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Montag, 07.04.2003

Der grosse russische Zellulosekrieg.

St.Petersburg. Das Wyborger Zellulosekombinat ist für Investoren zwischen London und Honkong ein feststehender Begriff: Hier wird der große russische Zellulosekrieg ausgetragen – mit Gerichtsurteilen und Hubschraubereinsätzen.

Wenn sich in Russland Gerichtsvollzieher und Innenministeriumsbeamte an Gerichtsbeschlüsse halten würden, hätten sich für Investor Aleksei Schmargutenko die 21 Millionen Dollar sicher gelohnt, die er im Laufe der Jahre in das Wyborger Zellulosekombinat investiert hat.

So aber ist der Betrieb, der eine der modernsten Produktionsanlagen der Branche ist, seit fast zwei Jahren von einer Wachtruppe des Innenministeriums besetzt, die sich weder um Gerichtsbeschlüsse noch um Beschwerden bei Innenminister Boris Gryslow schert.

Schmargutenko darf das Betriebsgelände nicht betreten – obwohl er ein Gerichtsverfahren nach dem anderen gewinnt, von seinem Petersburger Office aus regelmässig Löhne und Steuern zahlt – und darüber nachgrübelt, welche hochgestellten Persönlichkeiten wohl seinen Widersachern den Rücken stärken.

Der Glaube in den Fortschritt Russlands zu Rechtsstaatlichkeit und Investitionssicherheit wird immer wieder durch die Auseinandersetzungen erschüttert, die schon der grosse russische Zellulosekrieg genannt wurden. Es geht um die Umverteilung eines der einträglichsten russischen Wirtschaftszweige. Nach Öl, Gas, Alluminium und Buntmetall steht die Holz- und Zelluloseindustrie in der russischen Wirtschaftsstatistik auf Platz Fünf. Etwa 4,5 Mrd Euro werden jährlich in der russischen Holz- und Zelluloseindustrie erwirtschaftet. 3,5 Mrd davon gehen in den Export. Bisher aber ist es noch niemandem gelungen, aus den 33 russischen Zellulosebetrieben eine grössere Holding zu bilden.

Der Einsatz ist so hoch, die Empfindlichkeiten so gross, dass der russische Aluminiumkönig Oleg Deripasko, der das Zellulosewerk bei Archangelsk erwarb, die deutsche FAZ-Korrespondentin wegen eines Berichtes darüber verklagte.

Dabei ist der Kampf um das Wyborger Zellulosekombinat weit dramatischer. Er geht inzwischen ins sechste Jahr und ist ein Lehrstück für Investoren in Russland.

1996 hatte die amerikanische „Alliance Cellulose“ das Kombinat für bankrott erklärt.

1997 kaufte die „Nimonor Invest ltd.“ (Nina Wang, Honkong) für 32 Millionen Dollar 87% der Aktien des Zellulosekombinates. Der Sanierungsplan, nach dem 1.000 Arbeiter entlassen werden sollten, rief die Gewerkschaften auf den Plan. Das Betriebsgelände wurde besetzt. Der Versuch der Nimonor Invest ltd., das Kombinat mit einem schneidigen Hubschraubereinsatz im Juni 1998 zurückzuerobern scheiterte. Im Mai 1999 verkaufte Nimonor den Betrieb an die Londoner Firma Alcem, die damals den Unternehmern Aleksei Schmargutenko und Alexander Sabadasch anteilig gehörte.

Nachdem sich im Juni 1999 Alexander Sabadasch bei einem Sturmangriff auf den besetzten Betrieb buchstäblich eine blutige Nase geholt hatte, änderten die Partner die Taktik. Im Januar 2000 einigten sich die neuen Besitzer mit den Gewerkschaften und der Belegschaft, investierten zunächst 13 Millionen Dollar, zahlten regelmässig anständige Löhne und die Produktion begann sich zu normalisieren. Anfang 2001 stieg Sabadasch aus und verkaufte seine Anteile an der Alcem an seinen Partner Schmargutenko.

Im Oktober 2001 beschloss eine ausserordentliche Aktionärsversammlung die Auflösung der alten Aktiengesellschaft „Wyborger Zellulose OAO“, die dementsprechend auch aus dem Firmenregister gestrichen wurde. Anstelle der alten Firma trat eine neugegründete „Wyborger Zellulose OOO“ in alle Rechte ein, die ebenfalls Schmargutenko gehörte. Das Wyborger Zellulosekombinat hätte nach allen Regeln der Kunst schnell in die Gewinnzone kommen müssen.

Wie aus heiterem Himmel aber erschien plötzlich der Brite Harry Itkin, der inzwischen die Firma Alcem erworben hatte, und erwirkte im Juli 2002 vor einem Petersburger Bezirksgericht, dass dieses die Entscheidung der Aktionärsversammlung anullierte. Das Gericht berief sich dabei unter anderem darauf, dass schon der Verkauf der Alcem-Anteile rechtswidrig gewesen sei, weil die Unterschrift des Alcem-Direktors Brian Webb gefälscht worden sein soll.

Während Schmargutenko noch darüber nachdachte, ob sein alter Partner Sabadasch oder vielleicht andere Konkurrenten hinter diesem Vorstoss stehen, erschien Anfang August 2002 bereits Gerichtsvollzieher Michail Kusmin in Begleitung eines Wachregimentes des Innenministeriums auf dem Kombinat, beschlagnahmte den Betrieb und setzte als neuen Direktor Anatoli Karagapolow ein, der alsbald begann, mit den Dokumenten und Stempeln der eigentlich bereits rechtswirksam aufgelösten OAO, den Betrieb weiterzuführen.

Erfahrung damit hatte Karagapolow, denn er war vor seiner Entlassung 2000 bereits Kombinatsdirektor gewesen.

Schmargutenko, der seit dem August 2002 sein Zellulosekombinat nur noch aus der Ferne sehen kann, zog natürlich seinerseits vor Gericht. Er kann inzwischen mehrere eidesstattliche Versicherungen des Alcem-Direktors Brian Webb vorlegen, dass dieser tatsächlich und unwiderruflich Alcem-Aktien an Schmargutenko verkauft hat.

Am 24.Dezember 2002 hob das Schiedsgericht der Stadt Petersburg und des Gebietes Leningrad die Entscheidung vom Juli 2002 auf und bestätigte die Auflösung der OAO und die Gründung der OOO. Am 18.Februar 2003 wurde diese Entscheidung noch einmal bestätigt.

Aber weder die Gerichtsvollzieher noch das Wachregiment des Innenministeriums reagierten auf diese Gerichtsentscheidungen. Auch ein Schreiben Schmargutenkos an Innenminister Gryslow, in dem er auf dieses rechtswidrige Verhalten aufmerksam macht, blieb bisher folgenlos.
(gim/.rufo)


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