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Samstag, 14.05.2011

Der eingebildete Gesunde

Thomas Fasbender, Moskau. Die Russen fühlen sich gesünder als sie wirklich sind. Dabei geht es ihnen statistisch miserabel; sie sterben früher als sie glauben, und weil sie sich sträflich wenig um sich sorgen und nicht vorsorgen, wird nichts besser.

Zwischen diesen Zeilen einer Pressemeldung schwingt leiser Tadel, aber das sind wir bei der Berichterstattung über unsere Wahlheimat gewohnt. In Sachen gesunder Lebensführung werden hier auch keine Blumentöpfe gewonnen.

Zwar sprießen im Umkreis der Rubljowka die ersten Bioläden, die Fernsehköchin Wyssotskaja propagiert frisches Gemüse, und auch in Russland freut sich niemand über ein AKW im Hinterhof.

Aber der biedere Ernst, mit dem wir Deutsche uns als Avantgarde gegen die bösen unsichtbaren Strahlen positionieren, bleibt den ewig pragmatischen Russen mit ihrem ewig zynischen Humor herzlich fremd.

Gesundheit ist auch in Russland die wichtigste Komponente des subjektiven Glücksempfindens. Doch indem die Menschen sich gesünder fühlen als sie sind, sind sie glücklicher als sie vernünftigerweise sein dürften.

Dieses unverschämte, unvernünftige Glücksempfinden trifft unsere deutsche Krämernatur ins Mark.

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Jeder kennt die Statistik der russischen Lebenserwartung – wie stellen die es an, glücklich zu sein, wo sie Tag für Tag dem Tod mit Siebenmeilenstiefeln entgegeneilen? Und anstatt, wie es sich gehören würde, Angst zu haben, sind sie auch noch eingebildet gesund.

Dieses bemerkenswerte Volk wehrt sich instinktiv gegen alle Versuche, es mit Hilfe der Gesetze, der Statistik und der Vernunft zu modernisieren.

"Ja es war", schreibt Joseph Roth in einem seiner Romane, "als demonstrierten die [russischen] Emigranten bewusst gegen die berechnende, alles berechnende und so sehr berechnete Gesinnung des europäischen Westens."

Luftikusse und Leichtfüße im schwermütigen Gewand sind sie, unsere fernen Nachbarn im Osten, die in den Tag hinein leben und so tun, als kennten sie kein Morgen.

Ihre Künstler und Intellektuellen kämpfen nicht für eine bessere Welt, nur für schönere Träume.

Und wer als deutscher Migrant unter ihnen lebt, schüttelt je nach Temperament und Laune den Kopf oder freut sich diebisch, dass er nicht den Predigten seiner sauertöpfischen Landsleute zwischen Bielefeld und Tauberbischofsheim ausgesetzt ist.

Im Westen, wo seit je die drei Tugenden geübt werden – Zählen, Wiegen, Messen – gilt das Fehlende immer mehr als das, was wir in Händen halten.

Deshalb gibt es auch nur halbleere Gläser. Dass der Trunkenbold das hier und jetzt zur Ewigkeit verwandelt, nimmt kaum jemand wahr.

Nun ist der deutsche Wunsch, den Dingen auf den Grund zu gehen, gründlich zu sein und dafür zu sorgen, dass auch ein Schuh daraus wird, durchaus eine vernünftige Sache.

Doch in einem sollten wir von den Russen lernen. In ihrer großen Seele haben sie verstanden, dass die Götter uns alles verzeihen, Sünde und Schuld, nur das eine nicht: mit ihnen gleichziehen zu wollen. Die da oben im Olymp verteidigen ihr Reich mit Zähnen und mit Klauen.

Neiden wir den Russen ihre Unbeschwertheit? Tief im Verborgenen, oft unbewusst und trotz aller Besserwisserei - ja. Dafür bewundern sie uns für den Schneid, es mit den Göttern aufzunehmen, an Perfektion noch die Schöpfung übertreffen zu wollen. Die polierten Oberflächen schwäbischer Autos, die Gestalt eines V-12-Motorblocks, die exakten Fugen zwischen Kühlerhaube und Kotflügel … unsere Produkte sind Wachs und Federn, und wir sind Ikarus.

Nicht zuletzt ist es eine Frage des Geschmacks. Die Heuschrecke in der Fabel des Äsop kommt über den Winter, frierend und mit knurrendem Magen, aber dafür hat sie zu allen Jahreszeiten Musik gemacht.

Russland ist lebendig, auch wenn die Menschen früher sterben. Deutschland schwebt weiter zwischen Sonne und Meer. Der schwarze Schnitter holt ohnehin jeden in seiner Frist. Und dann ist Schluss mit Glück und lustig.



Thomas Fasbender lebt seit 1992 in Moskau, ist Geschäftsführer der CHECKPOINT RUSSIA und mit regelmässigen Kommentaren auf
Russland-Aktuell präsent.





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