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Reifen flicken in der nordsibirischen Tundra. Bestimmt kein Zuckerschlecken angesichts der Temperaturen. (Foto: Richard Löwenherz)
Reifen flicken in der nordsibirischen Tundra. Bestimmt kein Zuckerschlecken angesichts der Temperaturen. (Foto: Richard Löwenherz)
Montag, 16.01.2012

Diavortrag: Mit dem Fahrrad durch Russlands Winter

Berlin. Auf dem Fahrrad bei bis zu 50 Grad Kälte durch Taiga und Tundra mit permanent vereister Kleidung – das ist nicht jedermanns Sache. Dafür ist auch nicht jeder ein "Globetrotter des Jahres". Einer jedoch schon…

Der 30jährige Richard Löwenherz, Geograph aus der Niederlausitz, hat sich im Winter 2010 auf seinen Fahrradsattel gesetzt um in 23 Tagen eine 800 Kilometer lange Ochsentour durch das Land der Nenzen zu bewältigen. Mit dem Fahrrad wohlgemerkt.

Statt sich an seinen Schreibtisch zu setzen, um für seine Diplomarbeit zu büffeln, besorgte sich Richard Löwenherz, er heißt wirklich so, ein russisches Visum und verwirklichte sich einen Traum, den andere nicht einmal zu träumen wagen. Den Mut seines legendären Namensvetters konnte der Pedalritter dabei gut gebrauchen.

Im Lande der Nenzen


Seine „Tour de Russe“ beginnt für Löwenherz in Berlin. Über Warschau und St. Petersburg erreicht er Uchta im Herzen der Republik Komi. Hier beginnt für ihn die eigentliche Reise. Eine Reise, für die es auch bequemere Fortbewegungsmittel gäbe, aber der Extremtourist will sein Ding durchziehen.

Aber auch mit einem „gesunden“ Fahrrad schaut die Route nicht einladender aus. Winter im Land der Nenzen. (Foto: Richard Löwenherz)
Aber auch mit einem „gesunden“ Fahrrad schaut die Route nicht einladender aus. Winter im Land der Nenzen. (Foto: Richard Löwenherz)
Üblicherweise verkehren in dieser Gegend neben wenigen Kraftfahrzeugen im Winter höchstens noch Rentierschlitten. Als traditionelle Rentierzüchter wird sich auch im nächsten Sommer wieder eine stattliche Anzahl der hier lebenden Nenzen als Nomaden auf den Weg machen, um mit ihren Tieren die Wanderung zu den Weidegründen anzutreten.

Aber viele der Ortschaften sind nur im Winter zu erreichen, wenn die Flüsse zufrieren und eine Piste durch den schneebedeckten Sumpf gebahnt werden kann. Löwenherz bleibt bei seinem Entschluss. Mindestens drei Fahrzeuge sollten den Weg schon gefahren sein, sonst hätte man mit dem Rad keine Chance, meint er.

Survival-Camping am Polarkreis


Mit 92 Kilogramm bepackt wird Richard Löwenherz zum Überlebensstrategen in der nordrussischen Wildnis. Über den Sattel ist ein altes Autositzfell gezogen, und selbst genähte Felltaschen, die am Lenker befestigt sind, schützen seine Hände während der Fahrt gegen den eisigen Wind.

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Er selber hält sich mit der Zwiebelschalentaktik warm und setzt dabei auf Kleidung aus Naturmaterialien. Lediglich die oberste Schicht ist wegen des Windes aus Kunstfasern. Bei jeder Pause muss er seine Klamotten wechseln, um nicht auszukühlen. Und wenn um 17 Uhr die Sonne endgültig verschwindet, sorgt eine Stirnlampe für ein paar weitere Kilometer.

Eine Isomatte und ein Rentierfell darüber sei die beste Isolation von unten, sagt Löwenherz. Für darüber hat er zwei Schlafsäcke und steckt in drei Lagen Kleidung. Die spartanische Ernährung war kalkuliert. Morgens Haferbrei und abends Nudeln, wegen der Kohlehydrate. Für zwischendurch gab es gefrorene Wurstbrote und Kekse.

Begegnungen der dritten Art


Die Menschen, denen er begegnete staunten nicht schlecht, als sie den absonderlichen Deutschen sahen. Viele von ihnen haben überhaupt ihren ersten leibhaftigen Touristen im Leben gesehen, und dann gleich so einen. Dementsprechend hatte Löwenherz auch in jeder Ansiedlung einen großen Bahnhof.

Ein schöner Bonus sei es für ihn gewesen, sagt der Globetrotter, wenn ihn die Einheimischen auf ein warmes Essen eingeladen haben. Sie versorgen ihn mit reichlich Wodka, und ein paar Mal übernachtet er auch in den überheizten Stuben der Dorfbewohner. Er, der Mann der aus der Kälte kam – auf einem Fahrrad.

Nach Einbruch der Dunkelheit erweist eine Stirnlampe gute Dienste. Und dann gilt es einen Biwakplatz zu finden. (Foto: Richard Löwenherz)
Nach Einbruch der Dunkelheit erweist eine Stirnlampe gute Dienste. Und dann gilt es einen Biwakplatz zu finden. (Foto: Richard Löwenherz)
Und es war nicht leicht, wieder von dort wegzukommen. Sie wollten den Fremden einfach nicht mehr gehen lassen, hinaus in die Kälte und in die Einsamkeit der Wildnis. Stellenweise muss Richard Löwenherz regelrecht darum streiten, wieder mit seinem Fahrrad und nicht mit dem Auto weiter fahren zu dürfen.

Abenteuer, Extreme und ein Vortrag


So weiß Löwenherz erst von Dorfbewohnern, dass das nächtliche Krachen im Wald von einem Bären stammt, der, aus seinem Winterschlaf erwacht, noch tapsig schlaftrunken durch das Unterholz torkelt. Auch dass während seines Aufenthalts mit -56,4 der Kälterekord der letzten 30 Jahre herrschte, soll er erst später erfahren.

Wann und wo:
20.01.2012, 17.30 Uhr – Berlin, Urania, An der Urania 17
03.02.2012, 19.00 Uhr – Berlin, ADFC, Brunnenstrasse 28
Auf seiner letzten Etappe schließlich bricht Richard Löwenherz der Rahmen seines Rades. Aber auch jetzt hat er wieder Glück im Unglück. Er trifft auf russische Journalisten, die einen Geländewagen auf seine Tauglichkeit in der Eiswüste Sibiriens testen wollen. Auch die können seine Story erst nicht glauben, während sie an der Wagenheizung nesteln.

Am Ende seiner Reise zog der Extremradler eine finanzielle Bilanz. Dieser dreiwöchige Trip hatte ihn am Ende 677 Euro gekostet. Viel konnte er vor Ort ja allerdings auch nicht ausgeben. Nun erzählt Richard Löwenherz von einer Radtour an den Baikalsee und gar von einer kompletten Russland-Durchquerung. Zuzutrauen wäre es ihm.

Und einen Reiseführer will er schreiben, um richtig reich zu werden. Dabei muss der Globetrotter aber selbst lachen. Vorerst hält er noch Vorträge und zeigt seine Dias dazu. Demnächst an zwei Terminen in Berlin. Da können Sie sich dann ja selbst ein Bild von dem "Globetrotter des Jahres 2010" machen…



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