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Nikolai Peristow ist Mammut-Freak (Foto: Püplichhuysen)
Nikolai Peristow ist Mammut-Freak (Foto: Püplichhuysen)
Mittwoch, 19.04.2006

Der Mammut-Mann aus Omsk

Diana Püplichhuysen, Omsk. Sibirien war schon zu Urzeiten kalt, sehr kalt. Das belegt eine Vielzahl archäologischer Mammutfunde hinter dem Ural. In riesigen Herden durchstreiften die Giganten einst die sibirischen Steppen.

Eine Vorstellung, die den Omsker Künstler Nikolaj Peristow schon immer fasziniert hat. Der 49-jährige Sibirjak weiß nicht nur wo man die Skelette der Eiszeitriesen findet, er weiß auch wie man sie verarbeitet. Mit Schmuck und Skulpturen aus Mammut bringt Peristow die Eiszeit in die Gegenwart.

Kampf gegen Säbelzahntiger


Es ist warm und gemütlich in dem kleinen Raum im Keller des Sibirischen Kulturzentrums in Omsk. Nikolaj Peristow schüttet Tee auf und lehnt sich in dem alten, leicht abgewetzten Schaukelstuhl zurück. Der 49-jährige Sibirjak mit dem Vollbart und den leuchtenden Augen lässt den Blick durch den Raum schweifen. Hier ist sein Reich, alles, was ihn begeistert. Auf den Tischen und Kommoden stehen Skulpturen. Eiszeitmenschen kämpfen mit einem Säbelzahntiger. Die Silhouette einer Frau hebt sich von dem dunklen Grund eines Stückes Stoßzahn ab. Auf dem Boden liegen Knochen, uralt, geborgen aus der Erde des Omsker Gebiets.

Export von unverarbeiteten Mammutknochen aus Russland ist verboten (Foto: Püplichhuysen)
Export von unverarbeiteten Mammutknochen aus Russland ist verboten (Foto: Püplichhuysen)
„Sibirien ist der Herkunftsort der Mammuts“, berichtet Peristow. Hier sei das Klima sogar in der Eiszeit kälter gewesen als überall sonst. Einmal pro Jahr, im Sommer wenn die Wasserspiegel der Flüsse sinken, unternimmt der „Mammut-Mann“ Exkursionen in den Süden des Omsker Gebiets. Die meisten Skelette findet er am Rande der Flussbetten oder direkt am Ufer.

Bei der Suche hilft die Erfahrung. „Es gibt Menschen, die meinen, bestimmte Regeln aufstellen zu können, zum Beispiel, dass man Mammut an Orten findet, an denen viele Pilze wachsen“, berichtet Peristow schmunzelnd. Das sei natürlich Unsinn. „Letztlich hilft nur das Gespür, das man mit den Jahren entwickelt“, ist sich der Mammut-Sammler sicher. Bei seinen Exkursionen begleiten Peristow immer vier bis sechs seiner Studenten, junge Leute, die aus beruflichem oder privatem Interesse Bergung und Verarbeitung der Mammutknochen lernen wollen.

Weiße Knochen im ewigen Eis


Es sei natürlich auch ein gewisser „Durst nach Romantik“ dabei, erklärt der Künstler. „Wir kommen an Orte, an die man sonst selten oder gar nicht gelangt. Die Natur dort ist wunderschön und unberührt.“ Peristow selbst hat seine Faszination für die Mammuts bei solch einer Expedition entdeckt: In den 80er Jahren reiste er zusammen mit einigen Wissenschaftlern und Kameraleuten in den sibirischen Norden, um eine Dokumentation über die stalinschen GULAGs zu drehen. Dort habe er schon damals jede Menge Mammutknochen gefunden, erinnert sich Peristow. Sie sind weiß, konserviert im ewigen Eis. Im milderen Südwesten Sibiriens, in dem Gebiet um Omsk, haben sie dagegen über Jahrtausende die unterschiedlichen Kolorierungen des Erdbodens angenommen.

Mammutknochen sind härter als Marmor (Foto: Püplichhuysen)
Mammutknochen sind härter als Marmor (Foto: Püplichhuysen)
Nikolai Peristow steht auf und geht an einen seiner Werkstatttische. Neben kleinen Schleifinstrumenten und Schneidemaschinen liegt hier das Material des Künstlers, roh oder bereits vorbehandelt. Er greift nach einem Stück geschliffenen Stoßzahns und deutet auf die unterschiedlichen Schattierungen. Braun, rot, schwarz – die Knochen wirken wie Stücke von versteinertem Holz. Sogar Jahresringe vermutet man zu erkennen, verschiedene Schichten, die unter dem Einfluss des Erdbodens über Jahrhunderte entstanden sind.

