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Hias Kreuzeder (Mitte) besucht die Höfe seiner russischen Kollegen Petschenjak (li.) und Ksenofontow (re.). (Foto: Deeg/rufo)
Hias Kreuzeder (Mitte) besucht die Höfe seiner russischen Kollegen Petschenjak (li.) und Ksenofontow (re.). (Foto: Deeg/rufo)
Donnerstag, 11.01.2007

Starthilfe für russische Biobauern - aus Bayern

Lothar Deeg, St. Petersburg. Der Biobauer Hias Kreuzeder aus Freilassing fährt zweimal im Jahr für eine Woche nach St. Petersburg – zum Geld verteilen. Er unterstützt so russische Kollegen bei der Existenzgründung.

30.000 bis 40.000 Euro pro Jahr bringt Kreuzeder so unter die Leute, meist bar auf die Hand. Eine Bedingung allerdings gibt es, um von seinem Verein „Auferstehung der Freien Bauern Russlands e.V.“ solche großzügige Hilfe zu bekommen: Die Landwirte, die den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt haben, müssen ökologisch wirtschaften.

Keine halbe Minute braucht der ehemalige Grünen-Bundestagsabgeordnete, um zu erklären, was er unter „biologischer Landwirtschaft“ versteht: Während wir mit dem alten Ford Transit von Nikolaj Ksenofontow, einem der von ihm unterstützten Bauern, zu einer Inspektionsfahrt aus der Stadt rollen, zählt Kreuzeder auf: „Verzicht auf Kunstdünger, keine chemischen Pflanzenschutzmittel und kein Ankauf von Futter für die Tierhaltung“ – das wäre auch schon alles.

Wer von ihm und seinem Verein „Auferstehung der freien Bauern Russlands e.V“ Unterstützung bekommen will, muss nicht nur mit Leib und Seele Landwirt sein – sondern sich auch schriftlich verpflichten, diese Grundsätze einzuhalten.

Biobauer aus der Not heraus - den Kunstdünger kostet Geld


Den meisten „Fermern“, wie man die aus der sowjetischen Kollektivwirtschaft ausgebrochenen selbstständigen Bauern nennt, fällt es nicht schwer, sich darauf zu verpflichten, erzählt Kreuzeder: Denn Dünger, Pflanzenschutzgifte und Futtermittel kosten Geld – und das fehlt den meisten Landwirten am allermeisten.

Also hält man nur so viel Vieh, wie man vom eigenen Boden ernähren kann und düngt mit deren Mist. Viele würden so zu Biobauern, ohne sich dessen eigentlich richtig bewusst zu sein, sagt Kreuzeder mit einer gewissen Zufriedenheit.

Drei Kinder, ein Hof – und kein Dach über dem Kopf


In diesem Bauwagen hauste die Familie Ksenofontow niotgedrungen fünf Jahre lang (Foto: Deeg/rufo)
In diesem Bauwagen hauste die Familie Ksenofontow niotgedrungen fünf Jahre lang (Foto: Deeg/rufo)
Der Hof der Familie Ksenofontow etwas außerhalb von Wsewoloshsk sieht auf den ersten Blick nach einer Mischung aus Baustelle, Trümmerhalde und Schrottplatz aus. Doch bei näherer Betrachtung sieht man, dass das Wohnhaus eben noch nicht ganz fertig und der alte Stall dafür baufällig geworden ist – während sich die kläffende Hundemeute am Heuschober als Wurf edler „Cane corso“-Welpen entpuppt.

Das Durcheinander wird verständlich, wenn Nikolaj den mittendrin stehenden klapprigen Bauwagen aufmacht: „Hier haben wir fünf Jahre mit drei Kindern gewohnt“ – nachdem das Holzhaus der Familie abgebrannt war.

Hundezucht als Nebenverdienst: Die Cane-Corso-Welpen wohnen im Heuschober (Foto: Deeg/rufo)
Hundezucht als Nebenverdienst: Die Cane-Corso-Welpen wohnen im Heuschober (Foto: Deeg/rufo)
Nur dank der ebenso kräftigen wie wohldosierten Geldspritzen des bayerischen Vereins gelang es den Ksenofontows, sich parallel zur Landwirtschaft noch einmal ein neues Haus zu bauen – diesmal aus nichtbrennbaren Materialien, auch wenn Sponsor Kreuzeder die typischen russischen Holzhäuser eigentlich viel lieber mag. Über den Winter will Nikolaj nun Pläne und einen Kostenvoranschlag für einen neuen Stall erstellen. „Diese Mentalität ist bewunderswert“, meint Kreuzeder. „Unter diesen Umständen würde bei uns keiner als Bauer anfangen.“

