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Hat die Stunde für die Führung im Kreml schon geschlagen ? (Foto: Ballin/.rufo)
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Dienstag, 03.01.2012

Unwägbares hinter dem Horizont der Zeit

Thomas Fasbender, Moskau. Jedes Jahrhundert beginnt erst in seinem zweiten Jahrzehnt. Ob das immer zutrifft, sei dahingestellt. Unstreitig ist, dass dieser Jahreswechsel uns ein besonders opakes Bild der Zukunft präsentiert.

Die Berufsoptimisten aus Politik und Publizistik mögen das vehement bestreiten, aber die meisten Menschen spüren, dass sich im Fundament der Epoche Risse auftun, die niemand mehr flicken kann. Hinter dem Horizont der Zeit wächst Neues heran. Auffallend ist dabei die Geschwindigkeit, mit der die Veränderungen gleichzeitig auf verschiedensten Feldern greifbar werden.

Da ist die Krise in Europa, die mit der neuen Währung wenig zu tun hat, umso mehr mit vierzig Jahren Schuldenmachen. Da ist der Nahe und Mittlere Osten, wo nach dem Ende der terroristischen Phase der Islam eine neue Dynamik entwickelt. Da ist China, das Schritt für Schritt seine hegemoniale Stellung ausbaut und die Pazifikregion zum zentralen Ort im 21. Jahrhundert werden lässt. Und da ist Russland, dessen Gesellschaft die postsowjetische Restauration abschüttelt, während die Elite sich zu Recht fragt, inwieweit das Land noch auf den Nachbarn Europa setzen soll.

Europa der Verlierer der Zeitenwende


Europa ist in der Tat der große Verlierer. Seit 2011 rangiert lediglich Deutschland noch unter den Top-7 der Weltwirtschaft. Am schwersten wiegt jedoch, dass der Kontinent ebenso wie die USA politisch nurmehr eingeschränkt manövrierfähig ist. Für alle diese Länder gilt: ihre Gesellschaften sind reich, die Staaten sind überschuldet und arm.

Die Amerikaner ziehen Konsequenzen und restrukturieren ihre militärische Präsenz. Der Rückzug aus dem Irak ist nur ein erster Schritt. Ein Atomkrieg im Nahen Osten soll in jedem Fall verhindert werden, aber mit verdeckten Mitteln wie Sabotage und Mord. Große militärische Aufgebote sind für die USA vorerst nicht aktuell.

USA und China üben Konflikt


Auch Europa verschwindet aus dem Fokus. Der US-Präsident hat öffentlich angekündigt, dass künftig der Pazifik bei der Stationierung amerikanischer Streitkräfte Vorrang hat.

China besitzt seinen ersten Flugzeugträger, und die Militärs spielen chinesisch-amerikanische Konflikte durch. Noch findet das alles im Sandkasten statt. Aber das Jahrhundert beginnt ja erst.

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Kreml von Zivilgesellschaft überrascht


In Russland haben die Putinschen Silowiki dem Land Stabilität und Aufschwung gebracht; sie selbst sind dabei nicht zu kurz gekommen. Aber der Erfolg hat die Elite satt gemacht.

Zu China fällt ihr nicht viel ein. Vom Auftreten einer neuen Generation und den Auswirkungen von vier Jahren Modernisierungs-Rhetorik zeigt sich das Establishment überrascht, auf dem falschen Fuß erwischt. Immerhin zeugen die friedlichen Großdemonstrationen im Dezember von einem Pragmatismus der Mächtigen, dem man wünschen möchte, das er kein Verfallsdatum hat.

Die öffentliche Reaktion der Macht auf die neue Unzufriedenheit, die alle Schichten und Gruppen durchzieht, ist beschämend. Putins Äußerungen zu dem Thema seit den Dumawahlen lassen der Hoffnung auf eine 2.0-Version des Ex-Präsidenten so gut wie keinen Raum.

