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Er muss immer gleichzeitig nach Osten und Westen schauen: das alte und neue russische Staatswappen ist der Doppeladler (Foto: Archiv)
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Montag, 05.10.2009

Wende zum Ende: Der Zerfall des Sowjet-Imperiums

St.Petersburg. Von Magdeburg bis Magadan reichte einmal das größte Imperium der Weltgeschichte: die Sowjetunion. In zwei Schritten, 1989 und 1991, löste sie sich ohne fast ohne Blutvergiessen auf. Es war Folge und Voraussetzung der Deutschen Einheit.

April 1989: Beim Europäischen Journalistikstudenten-Kongress FEJS im finnischen Tampere stellen sich die Delegationen kurz vor: Erstmals durften auch aus den Ostblock-Staaten Studenten kommen – ein Zeichen, dass sich im Eisernen Vorhang ein Spalt aufgetan hat. Aus der Sowjetunion sind Delegierte der Universitäten von Leningrad und Tartu dabei.

Doch der blasse Student aus Tartu, als einziger in Anzug und Krawatte, stellt ein blau-schwarz-weißes Fähnchen auf den Tisch und sagt auf englisch: „Ich heiße Priit, komme aus Estland und das ist die Flagge meines Landes“. Gut hundert Jungjournalisten halten sprachlos die Luft an.

Unabhängigkeit für die Sowjetrepubliken schien unmöglich zu sein


In den nächsten Tagen versucht wohl jeder, einmal mit Priit zu sprechen: Ob er und seine Landsleute das wirklich ernst meinen mit der Unabhängigkeit? Und wo die wirtschaftliche Basis dafür sei nach 40 Jahren Kommunismus? Und ob er wirklich glaube, die Sowjetunion ließe eine Teilrepublik einfach so ziehen? Nach drei Tagen kollektiver Gehirnwäsche meint dann auch Priit, realistisch sei das alles wohl nicht, aber man dürfe doch wohl träumen …

Was keiner ahnte: Priit lag mit seinem Traum näher an der Zukunft als die um ihn versammelte junge europäische Informationselite. Niemand konnte sich damals vorstellen, dass sich schon ein halbes Jahr später die Ost-West-Grenze durch Europa samt Berliner Mauer in Wohlgefallen auflösen könnte – und mit ihr der von Moskaus KP-Gewaltigen dirigierte Militärblock namens Warschauer Pakt. Und dass zwei Jahre später Estland, Lettland und Litauen tatsächlich unabhängige Staaten werden sollten – die es bis zu ihrer „Volljährigkeit“ sogar zur Mitgliedschaft in Nato, EU und Schengen-Zone bringen.

Der West- und der Ost-Block brauchten sich gegenseitig


Die westliche „Generation Kalter Krieg“ war zwar beidhändig für Freiheit, Bürgerrechte und Abrüstung, aber die Existenz der Supermacht Sowjetunion gehörte ebenso zu ihrem Weltbild. Erst recht, seit dort mit Michail Gorbatschow ein Sympathieträger an der Macht war, der unter den Leit-Vokabeln „Perestroika“ (Umbau) und „Glasnost“ (Offenheit, Transparenz) dem verkrusteten Kommunismus gerade das dringend nötige Facelifting verpasste.

Gorbatschows Reformen hatten den Menschen in ganz Osteuropa Mut gemacht, ihre Wünsche und Meinungen laut zu sagen – auch über die Missstände von Partei-Diktatur und Mangel-Planwirtschaft. 1989 kommen so zuerst in Polen, dann auch in Ungarn Reformer, schließlich sogar Nicht-Kommunisten an die Macht: Der rote Monolith im Osten beginnt sichtlich zu bröckeln.

