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Großer Argisch in Norilsk: Tschums (Jurten) mitten in der Großstadt . (Foto: Tyagny-Ryadno/.rufo)
Großer Argisch in Norilsk: Tschums (Jurten) mitten in der Großstadt . (Foto: Tyagny-Ryadno/.rufo)
Montag, 07.11.2011

Großer Argisch: Ethnofest in Nordsibirien voller Erfolg

Norilsk. Mit einem bunten Ethnofest, „Großer Argisch“ genannt, wurde in Norilsk am Samstag bei 27 Grad Frost und einer steifen Brise der Winter empfangen. Geladen hatte eine bunte Schar von Vertretern sibirischer Nordvölker.

Jenseits des Polarkreises in Nordsibirien bereiten sich die Menschen auf die Polarnacht vor. Bevor es ganz dunkel wird, hatten die Norilsker Besuch von den Ureinwohnern der Region: Unter dem Motto „Winter – das ist gut!“ zeigten Nenzen und Ewenken: Die kalte Jahreszeit ist kein Grund zur Depression, sondern hat sehr viele positive Seiten.

Bei Russland-Aktuell
• Großer Auftrieb – Ethnofest der Nordvölker in Norilsk (31.10.2011)
• TV-Tipp: In der Polarschule der Nomadenkinder (04.02.2011)

Warum ist Winter gut?


In den Sprachen der sibirischen Nordvölker bedeutet Argisch „Auftrieb, Karawane, Zug von Rentieren“. Am Samstag, dem 5. November waren die Ureinwohner aus dem benachbarten Bezirkszentrum Dudinka mit Rentieren, Schlittenhunden, ihren Tschums (Jurten), ihrer Musik, ihrer Gastronomie und ihren traditionellen Volksspielen angereist, um den Städtern anschaulich zu zeigen, wie sie im Einklang mit der Natur leben.

Denn die Losung des Festes ist keine leere Floskel: Für die angestammte Bevölkerung bedeutet die kalte Jahreszeit, dass sie auf ihren Zügen durch die Tundra besser vorankommen – Flüsse und Sümpfe frieren zu. Außerdem müssen sie sich nicht, wie im kurzen Sommer, mit den Mückenschwärmen plagen. Auch die eisige Kälte scheint ihnen nichts auszumachen – ihre Jurten sind garantiert winterfest.

Jurten mitten in der Großstadt


Das Fest dauerte ganze vier Stunden, weil es genau in den Rahmen der hellen Tageszeit passen musste: Vor 12 Uhr und nach 16 Uhr ist es in Norilsk um diese Jahreszeit nämlich bereits dunkel. Es kamen etwa 30.000 Norilsker.

Großer Argisch in Norilsk: Schlangestehen zur Rentierschlittenfahrt. (Foto: Tyagny-Ryadno/.rufo)
Großer Argisch in Norilsk: Schlangestehen zur Rentierschlittenfahrt. (Foto: Tyagny-Ryadno/.rufo)
Sie lauschten den Folkloreensembles und tanzten. Sie sahen Schlittenhunde- und Rentierrennen, kauften Souvenirs und probierten die Speisen und Getränke der Menschen, die eigentlich ihre engsten Nachbarn sind und die sie doch kaum kennen.

Entspannteres Verhältnis


Festkuratorin Natalja Fedjanina vom Mediaunternehmen „Nordische Stadt“, das den Argisch zusammen mit den Filialen der Industriegiganten Norilsk Nickel, NorilskGazprom und TaimyrGaz nach 2010 nun zum zweiten Mal veranstaltet, ist begeistert:

„Es war ein voller Erfolg! Trotz der Kälte und dem eisigen Wind sind drei Mal so viele Besucher gekommen wie im letzten Jahr. Es ist zu spüren, wie sich das Verhältnis zu den Ureinwohnern zum Besseren ändert. 2010 war es mehr Exotik, jetzt läuft der Umgang miteinander entspannter, man geht mehr aufeinander zu.“