Der bayerische Schulfunk brachte den Durchbruch


„Auferstehung der Freien Bauern Russlands e.V.“
Neben etwa einem halben Dutzend Bauern im Petersburger Umland und im Gebiet Twer sowie einem angehenden Landmaschinen-Techniker fördert der Verein auch zwei Landwirtschaftschulen in Nowgorod und Wsewoloshsk. Außerdem läd Vorsitzender Hias Kreuzeder immer wieder russische Jungbauern zu Praktika auf seinen Öko-Hof ein. Auch Sachspenden werden gelegentlich überbracht.
Kontaktadresse:
Eham 9, D-83395 Freilassing
Internet:
www.bauernhilfe-russland.de
Der – einst mit einer gebürtigen Leningraderin liierte - drahtige Bayer kann sich solche Wohltätigkeit nur leisten, weil sein Verein wenig Mitglieder und Verwaltungsaufwand, dafür aber hunderte von Spendern in aller Welt hat. Das war nicht immer so: In den ersten Jahren nach der Gründung 1993 verfügte er nur über etwa 2.000 Mark im Jahr – gerade genug für etwas Saatgut, ein paar Motorsägen oder eine Heupresse, die den Bauern das Lagern von mehr Futter auf weniger Platz ermöglichte.

1999 brachte dann völlig unerwartet eine Radioreportage, die vormittags im bayerischen Schulfunk ausgestrahlt wurde, den Durchbruch: Das Spendenvolumen wuchs enorm – und Kreuzeder konnte sich zum Ziel setzen, den Aufbau ganzer Muster-Biohöfe zu finanzieren. Sein Motiv: „Irgendwann ist in Russland das Erdöl auch zu Ende und dann sind’s froh, wenn es noch Bauern gibt, die trotzdem noch Fleisch und Kartoffeln produzieren.“ Denn in jedem Kilo Kunstdünger oder Plastikfolie stecke schließlich auch mindestens ein Kilogramm Öl.

Starthilfe für einen Fisch-Farmer


Wladimir Petschenjak und seine Frau setzen auf biologische Fischzucht (Foto: Deeg/rufo)
Wladimir Petschenjak und seine Frau setzen auf biologische Fischzucht (Foto: Deeg/rufo)
In Wsewoloshsk besuchen wir Wladimir Petschenjak. Man kann nicht sagen, dass wir uns hier auf dem Lande befänden: Kilometerweit ziehen sich im Schachbrettmuster die Ortstraßen durch schütteren Wald, flankiert von russischen Holzhäusern, in Eigenleistung zusammengefügten Datschen und auch reichen Landsitzen des Petersburger Dollar-Adels. Erst nach dem Durchqueren einer solchen Villenkolonie kommen wir schließlich auf Wladimirs Land.

In drei Raten hat Petschenjak von Kreuzeders Verein insgesamt 18.000 Euro bekommen, um hier ein Stall- und Wirtschaftsgebäude hochzuziehen, das einem Vollerwerbslandwirt auch würdig ist. „Bevor ich 1991 Farmer wurde, habe ich 30 Jahre lang im Klimow-Werk Hubschrauberturbinen gebaut“, erzählt er.

Noch ist der Bau innen kahl und der Traktor und der Bagger, mit dem Wladimir dieses Land in den letzten Jahren erst trockenlegte, steht noch hinter dem kleinen Wohnhaus der Familie mitten in der Siedlung. Doch im nächsten Frühjahr will Wladimir Vieh kaufen und den Stall in Betrieb nehmen. In einem geheizten Raum möchte er dann Wannen zur Aufzucht von Fischen aufstellen – zunächst „Sasan“ eine Karpfen-Art, „und später, wenn es die Wasserqualität in meinen Teichen zulässt“, auch Forellen.

Kein zugekauftes Futter – aber im Zweifelsfall importiertes Saatgut


„Und mit was willst du die Fische füttern? Doch nicht etwa mit gekauften Futter?“, fragt Kreuzeder misstrauisch. Olga Owtschinnikowa, eine Deutsch-Lehrerin an der Landwirtschaftsschule von Wsewoloshschsk, dolmetscht für ihn - und dient dem Verein auch sonst als Koordinatorin vor Ort. Petschenjak beruhigt: „Nein, der Sasan frisst Kleihe, Erbsen und Getreide und das wächst auf meinen Feldern“.

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Wobei, was wächst oder nicht wächst ist auch nie so sicher: „Diese Saison habe ich Saatgut bei einer Sowchose gekauft und einen Hektar Gerste und einen Hektar Hafer ausgesät. Gewachsen sind genau drei Halme“, erzählt Wladimir und sein Lachen zeigt, dass er über diesen Misserfolg schon hinweg ist. Prompt beginnt eine Diskussion zwischen dem Deutschen und seinen beiden russischen Kollegen über Saatgutqualität. Im Zweifelsfall, so rät Kreuzeder, lieber teurer aus Finnland gute Qualität einkaufen als aus unseriösen heimischen Quellen.