Die „Sinatra-Doktrin“ anstelle der Breschnew-Doktrin


Die mit ihren hauseigenen Problemen mehr als beschäftigte Sowjet-Führung toleriert die Auflösungserscheinungen: Die „Breschnew-Doktrin“ von 1968 (Doktrin der beschränkten Souveräneität, wonach die anderen Pakt-Staaten das Recht zum Eingreifen haben, wenn in einem Land die Grundfesten des Sozialismus bedroht sind) ist zu den Akten gelegt. Schließlich formuliert Moskaus Außenamts-Sprecher Gennadi Gerassimow im Oktober nach dem Schlager-Titel „I did it my way“ die „Sinatra-Doktrin“: Moskaus Satelliten-Staaten sind frei, ihren politischen Weg in die Zukunft selbst zu bestimmen.

Während in Osteuropa im Herbst 1989 die alten Regimes wie die Dominosteine fallen und schließlich Deutschland wiedervereinigt wird, hält Gorbatschow (1990 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet und zum ersten „Präsidenten“ der UdSSR gewählt) die Sowjetunion nur noch mühsam zusammen.

Die Tage des Vielvölker-Staates sind gezählt


Die Tage des Vielvölker-Staates sind gezählt: Wie die Balten begehren nun auch Aserbaidschaner und Georgier, Ukrainer und Usbeken nach einem Ende der Bevormundung aus Moskau - zumal die staatliche Zentralsteuerung der Wirtschaft nicht mehr funktioniert.

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Aus den 15 Sowjetrepubliken kommen reihenweise Souveränitätserklärungen – schließlich sogar aus der RSFSR, dem russischen Kernland. Auch manche Völker und Minderheiten, die fürchten, nun statt von den Sowjets durch ungeliebte Nachbarn beherrscht zu werden, begehren Autonomie: In dieser Zeit beginnen blutig die Konflikte um Abchasien, Südossetien, Berg-Karabach und die Dnjestr-Republik.

Im August 1991 hat Gorbatschow einen neuen liberalen Unions-Vertrag unterschriftsreif gemacht – doch seine Unterzeichnung wird durch einen Putsch hochrangiger Sowjet-Funktionäre verhindert. Sie hoffen, so den alten Staat retten zu können. Als der Umsturz am Widerstand des RSFSR-Präsidenten Boris Jelzin und der Moskauer Bürger scheitert, ist auch die Partei-Herrschaft am Ende: In Russland wird die KPdSU verboten.

KPdSU verboten, Sowjetunion aufgelöst


Im Dezember 1991 wird die Sowjetunion für aufgelöst erklärt und alle Republiken werden, ebenfalls frei nach Sinatra, unabhängige Staaten. Zwölf von ihnen – die drei Balten-Staaten gehen gleich auf maximale Distanz zu Moskau – formieren zwar die “Gemeinschaft unabhängiger Staaten“ (GUS). Doch diese ist mehr Schicksalsgemeinschaft als Staatenbund: Moskau spielt hier nur noch die erste Geige, dirigiert aber nicht mehr.

Das einst von Magdeburg bis Magadan reichende Imperium war so innerhalb von drei schicksalsträchtigen Jahren kollabiert.

Desintegration im letzten Moment noch gestoppt


Der Desintegrations-Prozess drohte noch weiterzugehen: Doch mit militärischer Gewalt (im Falle Tschetscheniens) und administrativen Druck (z.B. gegenüber Tatarstan) verhinderten Boris Jelzin und später Wladimir Putin, dass in den für Russland chaotischen 90er Jahren auch noch die neue Russische Föderation zerfiel.

Russland blieb Atommacht Nr. 2 und der flächenmäßig größte Staat der Erde: Von Moskau aus werden heute noch 78 Prozent der Landmasse der UdSSR und 51 Prozent der Bevölkerung der Sowjetunion regiert – aber auch nicht mehr:

Die einzigen voll „Moskau-hörigen“ Satelliten-Staaten sind heute notgedrungen die Mini-Republiken Abchasien und Südossetien, die bisher nur von Russland, Nicaragua und Venezuela diplomatisch anerkannt wurden.

(Lothar Deeg/St. Petersburg)



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