Russland muss gen Osten und Süden schauen


Gleichzeitig weiß aber der Kandidat, dass sein Land nur auf der Basis einer soliden Machtposition im eurasischen Raum global mitspielen kann. Er weiß auch, dass Russland dringend einer weitblickenden, eigenständigen Strategie gegenüber China, dem Iran und Indien bedarf. In Eurasien entscheidet sich die Zukunft des Landes, nicht in seinem Verhältnis zum Westen, auch wenn die internationalen Medien das aus alter Gewohnheit anders sehen. Um aber dem Land die für neue Schritte nötige Energie zu sichern, braucht der Kreml die Unterstützung der produktiven, der kreativen Kräfte im Volk.

Der Wunsch der neuen Opposition nach einer Modernisierung von Staat und Gesellschaft ist ernst gemeint, und niemand möge glauben, dass darin weniger Patriotismus steckt als in den Parolen der (heute noch) Mächtigen. Die Behauptung, der Widerstand sei vom Ausland gelenkt, entstammt der sowjetischen Mottenkiste. Eher ist anzunehmen, dass ein modernisiertes Russland sich auf einen ganz eigenen und durchaus national orientierten Weg begeben wird.


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Thomas Fasbender lebt seit 1992 in Moskau, ist Geschäftsführer der CHECKPOINT RUSSIA und mit regelmässigen Kommentaren auf Russland-Aktuell präsent.



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xy 05.01.2012 - 21:50

Unwägbares hinter dem Horizont der Zeit

das finde ich eine sehr gute Diagnose, die auch potimistisch stimmt. Ich denke aber nicht, das man \"den Westen\" so schnell abschreiben sollte. Im Moment sind Europa und USA vielleicht geschächt. Das macht die anderen aber nicht gleich stärker. Gerade Russland hat vom Rohstoffexporteur zu einem Industriestaat noch eine sehr lange Strecke zurückzulegen, wenn es überhaupt zu schaffen ist und dabei ist Russland auf Europa (und China?) angewiesen. Von chinesischen Investitionen in Russland habe ich noch nicht viel gehört oder ist das gar nicht erwünscht? Indien und China mögen an Gewicht gewinnen, aber Amerika wird noch lange die einzige Supermacht bleiben. Auch halte ich Europa im Verhältnis zu Russland verlässlicher als China. China und Russland haben außepolitisch wohl viel gemeinsam aber sie scheinen sich nicht recht zu trauen.


Marco 04.01.2012 - 13:56

Zivilgesellschaft


Thomas Fasbender hat es sehr treffend analysiert, die Elite ist zu satt und die notwendigen Modernisierungen in Wirtschaft und Gesellschaft, Zivilgesellschaft dynamischer nach vorn zu bringen. Kreativität wird oft durch die Bürokratie und Blockaden in der Zivilgesellschaft gelähmt. Putin war einst das Zugpferd der nach der Jelzin Zeit dem Land einen Ruck verliehen hatte. Medwedew war angetreten um dieses noch dynamischer fortzusetzen. Da ist aber mehr erwartet worden. Jetzt wird der alte neue Präsident gemessen ob er verstanden hat, das Selbstzufriedenheit die Gesellschaft nicht nach vorn bringt. Die Bürger wollen ernst genommen werden und brauchen Perspektiven. Wer Satt ist, wird müde und blinder gegenüber der Außenwelt. Der Westen meint immer dass die Bürger, die Opposition nach den westlichen Symbolen schauen und verkennen dass es in der Regel um durchaus nationalistische Bewegungen handelt, die nicht die Gorbatschowische oder Jelzinische Nativität an den Tag legen. Die Zeit ist überreif die postsowjetische Gesellschaft von dem noch lähmenden Ballast zu befreien. Es wird der Wille gebaucht, ein Russland zu bauen das seiner Größe und Kraft würdig ist den noch immer fortwährenden westlichen Bestrebungen wirtschaftlich und politisch zu kontrollieren stand hält ohne dabei demokratische ,zivilgesellschaftliche notwenige Reformen zu vernachlässigen .Ein Russland, auf das seine Bürger aufschauen ohne blinden Nationalismus zu betonen ,sondern auf seine Leistungen und Erfolge verweisen .Politische Personen die verstanden haben für ihr Volk zu arbeiten


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