Das Kataster als Risiko- und Kostenfaktor


Kreuzeder lässt sich in der Bauernstube die Widrigkeiten eines russischen Grundbucheintrags erläutern (Foto: Deeg/rufo)
Kreuzeder lässt sich in der Bauernstube die Widrigkeiten eines russischen Grundbucheintrags erläutern (Foto: Deeg/rufo)
Gegenwärtig bedrücken Pestschenjak und Ksenofontow aber weitaus grundlegendere Sorgen: Bauern brauchen Land – und um in diesem Beruf eine Zukunft für sich und seine Familie zu sehen, muss man sich sicher sein, dass niemand einem Grund und Boden mehr wegnehmen kann. Deshalb bemühen sich die beiden Bauern gegenwärtig um den Eintrag ihrer Grundstücke ins Liegenschaftsbuch. Das Problem dabei: Das Kataster ist in Russland erst im Aufbau und die Registrierung kostet Geld – sowohl Gebühren wie wohl auch so manches an Schmiergeld.

Kreuzeder würde die Mittel seines Vereins zwar lieber für Handfestes wie Gebäude und Landmaschinen ausgeben, aber „seinen Bauern“ finanziert er die Behördenkosten in der Größenordnung von 2.000 bis 3.000 Euro doch weitgehend.

Diese Art der Existenzsicherung ist besonders wichtig, wenn es um Boden geht, der so nahe zu einer boomenden Großstadt liegt wie hier: Bauplätze oder Datscha-Grundstücke wurden in Wsewoloshsk 2006 schon mit etwa 4.000 Euro pro Ar gehandelt. Wenn man, wie die beiden Landwirte, hier jeweils etwa sieben Hektar Eigentum plus sieben Hektar Erbpachtland besitzt, geht es plötzlich um Millionenwerte.

Den Bauern rücken die Immobilien-Haie auf den Pelz


Wie brisant das Problems ist, wird bei einem Besuch im nahen Kolbino spürbar: Hier sind die schicken neuen Landhäuser schon unmittelbar an den Hof der Familie Zwetkow herangerückt, der auf ihren teils eigenhändig gerodeten 15 Hektar Land steht. In diesem Jahr wurden ihnen durch einen Landvermesser 70 Ar „gestohlen“, die sich eine Immobilienfirma zum Bau von Häusern und Straßen unter den Nagel riss. Außerdem habe ihnen ein Sowchose-Direktor eigenmächtig drei Hektar Land wieder entzogen, die sie vertragsmäßig zugepachtet und bezahlt hatten, berichtet Ljuba Zwetkowa. Sie selbst wurde wegen dieses Streits schon körperlich attackiert.

Während ihr Mann anfing zu trinken, ist die energische Bäuerin nach wie vor zum Widerstand entschlossen: Sie hat schon die Staatsanwaltschaft eingeschaltet und bereitet eine Klage vor. Doch der Ausgang sei ungewiss: „Auch die Gerichte sind käuflich“, meint sie.

Preis der Angst: Nur noch eine Milchkuh steht im Stall der Zwetkows (Foto: Deeg/rufo)
Preis der Angst: Nur noch eine Milchkuh steht im Stall der Zwetkows (Foto: Deeg/rufo)
Gewisse Rückendeckung verschafften ihr in dem Konflikt allerdings auch Leute vom Geheimdienst FSB, die auf dem Zwetkow-Hof im Winter ihre Pferde unterstellten. Das wirkte zumindest bei den lokalen Behörden, die sie nun als „einzige Farmer im Umkreis“ wieder pfleglicher behandeln. Doch ihre einst 25 Kühe haben sie nach und nach geschlachtet – weil es ihnen an Heu fehlt und sie schlichtweg Angst vor neuen Attacken haben. Im Stall, dessen Bau Kreuzeder einst finanzierte, stehen in diesem Winter nur noch eine Kuh, ein paar Kälber und Schafe.

Leider bleibt nicht jeder Empfänger den Regeln treu


Helfen will Hias Kreuzeder hier mit Geld aber nicht mehr. Zum einen ist ihm nicht geheuer, dass die Zwetkows („Unsere Tochter verdient jetzt gut in der Stadt“) parallel einen Bankkredit über 70.000 Euro aufgenommen haben, um sich nebenan ein schickes Heim im Blockhausstil zu bauen. Andererseits seien sie leider den Vereinsgrundsätzen vom biologischen Landbau untreu geworden.

Sein vor 13 Jahren begonnenes Engagement für die Familie bedauert er dennoch nicht: „Immerhin haben wir hier geholfen, einen funktionierenden Bauernhof aufzubauen, in dem auch Praktikanten ausgebildet wurden“, erklärt er auf der Rückfahrt nach Petersburg. Und das sei für ihn, wie sein ganzes Engagement für russische Bauern-Auferstehung, schlichtweg „eine positive Lebensbereicherung“. (ld/SPZ)


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