für ihn ist aber, dass seine dreijährige Enkelin fast taub ist. Sie trägt zwar an beiden Ohren massive Hörgeräte, aber die helfen nur wenig. Eine Operation würde 30.000 Euro kosten – kaum bezahlbar für einen ukrainischen Liquidator wie Nikolai Karpan, der im Monat eine Rente von 300 Euro bekommt.

Er sagt: „Uns würde laut Gesetz das Doppelte zustehen, aber das ist dem Staat egal. Der ukrainische Staat hält sich nun mal nicht an Gesetze.“ Er hat die Liquidatoren vergessen, und ist damit nicht allein.

Denn der lebensgefährliche Einsatz der Liquidatoren ist nur ein Mal im Jahr wirklich von Interesse – am Jahrestag des Reaktorunglücks von Tschernobyl.


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