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Joseph Brodsky:
Und es gab eine Stadt...

Von Xenia Bordukowa. In seinen „Erinnerungen an Petersburg“ kehrt der vertriebene Dichter noch einmal in seine Heimatstadt zurück, in die Zeit, als er noch anderthalb Zimmer einer Kommunalwohnung mit seinen Eltern teilte. Er lässt seinen Blick über die Möbel schweifen, durch das Fenster hinaus auf die stolzen geraden Straßen, den riesigen grauen Fluss und das Meer, das ihn immer an die Freiheit erinnerte …

„...Die Welle eilt ewig beherzt / sich widerzuspiegeln, vom Schicksal zu reinigen, / sich mit dem Horizont, dem Salz zu vereinigen – / und dem vergangenen Schmerz.“

Kurz vor seinem Tod wandte sich Joseph Brodsky in einem Memorandum an die zukünftigen Erforscher seines Werkes mit der Bitte, seinem Privatleben nicht allzu viel Bedeutung beizumessen, da „die Biographie eines Schriftstellers in seiner Sprache zu finden“ sei. Nur die Texte eines Dichters, davon war er überzeugt, könnten seine wahre Persönlichkeit offenbaren. Doch war ihm auch bewusst, wie unausweichlich das Erscheinen fehlerhafter biographischer Studien und indiskreter Memoiren sein würde. Um dem entgegenzuwirken, begann Brodsky in Interviews, Gesprächen und in seiner autobiographischen Prosa die von ihm bevorzugte Sichtweise auf sein Leben zu gestalten.

„In diesem traurigen Landstrich, wo alles in Winterzeit rechnet“ ...

Joseph Brodsky wurde 1940 als Sohn russisch-jüdischer Eltern in Leningrad geboren. Seine Kindheit war geprägt durch die Leningrader Blockade und die schweren Nachkriegsjahre, was in Brodskys Werk allerdings keine sentimentale Rolle spielte. Als Jugendlicher begann er viel zu lesen, während das Banale und Primitive des Schulprogramms ihn immer mehr anödeten. Ohne die 8. Klasse beendet zu haben, verließ er 1955 die Schule und nannte das „seinen ersten freien Willensakt“. Er wurde Fräser in einem Rüstungsbetrieb und nahm später, mit dem Entschluss Chirurg zu werden, eine Arbeit in der Leichenhalle eines Gefängnisses an. Gleichzeitig fing Brodsky ernsthaft an zu schreiben, lernte Polnisch und übersetzte Lyrik. Doch diese Aufträge brachten dem jungen Dichter nicht viel ein, weshalb er gezwungen war, sich immer neue Jobs zu suchen, vor allem solche, die ihm möglichst viel Zeit für seine Hauptbeschäftigung – die Literatur – ließen. Brodskys Lyrik war nicht vordergründig politisch, doch war der Leningrader Regierung sowohl die Eigenwilligkeit ihrer Formen und Inhalte als auch die Unabhängigkeit des Lyrikers selbst ein Dorn im Auge. Bald eskalierte die Situation und im März 1964 kam Brodsky schließlich, nach mehrwöchiger Folter im Irrenhaus, vor Gericht. Im Laufe des grotesken Prozesses wurde der 24-Jährige als Schmarotzer angeklagt und für fünf Jahre ins Gebiet Archangelsk „mit Verpflichtung zu körperlicher Arbeit“ verbannt. Allerdings gehörte Joseph Brodsky, obwohl von den offiziellen Organen nicht anerkannt, zu den bekanntesten und bei weitem begabtesten Autoren des Samisdat. Und so konnte er dank eines starken Einsatzes russischer Schriftstller, darunter Anna Achmatowa, Kornej Tschukowsky, Konstantin Paustowski, sowie heftiger Proteste in der westlichen Presse, u. a. von Jean-Paul Sartre, bereits 1965 nach Leningrad zurückkehren.

Eine Karriere als sowjetischer Dichter kam für diese starke und eigensinnige Persönlichkeit, die keine Eingriffe der Zensur in sein Werk duldete, allerdings nicht in Frage. 1972 wurde Brodsky des Landes verwiesen. Kurz vor seiner Ausreise ins amerikanische Exil schrieb er an Leonid Breschnew: „Wenn ich auch kein sowjetischer Bürger mehr bin, so höre ich nicht auf, ein russischer Autor zu sein“.

In den USA lebte sich Brodsky schnell ein, unterrichtete als Gastdozent an einer Universität in Michigan, veröffentlichte seine russisch- und bald auch englischsprachigen Texte. Innerhalb einer kurzen Zeit wurde der Autodidakt der Poesie zu einem der geehrtesten Vertreter dieser Literaturgattung, ausgezeichnet mit mehreren Preisen, darunter auch dem Nobelpreis für Literatur (1987). Joseph Brodsky starb 1996 in New York.

Im Hanser Verlag erschienen unter anderem: Erinnerungen an Petersburg, Mit Photographien von Barbara Klemm, 2003
Ufer der Verlorenen, 2003
Gedichte, 1999
Der sterbliche Dichter, Über Literatur, Liebschaften und Langeweile. Essays, 1998
Von Schmerz und Vernunft, Über Hardy, Rilke, Frost und andere, 1997
An Urania, 1994
Flucht aus Byzanz, Essays, 1988
Marmor, Ein Stück, 1988
Römische Elegien und andere Gedichte, 1987

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Sicherheitsabstand sieht anders aus. Aber wenn an der Peter-Pauls-Festung in St. Petersburg der Rundflug-Helikopter startet und landet, sind Zuschauer immer ganz nah dabei. Sobald sie allerdings der Rotorwind samt Staubwolke erfasst, haben die Neugierigen wieder etwas Nützliches fürs Leben gelernt. (Topfoto: Deeg/.rufo)



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