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Cinecitta auf Russisch: Das Studio Mosfilm. (Foto: Schultz/.rufo)
Cinecitta auf Russisch: Das Studio Mosfilm. (Foto: Schultz/.rufo)
Montag, 28.06.2010

Hinter den Kulissen der größten Filmschmiede Russlands

Moskau. Auf den Sperlingsbergen im Süden Moskaus steht die größte Filmfabrik des ehemaligen Ostblocks. Nach Jahren des Stillstands ist Mosfilm heute wieder konkurrenzfähig und lockt Produzenten, aber auch Touristen.

Die Autogrammjäger warten schon. Mit Stiften und Notizblöcken in den Händen lauern sie darauf, dass ein Filmstar oder ein Seriensternchen um die Ecke biegt und seine Unterschrift auf die entgegenstreckten Blöcke kritzelt.

Propaganda vom Feinsten


Doch an diesem Donnerstagnachmittag ist nicht viel los. Und so wartet die Meute auf Kasimir Dmitrijewitsch, einen kleinen untersetzten Mann mit schwarzem Schnurbart. Er wird sie auf das 13.000 Quadratmeter große Studioareal führen.

Dort wird er ihnen den Kostüm-Fundus und den Fuhrpark zeigen und sie über das Filmset vorbei an den Häuserattrappen des vorrevolutionären Moskau lotsen. Es gibt viel zu bestaunen in Mosfilmstadt. Mit etwas Glück auch Filmsternchen.

Die Besichtigung der Moskauer Filmstadt ist an fünf Tagen der  Woche möglich. (Foto: Schultz/.rufo)
Die Besichtigung der Moskauer Filmstadt ist an fünf Tagen der Woche möglich. (Foto: Schultz/.rufo)
Die Geschichte, die Exkursionsleiter Kasimir Dmitrijewitsch über den größten Filmkonzern Russlands erzählt, beginnt im Jahr 1924, als die erste Mosfilm-Produktion „Mit den Flügeln nach oben“, über die Kinoleinwände flimmerte.

Drei Jahre später wird auf den Sperlingsbergen im Süden Moskaus eine komplette Kinostadt errichtet, die alle Produktionsstufen vom Dreh- bis zum Tonstudio an einem Ort vereinte. Eine Filmfabrik entstand, die zu Sowjetzeiten ein wichtiges Rädchen in der Propagandamaschine der kommunistischen Partei war.

Kalter Kino-Krieg


Der größte und teuerste Film, der die Studios je verlassen hat, stammt noch aus diesen Zeiten. Unmengen Geld flossen in die filmische Adaption des Romans „Krieg und Frieden“ von Leo Tolstoi.

Mit einer Gesamtlaufzeit von knapp acht Stunden war er einer der längsten Spielfilme, die jemals gedreht wurden. Die Schlacht- und Kampfszenen des Films gingen ins Guinness Buch der Rekorde ein. Für die Sowjetunion war es zugleich ein Kampf gegen den Westen: Mosfilm gegen Hollywood. Showtime im Kalten (Kino)-Krieg. 1969 gab es dafür einen Oscar.

Historische Fahrzeuge aus dem 20. Jahrhundert


Kasimir Dmitrijewitsch fragt mit hochgezogener Augenbraue, wer von den Autogrammjägern denn wisse, welche Produktionen aus dem Hause Mosfilm noch einen Oscar gewonnen hätten. Doch es schauen ihn nur ratlose Gesichter an.

Bei einer richtigen Antwort, lockt er, dürfe man Platz in einem der alten historischen Fahrzeuge nehmen, die Mosfilm in einem eigenen kleinen Museum ausgestellt hat. Doch auch das ändert nichts am kollektiven Schulterzucken. Die Meute vergibt ihre erste Chance auf einen echten Filmstar.

Mosfilm nennt 80 Fahrzeuge sein Eigen - alle sind fahrtüchtig! (Foto: Schultz/.rufo)
Mosfilm nennt 80 Fahrzeuge sein Eigen - alle sind fahrtüchtig! (Foto: Schultz/.rufo)
Neben jedem Fahrzeug steht eine kleine blaue Tafel, die auflistet, in welchen Filmen das Gefährt schon überall eine Nebenrolle einnahm. Insgesamt 80 Oldtimer, Militärfahrzeuge und sonstige Gefährte besitzt Mosfilm, aber nur etwa 20 sind in den Ausstellungsräumen zu sehen.

