Von Xenia Bordukowa. Lydia Tschukowskaja schrieb Kinderbücher, literaturkritische Essays und ihr ganzes Leben lang Gedichte. Zu ihren wertvollsten Arbeiten gehören aber vor allem ihre aufgeschriebenen Erinnerungen. Geboren 1907 hat sie die Säuberungen unter Stalin bewusst miterlebt und in ihren Büchern davon erzählt.
„...Nicht nur mein Zustand erschien mir neu, die Wirklichkeit war tatsächlich etwas Neues und versetzte mich in einen Zustand, in dem ich mich weder befinden, noch aus dem ich herauskommen konnte, ohne mich auf das Wort zu stützen.“
Das Schreiben diente der Tschukowskaja immer als eine große Stütze. Zwar bewahrte es sie nicht vor der Ungerechtigkeit in ihrem Leben, doch empfand sie es als einen sicheren Schutz vor der Vergänglichkeit. Das Wort war nicht nur eines der wichtigsten Themen ihres Schaffens, es spielte darin die Hauptrolle. Für sie war es eine Tradition, durch die mehrere Generationen wie durch eine Kette verbunden blieben.
Die Zeit, in der sie lebte und schrieb, zwang einen intelligenten und aufrichtigen Menschen wie Tschukowskaja zu einem ständigen Kampf. Bereits 1926 wurde die damals Neunzehnjährige wegen ihres Widerstandes gegen den Zwang im Komsomol verhaftet und verbannt, bis es ihrem Vater, dem Schriftsteller Kornej Tschukowskij, elf Monate später endlich gelang, sie nach Leningrad zurückzuholen. Dennoch konnte sie ihr Studium der Philologie erfolgreich beenden und bekam eine Arbeit als Redakteurin für Kinderliteratur beim Staatsverlag. 1937 wurde die Hälfte der Redakteure ihrer Abteilung verhaftet, einige von ihnen, darunter auch ihr Mann, erschossen.
In dieser unsicheren Zeit, in der auch sie selbst unter ständiger Beobachtung stand, schrieb Tschukowskaja das Buch „Sofia Petrowna“, worin sie die Auswirkungen des Massenterrors auf einen einfachen, nicht in die Politik involvierten Menschen beschreibt. In deutscher Übersetzung erscheint es im Oktober dieses Jahres beim Diogenes Verlag.
Wegen ihres Einsatzes für Alexander Solschenizyn wurde die Autorin 1974 aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen. 16 Jahre lang durfte sie kaum etwas veröffentlichen, aber aufgehört zu schreiben hat sie nie. Nach ihrem Tod 1996 hinterließ sie ihrer Nachwelt ein Porträt ihrer Zeit und ihrer Zeitgenossen, darunter Aufzeichnungen der Gespräche, die sie über mehrere Jahre mit Anna Achmatowa führte.
Sicherheitsabstand sieht anders aus. Aber wenn an der Peter-Pauls-Festung in St. Petersburg der Rundflug-Helikopter startet und landet, sind Zuschauer immer ganz nah dabei. Sobald sie allerdings der Rotorwind samt Staubwolke erfasst, haben die Neugierigen wieder etwas Nützliches fürs Leben gelernt. (Topfoto: Deeg/.rufo)