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Trotz Repressionen und Terror gibt es auch heute noch Stalin-Verehrer in Russland (Foto: Swetlizki/.rufo)
Trotz Repressionen und Terror gibt es auch heute noch Stalin-Verehrer in Russland (Foto: Swetlizki/.rufo)

Russische Oktoberrevolution: Das Pulverfass explodiert

André Ballin, Moskau. Die Oktoberrevolution feiert ihren 90. Geburtstag und keiner geht hin. Seit der Feiertagsrevolution vor zwei Jahren ist der 7. November ein Arbeitstag. Dennoch bleibt er ein wichtiges Datum.

Es ist bereits spät an jenem 7. November 1917, der nach altem julianischen Kalender als 25. Oktober gilt. Es ist kalt und dunkel in Petrograd und doch herrscht eine ungewöhnliche Aktivität auf den Straßen der verschneiten russischen Hauptstadt.

Um 21:40 Uhr dröhnt ein Schuss vom Panzerkreuzer Aurora herüber. Es ist der Startschuss für einen Aufstand, der später als „Sozialistische Oktoberrevolution“ in die Geschichtsbücher eingehen wird. Der Umsturz beeinflusst die gesamte Geschichte des 20. Jahrhunderts. Seine Folgen reichen bis in die Gegenwart.

Revolution als Folge erodierender Macht im zaristischen Russland


Die Revolution im Oktober 1917 war das zwangsläufige Ergebnis eines Prozesses, in dem sich keine Schicht der russischen Elite fähig zeigte, die Macht vollständig zu übernehmen und auch zu halten.

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Eingesetzt hatte die Erosion des russischen Staates schon mit der Niederlage im russisch-japanischen Krieg, weitergetrieben wurde der Prozess durch die schweren militärischen Niederlagen im Ersten Weltkrieg. Sie dokumentierten die Führungsschwäche, die Zar Nikolai II. viele schon lange unterstellten. Als das Volk im Februar 1917 meuterte, leistete der Zar keine ernsthafte Gegenwehr. Er verlor die Macht und dankte ab – die Monarchie fiel.

Bürgerliche Regierung scheitert wegen der Fortführung des Kriegs


Eine bürgerliche Regierung sollte von nun an die Geschicke Russslands lenken, doch konnte sie ihren alleinigen Führungsanspruch nie geltend machen, da sie sich die Macht mit den sozialrevolutionären Arbeiter- und Soldatenräten teilen musste.

Die Lösung wichtiger sozialer Probleme (Bodenreform) und politischer Fragen (Beendigung des Krieges) wurden immer weiter hinaus geschoben. Die außenpolitischen Bündnispflichten und Selbstüberschätzung, die dazu führte, dass Russland trotz der militärischen Niederlagen am liebsten noch Gebiete am Bosporus annektieren wollte, wurden zur innenpolitischen Falle.

Je länger der verlustreiche Krieg dauerte, desto mehr verlor die anfangs populäre Regierung an Unterstützung im Volk.

Formeln fürs Volk: Freiheit, Frieden, Brot und Land



Derweil gewannen die Bolschewiki mit den Forderungen nach „Freiheit, Frieden, Brot und Land“ einen immer größeren Zulauf. Diese Forderungen hatte zuerst Wladimir Iljitsch Lenin in seinen „Aprilthesen“ erhoben. Der unumstrittene geistige Führer der Bolschewiki war zunächst von den Ereignissen des Jahres 1917 im Schweizer Exil überrascht worden.

In einem plombierten Zug reiste er später über Deutschland und Finnland nach Petrograd. Es gibt zahlreiche Berichte darüber, dass Lenin und die Revolution vom deutschen Generalstab finanziert wurden, um den Kriegsgegner Russland auszuschalten.

Im Spätherbst 1917 war Russland sowieso kaum noch handlungsfähig. Die Soldaten desertierten scharenweise von der Front, in den Rüstungsbetrieben brodelte es und auch die Landbevölkerung war unzufrieden. Die Regierung hatte faktisch jeden Einfluss verloren.