Rentiersuppe aus der Feldküche - das beste Mittel gegen 27 Grad Frost. (Foto: Tyagny-Ryadno/.rufo)
Rentiersuppe aus der Feldküche - das beste Mittel gegen 27 Grad Frost. (Foto: Tyagny-Ryadno/.rufo)
„Die Städter und die alteingesessenen Bewohner unserer Region jenseits des Polarkreises treffen sich eigentlich nie in ihrem Alltag“, sagt Fedjanina. Die meisten der gut 200.000 Einwohner von Norilsk sind Zugereiste. Russen aus allen Gegenden des Landes, die auf der Suche nach Arbeit und Geld in den Norden gekommen sind.

Die einen wohnen in der kompakten, von Schwerindustrie (besonders Nickel) geprägten Großstadt, die sich von der als feindlich empfundenen und wahrlich unwirtlichen Tundra drum herum isoliert hat. Die anderen leben von der Rentierzucht, dem Fischen und Jagen und traditionellem Kunsthandwerk.

Die „anderen“ sind Nenzen, Dolganen, Ewenken, Nganasanen und Enzen – Angehörige der sibirischen Nordvölker. Ihre Lebensweise ist bedroht – durch die Ausbeutung der riesigen Öl- und Gasvorkommen in der Region werden ihre Jagd- und Weiderouten zerstört.

Probleme der Urvölker Sibiriens


Mit Veranstaltungen wie dem „Großen Argisch“ soll auch auf die Probleme der nordsibirischen Naturvölker aufmerksam gemacht werden. Die Zahl der Ureinwohner nimmt stetig ab; so gibt es nur noch wenige Hundert Enzen und Nganasanen.

Großer Argisch in Norilsk: Eine sibirische Ureinwohnerin trotzt der eisigen Kälte. (Foto: Tyagny-Ryadno/.rufo)
Großer Argisch in Norilsk: Eine sibirische Ureinwohnerin trotzt der eisigen Kälte. (Foto: Tyagny-Ryadno/.rufo)
Ein ganz besonderes Problem haben die etwa 1.500 Waldnenzen auf der Taimyr-Halbinsel, die noch als Vollnomaden mit ihren Rentierherden umherziehen. Durch die industrielle Erschließung der Region geht die Zahl ihrer Rentiere immer weiter zurück.

Zu Sowjetzeiten wurden die Angehörigen der „kleinen Völker“, wie sie offiziell immer noch bezeichnet werden, in Sowchosen gepresst und zu einem sesshaften Leben gezwungen. Die Zeiten sind zum Glück vorbei, aber im „neuen Russland“ bedrohen Industrialisierung und Rohstoffabbau ihren Lebensraum.

Inzwischen leisten die Urbewohner aber auch Widerstand. Seit 1989 vertritt die Organisation RAIPON (Russian Association of Indigenous Peoples of the North) in Moskau ihre Interessen. Sie kümmert sich vor allem um Änderungen auf gesetzgeberischer Ebene und setzt sich für die Schaffung von Territorien zur traditionellen Naturnutzung ein. Kritik erntet RAIPON aber zuweilen durch ihre „zu große Kreml-Nähe“.

Angst um die Rentiere


Kein Wunder, dass die Rentierzüchter, die mit nur sechs Tieren per Hubschrauber nach Norilsk eingeflogen wurden, die Veranstalter gleich bei der Ankunft am Flughafen darum baten, ihnen die Tiere unbedingt zurückzugeben. „Natürlich war ihre Angst unbegründet, aber es ist tatsächlich so, dass sie immer weniger haben“, so Fedjanina.

Die Rentiere waren es denn auch, die beim „Großen Argisch“ am Samstag die meiste Furore machten. Dies ist nicht verwunderlich, denn die Stadtbewohner, und ganz besonders die kleinsten unter ihnen, bekommen die Tiere, die die Natur der ganzen Region wie keine anderen prägen, niemals zu Gesicht.



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