Moskau. Ganze 30 Prozent der Bevölkerung sollen bis 2010 der Mittelschicht angehören – so die Prognose des Wirtschaftsministeriums. Kritiker zweifeln. Allein über steigende Gehälter lasse sich eine stabile Schicht nicht definieren.
Rosige Aussichten präsentierte gestern die stellvertretende Leiterin des russischen Wirtschaftsministeriums Anna Popowa auf dem Forum „Russland-2008“. Bereits im Jahr 2010 würden der Mittelschicht rund 30 Prozent der Bevölkerung angehören. Und noch einmal zehn Jahre später könne man 50 Prozent zur Mittelschicht zählen.
Das alles dank der beständig wachsenden Gehälter, so die Politikerin kurz vor den Präsidentschaftswahlen. Sie sagt ein Einkommenwachstum für der Mittelschicht um das Anderthalbfache im Zeitraum von 2006 bis 2010 voraus. Zwischen 2008 und 2020 wüchsen die Gehälter der Mittelschicht voraussichtlich noch einmal um das Zweieinhalbfache.
Wer Geld hat, bekommt in Moskau alles - oft auch das, was es im Westen nicht gibt. (Foto: Jahn/.rufo)
Heute liege der Anteil der Mittelschicht an der arbeitenden Bevölkerung bei rund 21 Prozent. Diese Analyse deckt sich mit der Einschätzung des Versicherungskonzerns „RosGosStrach“, der freilich zu hundert Prozent dem Staat gehört. Laut Versicherer verfügen heute rund 14 Millionen Russen über Einkommen in Höhe von 345 bis 2.070 Euro pro Monat und gehörten damit zur Mittelschicht.
Eher etwas für die Superreichen: Handtäschchen im Luxus-Einkaufszentrum Lotte Plaza. (Foto: Jahn/.rufo)
Steigende Gehälter gleich wachsende Mittelschicht – dieser optimistischen Einschätzung wollten russische und ausländische Wirtschaftswissenschaftler und Soziologen nicht zustimmen. Erik Berglof von der „Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung“ (EBWE) verwies auf eine Untersuchung in 28 Ländern. Die Einschätzung der russischen Respondenten zu ihrem Lebensstandard und ihrer Zufriedenheit fielen weit pessimistischer aus als in vielen anderen europäischen Ländern. Berglof schließt daraus, dass es in Russland noch keine stabile Mittelschicht gibt, die Gesellschaft vielmehr noch mitten im Ausdifferenzierungsprozess steckt.
Verbraucherverhalten, Mobilität und Bildung
Ihm stimmten russische Soziologen zu. Der Direktor der „Stiftung öffentliche Meinung“ Alexander Oslon kommentierte: „Es ist noch zu wenig Zeit vergangen, als dass sich die Bedeutung des Begriffs ‚Mittelschicht’ verfestigt hätte. Das Wirtschaftsministerium hatte wohl seine eigene Definition, als es vom Wachstum der Mittelklasse sprach. Am ehesten war wohl das Wachstum der Gehälter gemeint. Die Definition von ‚Mittelschicht’ ist aber breiter“, so Oslon.
Ähnlich äußerte sich Tatjana Malejewa vom „Unabhängigen Institut für Sozialpolitik“. Mindestens so wichtig wie die Gehälter sind für die Definition der Mittelschicht laut Malejewa das Verbraucherverhalten, die Möglichkeiten der sozialen Mobilität und die Bildung.
Die Friedrich-Ebert-Stiftung hatte bereits im Januar 2007 eine Studie zu „Russlands städtischer Mittelschicht“ veröffentlicht. Darin definiert sie die Zugehörigkeit zur Mittelschicht über die Kriterien „Bildung und Qualifikation“, „beruflicher Status“, „materieller Lebensstandard“ und „Selbsteinschätzung“.
Staat zahlt weniger
Lege man alle diese Kriterien streng an so gehörten im Jahr 2003 rund 25 Prozent der russischen Bevölkerung zur Mittelschicht. Im Jahr 2006 sei dieser Anteil dann auf 20 Prozent geschrumpft. Das liege daran, dass viele Menschen, die 2003 noch der Mittelschicht angehörten, Beschäftigungen in der freien Wirtschaft aufgegeben und schlechter bezahlte staatliche Anstellungen angenommen hätten. Nach dem Kriterium „materieller Lebensstandard“ vielen sie dann aus der Mittelschicht heraus.
„Um ein besseres Bild über die zukünftige Dynamik der Mittelschicht zu bekommen“, heißt es in der Studien-Zusammenfassung, habe die Forschergruppe einen neuen analytischen Begriff eingeführt – die Peripherie oder „Umgebung“ der Mittelschicht. Diese definiert sich darüber, dass für sie lediglich drei der vier oben genannten Kriterien zutreffen müssen.
Drei von vier Kriterien erfüllten im Jahr 2003 weitere 28 Prozent, so dass die Anteile der Mittelschichtler und der potenziellen Mittelschichtler addiert einen Gesamtanteil von 53 Prozent der russischen Bevölkerung ausmachten. Im Jahr 2006 betrug der Anteil der potenziellen Mittelschichtler 32 Prozent – dafür war freilich der Anteil der Mittelschichtler um fünf Prozent gesunken.
Der Gesamtanteil von Mittelschichtlern und potenziellen Mittelschichtlern lag im Jahr 2006 damit bei 52 Prozent.
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Containerumschlag im Hafen von St. Petersburg: Auf diese Weise importiert Russland vor allem - exportiert werden vorrangig Rohstoffe wie Öl, Gas, Metall und Holz.(Topfoto:Deeg/.rufo)