Glücksbringer Mammut


Peristow betätigt einige Knöpfe. Das feine Schleifgerät beginnt leise zu surren. Vorsichtig fährt der Kunsthandwerker die Kurven einer kleinen Skulptur entlang. „Mammut ist härter als Marmor“, sagt er bedeutungsvoll. Doch die besondere Struktur und Färbung der Omsker Mammutfunde sind nicht die einzigen Gründe für die Beliebtheit der Kunstwerke von Nikolaj Peristow. Mammutknochen gelten in Russland seit Jahrhunderten als magisch, als Glücksbringer, welche ihren Besitzer vor Krankheit und Unglück bewahren. Nicht umsonst gingen selbst viele russische Zaren dem Kunsthandwerk nach, und stellten Schmuck und weitere Gegenstände aus Mammut her.

Bei Russland-Aktuell
• Eiszeit in Moskau: Mammut-Kammer eröffnet (02.11.2004)
• Kloster und Mammut-Insel auf Welterbe-Liste (05.07.2004)
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Heutzutage ist Peristow in Russland der einzige Künstler, welcher mit dem uralten Material arbeitet. In Deutschland würden die Knochen in seiner Werkstatt wohl eher in einem Museum landen. In der Russischen Föderation gibt es dagegen kein Gesetz, welches das private Sammeln von Mammut verbietet. „Nur aus dem Land ausführen darf man die Knochen und Stoßzähne nicht“, wendet Peristow ein. „Zumindest dann nicht, wenn sie noch im Rohzustand sind.“ Bei bereits verarbeiteten Kunstgegenständen sei das etwas anderes. Und so hat der Mammut-Künstler seine Werke auch schon einige Male im Ausland präsentiert, unter anderem auf Ausstellungen in Frankreich, Luxemburg, der Schweiz und Schottland.

Ob er von seiner Kunst leben kann? „Doch, mittlerweile eigentlich ganz gut“ , meint Peristow. Zu Sowjetzeiten arbeitete der gebürtige Omsker in der lokalen Administration und studierte an der Pädagogischen Universität Kunst und Graphik. „Die Mammutkunst war aber schon immer meine Passion“, ergänzt er. Die künstlerische Verarbeitung von Knochen lernte Peristow damals bei dem berühmten Kunsthandwerker Wiktor Sinizkich. 1990 machte er sein Hobby schließlich zum Beruf.

Die Deutschen sind wild auf Mammut


Seitdem lebt der Künstler vorrangig von seinem Ruf und der Mundpropaganda. „Die Leute kommen zu mir, weil sie von jemandem erfahren haben, was ich mache, oder meine Arbeit irgendwo gesehen haben“, berichtet er und ergänzt schmunzelnd: „Besonders die Deutschen, sind ganz wild auf Mammut.“ Alle Stücke von Nikolaj Peristow sind Unikate und werden auf private Bestellung angefertigt. „Ich bin nicht sehr anspruchsvoll, so kann ich von meiner Kunst anständig leben“, erklärt Peristow. Für ihn sei es wichtiger etwas zu machen, was ihn wirklich begeistere, als das große Geld zu verdienen.

Und dann wird Nikolaj Peristow philosophisch: „Unser Leben ist nur ein winziger Punkt zwischen Vergangenheit und Zukunft“, bricht es aus ihm heraus. Bei der Arbeit mit den uralten Knochen werde ihm das immer wieder deutlich. „Es ist wichtig, diesen kleinen Zeitabschnitt gut zu nutzen, nicht nur für sich selbst zu leben. Die Beziehungen zu anderen Menschen, gute Freunde und die Familie, das ist es, was wirklich zählt“, schließt er zufrieden. Das zu sagen, war ihm wichtig. Die Mammutknochen, aufgestapelt in der Ecke der Werkstatt, schweigen und scheinen doch etwas herüber zu flüstern: Geschichten von einem Sibirien lange vor unserer Zeit.

Die Werkstatt von Nikolaj Peristow ist jeden Wochentag zwischen 10 und 18 Uhr geöffnet.

Sibirisches Kulturzentrum Omsk
Boulevard Martinowa 6
644010 Omsk




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