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Datschensiedlung (Foto: Djatschkow/rUFO)
Datschensiedlung (Foto: Djatschkow/rUFO)
Mittwoch, 25.09.2002

Russische Träume

Von Karsten Packeiser, Moskau. Ein leichter Herbstwind weht die Blätter von den Bäumen und den Geruch von Laubfeuern und gegrilltem Schaschlick in die Nase. Die Äste der Apfelbäume biegen sich unter der Last der Früchte, nach einem langen heißen Sommer sind auch die Kohlköpfe zu ansehnlichen Maßen gewachsen. Eben ist der grüne Vorortzug aus Moskau weiter Richtung Norden gerattert. Jetzt sind nur noch kläffende Hunde zu hören - und ein paar Familienväter, die mit Hammer und Säge an ihrem Wochenendhaus zimmern.

Firsanowka heißt der Ort, an dem mehrere hundert Menschen an ihrer ganz privaten Version des Glücks bauen. Wer Russland verstehen will, muss eine Datschensiedlung wie Firsanowka besuchen. Kein Grundstück und kein Holzhaus gleicht hier dem anderen. In Firsanowka zeigen die Moskauer, von der Großstadt in eintönige Plattenbauwohnungen gezwängt, dass sie in Wirklichkeit Individualisten sind.

Datscha in Firsanowka (Foto: Packeiser/rUFO)
Datscha in Firsanowka (Foto: Packeiser/rUFO)
„Hier wohnte früher Anna Abramowna“, sagt ein alter Mann, der mit einer Bohrmaschine in der Hand den Schotterweg entlang spaziert und zeigt auf ein gepflegtes Holzhaus, dass hinter einer hohen Fichtenreihe kaum noch auszumachen ist. „Sie hat mit dem großen Schaljapin zusammen Opern gesungen.“

Nikolai Grigorjewitsch, so heißt der Mann, kennt so ziemlich jeden in Firsanowka. Seit 1954 hat er eine Datscha hier, in der er das ganze Jahr über lebt. In die Stadt fährt er nur noch einmal im Monat, um seine Rente abzuholen. „Früher galt es für Moskauer als sehr weit, eine Datscha hier draußen zu haben“, erinnert er sich.

Die Zeiten haben sich geändert. Die Stadt hat sich inzwischen fünfzehn Kilometer in einstiges Datschengelände vorgefressen. Viele Siedlungen wurden abgerissen und durch Wohnblocks ersetzt. Die Moskauer müssen deshalb immer größere Entfernungen bis zu ihrer Datscha zurücklegen. Inzwischen gilt Firsanowka, zwanzig Kilometer von der Ringautobahn entfernt, als Ort mit erstklassiger Lage. Wer weniger Glück hat, dessen Datscha befindet sich nicht selten bis zu zweihundert Kilometern von der Wohnung entfernt.

Moskauer auf dem Weg zur Datscha (Foto: Djatschkow/rUFO)
Moskauer auf dem Weg zur Datscha (Foto: Djatschkow/rUFO)
Jeden Samstagmorgen quälen sich blecherne Riesenschlangen aus der Millionenstadt über die Ausfallstraßen aufs Land, am Sonntagabend kehrt die Autoflut zurück in die Metropole. Wer keinen Wagen hat, quetscht sich in die überfüllten Vorortzüge. Der Weg hin zum privaten Paradies gleicht für viele Moskauer einem Albtraum.

Ein Wochenendhaus ist in Russland kein Luxusgut wie ein eigenes Auto oder sogar eine moderne Waschmaschine. Mag es auch nur eine selbst zusammengenagelte Laube ohne fließendes Wasser sein - so gut wie jede Moskauer Familie hat ein kleines Häuschen auf dem Land. 23 Prozent der Russen wollten ihren Urlaub in diesem Jahr auf der Datscha verbringen. Gerade mal ein Prozent plante eine Auslandsreise.

Dabei ist die Datscha mehr als der einzige erschwingliche Ferienort für Millionen von Menschen. Ohne die Ernte vom eigenen Grundstück kämen Lehrer, Ärzte und Universitätsprofessoren gar nicht über den langen Winter, wenn die Preise für Obst und Gemüse in den Himmel schießen. Nur die neue Mittelklasse leistet es sich bereits, die Karottenbeete durch englischen Rasen zu ersetzen.

Kottedschi bei Firsanowka (Foto: Packeiser/rUFO)
Kottedschi bei Firsanowka (Foto: Packeiser/rUFO)
Das neue Firsanowka beginnt ganz hinten, dort, wo der Wald endet: dreistöckige Landhäuser, Anwesen mit verschnörkelten Türmchen und Erkern und aufgepflanzten Satellitenschüsseln. Weil es in Moskau selbst keine Villenviertel gibt, und die ganze Stadt mit Wohnblocks verbaut ist, bleibt den Neureichen nichts anderes übrig, als aufs Land zu ziehen, um standesgemäß zu leben.

Um ihre stattlichen Burgen haben sie sich hohe Betonmauern oder Zäune aus Stahlplatten mit Überwachungskameras bauen lassen. Die Fenster vieler Häuser sind auf die Größe von Schießscharten geschrumpft. Wer hier wohnt, hat es geschafft im neuen Russland. „Kottedschi“ nennen die „Neuen Russen“ ihre Häuser auf Neurussisch, Cottages.

Auch im alten Firsanowka werden immer mehr Holzhäuser abgerissen und durch moderne Villen ersetzt. Gegen den Lauf der Zeit könne man nichts machen, meint Nikolai Grigorjewitsch. Weil die Stämme in seinem Holzhaus morsch werden, spart auch er bereits dafür, seine Datscha abzureißen und durch ein kleines Steinhaus zu ersetzen. „Aber ich warte noch, bis all die Neureichen mit ihren Häusern fertig sind“, sagt er verschmitzt, „denn dann werden die Preise für Ziegelsteine fallen.“ (epd).

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