Sturm des Winterpalastes verlief weitgehend unblutig


Diese Situation wollte Lenin für die Machtergreifung nutzen. An jenem Abend des 25. Oktober versuchten einige Hundert Rotgardisten, den Winterpalast zu stürmen. Zunächst wurden die militärisch unerfahrenen Bolschewiki leicht von den im Palast verbliebenen Junkern abgewehrt.

Drei Angriffswellen endeten ergebnislos. Erst als Teile der 106. Infanteriedivision den Aufständischen zu Hilfe kamen, war der vierte Angriff schließlich erfolgreich. Der Umsturz war weniger blutig, als er später von Monumentalfilmer Sergej Eisenstein dargestellt wurde.

Neue Ära in der Geschichte


Und dennoch ist er das wohl umwälzendste Ereignis des 20. Jahrhunderts. Die Revolution sei „von internationaler, von Weltbedeutung, denn sie bedeutet eine grundlegende Wendung in der Weltgeschichte der Menschheit, die Wendung von der alten, der kapitalistischen Welt zu der neuen, der sozialistischen Welt“, schrieb Lenins Erbe Stalin 1927.

Tatsächlich stellt die Oktoberrevolution einen Wendepunkt in der Geschichte dar. Mit ihr begann die Existenz des real existierenden Sozialismus. Das sowjetische Experiment dauerte immerhin bis 1991 und unterschied sich deutlich von den idealistischen Utopien sozialistischer Theoretiker.

Modernisierung unter hohen Blutopfern


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Als Plus können die Revolutionsbefürworter die gewaltige Modernisierung des rückständigen, landwirtschaftlich geprägten Russlands für sich verbuchen, die Abschaffung der Armut im Land und die Hebung der Bildung. Zugleich stieg die Sowjetunion innerhalb weniger Jahrzehnte zu einem der mächtigsten Imperien der Welt auf, mit dem sich der Westen messen musste – auch in Bezug auf soziale Errungenschaften.

Gleichzeitig wurden diese Fortschritte mit einem hohen Blutzoll erkauft. Der Rote Terror im Bürgerkrieg, die Zwangskollektivierungen und die darauf folgenden Hungersnöte und die Repressionen Stalins forderten Millionen Tote in der eigenen Bevölkerung. Herrschte im Innern des Landes Unterdrückung, so schottete sich das Land während des Kalten Krieges nach außen ab.

Statt der ständigen Revolution kam Stillstand


Das Land erstarrte schließlich in seiner Bürokratie. Die Jubiläumsfeiern für die Oktoberrevolution waren nur noch Machtdemonstrationen. Große Militärparaden vorbei an einem greisen Politbüro auf dem Lenin-Mausoleum prägten das Bild der Oktoberrevolution in den 70er und 80er Jahren. Sie zeugten vom schleichenden Untergang des Sowjetsozialismus.

Kurioserweise hat der Feiertag den Untergang der Sowjetunion um 15 Jahre überlebt. Erst seit 2005 ist der 7. November kein Feiertag mehr. Das Datum sei für diejenigen Russen, deren Angehörige der Roten Repression zum Opfer fielen, kein Grund zum Feiern, begründete der Vorsitzende des Sozialausschusses der Duma, Andrej Issajew, den Beschluss des Parlaments über die Feiertagsreform.

Demonstrieren nach Feierabend


Stattdessen wird am 4.November offiziell die Befreiung Moskaus von polnischen Eroberern im Jahre 1612 gefeiert.

Kommunisten und Stalinisten müssen seitdem nach Feierabend demonstrieren. Offizielle Gedenkveranstaltungen gibt es nicht mehr zum „Tag der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution“.
Dennoch trifft man in Russland überall auf „revolutionäre“ Spuren. Eins der eindrucksvollsten ist wohl die Moskauer Metrostation „Platz der Revolution“. Dort warten immer noch martialische Revolutionäre auf das Signal zum Losschlagen. Glücklicherweise sind sie nur aus Bronze.

(ab/.rufo/Moskau)


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