Alle Fahrzeuge sind fahrtüchtig – für den Fall, dass sie im nächsten Heldenepos wieder zum Einsatz kommen müssen. Das prominenteste Gefährt ist ein Mercedes Benz 230 aus dem Jahr 1938. In ihm pflegte Russlands berühmter Geheimagent Max Otto von Stierlitz zu reisen.

Stillstand nach dem Systemzusammenbruch


Mehr als 2.500 Filme hat Mosfilm zu Sowjetzeiten produziert, darunter „Krieg und Frieden“, „Uzala, der Kirgise“ und “Moskau glaubt den Tränen nicht“, die übrigens alle mit einem Oscar ausgezeichnet wurden. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion aber kam die Krise.

In den neunziger Jahren ruhte die Produktion des Filmkonzerns fast vollständig. Das ist zum Glück vorbei: Eine werbewillige Wirtschaft und staatliche Fördermittel lassen die Filmindustrie in Russland heute wieder boomen. So wurde Schritt für Schritt die Modernisierung des Konzerns vorangetrieben.

Nützliche Informationen
Touren über das Mosfilm-Areal finden montags bis freitags zwischen 9 und 17.30 Uhr statt. Die Tickets kosten zwischen 85 (ermäßigt) und 140 Rubel. Eine Gruppenführung ist nur nach vorheriger Anmeldung möglich (mindestens 20, maximal 50 Personen). Einzelpersonen haben in den Sommermonaten am Dienstag, Mittwoch und Donnerstag die Chance, sich einer Gruppe anzuschließen.
Nach Jahren des Stillstands ist das Filmstudio nun wieder konkurrenzfähig und mit 15 Pavillons der größte Filmkonzern Europas. Achtzig Prozent der russischen TV- und Kinofilme werden in den Mosfilm-Studios gedreht, das sind mehr als 100 Filme jährlich. Hinzu kommen Serien, Werbespots und Musikclips.

Das alte Moskau wieder aufgebaut


Die Tour führt vorbei an den Überresten der neuen Blockbuster. Auf knapp 5.000 Quadratmetern entstand 2003 aus Sperrholzplatten, Gipskarton und Schaumstoff eine Nachbildung des alten vorrevolutionären Moskau.

Die Häuserattrappen bildeten ursprünglich die Kulisse für den Film „Ein Reiter namens Tod“, tauchten aber mittlerweile in mehr als dreißig Film- und Serienproduktionen auf, darunter “Doktor Schiwago“ und „Anna Karenina“.

Der Set war schon da, als der Wolkenkratzer in die Höhe wuchs. (Foto: Schultz/.rufo)
Der Set war schon da, als der Wolkenkratzer in die Höhe wuchs. (Foto: Schultz/.rufo)
„Anfassen“, betont Kasimir Dmitrijewitsch, „ist strengstens verboten“. Von innen hohl, ist die Szenerie äußerst zerbrechlich. „Nur Kopfsteinpflaster, Fenster und Türen sind real“, erklärt er und treibt die Filmfans zum nächsten Schauplatz.

Mittelalterliches Dorf neben futuristischem Wolkenkratzer


Umrahmt von einem großen eisernen Zaun ragen dort die windschiefen Dächer eines alten hölzernen Dorfs empor. Surreal und wie ein Fremdkörper blitzt im Hintergrund ein gläserner Wolkenkratzer auf.

„Der war bei Errichtung des Sets noch nicht da“, erklärt Kasimir Dmitrijewitsch, „Für die Dreharbeiten ist das aber auch nicht weiter schlimm, der wird hinterher durch Computertechnik wieder entfernt.“

Die Technik macht es möglich. Doch auch mit originärer Handarbeit kann Kasimir Dmitrijewitsch die Filmfans begeistern. Zurück im Museum hält er einen Kopf aus Latex in den Händen und beschreibt, wie professionelle Maskenbildner die Darsteller durch Make-Up und Modelliermasse in Monster und Ungeheuer verwandeln. Die Fotoblitze zucken.

Das digitale Zeitalter bricht an


Nach anderthalb Stunden ist die Tour hinter die Kulissen der inszenierten Kinowelt vorbei. Doch der Konzern hat noch mehr zu bieten. Derzeit arbeitet Mosfilm fieberhaft daran, seine alten Filmstreifen zu digitalisieren.

Um ein größeres internationales Publikum zu erreichen, plant der Konzern außerdem, einen Teil der Filme künftig in Englisch und Deutsch zu untertiteln. 250 alte und neue Filme stehen bereits auf der Internetseite zum Download bereit.



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