Comic made in Russia - hier ein Werk des Zeichners Josch (Bild: SPZ)
Montag, 10.10.2005
Auf der Suche nach russischen Comics
St. Petersburg. Wer hier in einem Büchergeschäft nach „Komiksy“ fragt, wird zu den Bilderbüchern verwiesen. Einen Markt für Comics scheint es nicht zu geben. Was nicht heißt, dass es keine russischen Comics gäbe.
Dmitri Jakowlew versucht die Comic-Szene in Schwung zu bekommen (foto: Oehler/SPZ)
Einer, der dieses Problem nur zu gut kennt, ist Dmitri Jakowlew. Der Petersburger setzt sich begeistert für eine Etablierung der heimischen Comic-Szene ein. In der jungen Comic-Gruppe „Spb. Nouvelles Graphiques“ ist er für das Marketing zuständig, deshalb weiß er, wovon er spricht: „Die großen Verlage wollen weder in- noch ausländische Comics drucken, weil sie befürchten, dass sie niemand kaufen wird“. Einst wagte in Moskau der Verlag Nitusov den Versuch, musste aber bald seinen Betrieb wegen mangelnder Nachfrage schließen.
Trotzdem gibt es gedruckte Comics in Russland - wenn auch nur in Petersburg und Moskau und in jeweils kleiner Auflage. „Plemja mjortwoi rybi“ beispielsweise ist eine Sammlung verschiedener junger Künstler und Künstlerinnen beider Metropolen. Und eine überzeugende zeichnerische Leistung ist „Skaska?“ von „Spb. Nouvelles Graphiques“. Diese Episodengeschichte, in der jedes Mitglied der Gruppe eine Episode ausgearbeitet hat, kann sich ohne Weiteres mit Produktionen aus Ländern mit größerer Comictradition messen. In Petersburg gibt es diese Bändchen aber nur in den Musikgeschäften „Play“, „Illusion“ oder im Café „Stirka 40°“ zu kaufen.
Die Frage bleibt, warum sich Comics in Russland so schlecht verkaufen. Olga Dawtian ist eine Person, die das erklären kann. Olga stieß vor einigen Jahren, als sie am Institut francais in St. Petersburg als Übersetzerin zu arbeiten begann, auf die institutsinterne Comicsammlung – und war von Anfang an begeistert. Mittlerweile gilt sie als Spezialistin auf dem Gebiet, hatte am Smolny College der Freien Künste eine Themenwoche zur Geschichte des russischen Comics geleitet und wurde auch schon zu Vorträgen eingeladen.
Ihrer Meinung nach liegt das Problem darin, dass mindestens eine Generation in Russland komplett ohne Comics groß und alt geworden ist, so dass eine Rezeptionstradition gar nicht entstehen konnte. „Die Eltern“, so sagt sie, „schenken ihren Kindern viel eher ein Märchenbuch als einen Comic, von dem sie nicht so genau wissen, was das eigentlich ist.“
Daniil Charms als Pionier der Comic-Zunft
Dabei gab es in den 20er Jahren bereits Anfänge einer russischen Comic-Tradition. Als Erziehungs- und Pionierjournale mit ideologischem Hintergrund erschienen damals die Zeitschriften „Tschisch“ und „Josch“, in denen viele Künstler (darunter beispielsweise auch der Autor Daniil Charms) einen Broterwerb fanden. In ihnen wurden die ersten Comics im eigentlichen Sinne abgedruckt.
Roman Sokolow zeichnet in Karikatur-Tradition (Bild: Skaska?/SPZ)
Einerseits gab es sie in Form harmloser Tiergeschichten für die ganz Kleinen, andererseits erschienen in einigen Ausgaben aber auch längere Fortsetzungsgeschichten, beispielsweise die „Abenteuer von Makar Swirepow“, einem Helden der Bürgerkriegszeit. Auch wenn der Comic hier als Kinder- und Jugendliteratur marginalisiert blieb, so machte er doch Schule: Die junge Leserschaft begann eigene Geschichten im Comicstil zu zeichnen. Und manchmal – wenn auch selten – wurden diese Geschichten sogar abgedruckt.
Tim und Struppi Schuld am Comic-Bann?
Ende der 30er Jahre wurde aber jegliche Veröffentlichung von Comics eingestellt. Warum dies so war, ist Legende. Olga Nikolajewna sieht den Grund in Hergés erster, damals gerade veröffentlichten „Tim und Struppi“-Geschichte. Die Sowjetunion, in der sich die Geschichte abspielt, erscheint darin in einem ziemlich schlechten Licht. Die politische Antwort: Totales Comicverbot. In anderen Theorien wird vermutet, dass die Comicproduktion unterbunden wurde um abzusichern, dass sich in ihnen nicht unerwünschte Propaganda einschleichen kann. Denn es ist schwieriger, den ideologischen Gehalt von Bildern zu kontrollieren als den von Wörtern.
Die sowjetischen Zensoren fanden diesen Comic gar nicht lustig (bild: amazon.de)
In der Folgezeit gab es keine gezeichneten Geschichten mehr in Russland – zumindest nicht offiziell, denn immer fanden sich kleine Gruppen von Künstlern, die im Eigenverlag Comics in Kleinstauflagen herausgaben. In der Glasnost-Zeit der 80er Jahre, in der politisch und kulturell die Zügel gelockert wurden, entstanden zudem verschiedene Comic-Clubs. Jugendliche Anhänger der Bildergeschichten tauschten dort ihre ins Land geschmuggelten Hefte aus und präsentierten dabei auch selbst Gezeichnetes. Während der 90er entwickelten sich daraus im Internet regelrechte (Aus-)Tauschforen.
Comics als Internet-Phänomen
Heute wird die Inexistenz von Comics in den Buchläden durch eine Vielzahl von Beiträgen im Internet kompensiert. Hunderte von Comics mehr oder weniger guter Qualität lassen sich auf Homepages wie www.comics.ru oder www.atacomics.narod.ru abrufen. Aufgrund der allgemein wachsenden Begeisterung unter den meist jugendlichen Leserinnen und Lesern wurde 2001 in Moskau das erste Kommissija-Comic-Festival organisiert. Darin wurden Beiträge gesammelt, ausgestellt und von einer aus nationalen und internationalen und Experten bestehenden Jury bewertet.
Dieses Festival erfreut sich seither zunehmender Beliebtheit. Waren es 2001 noch etwa 50 Teilnehmer, nahmen am diesjährigen Wettbewerb schon rund 250 Zeichnerinnen und Zeichner teil.
Eine der Gewinnerinnen des Kommissija 2002 wohnt in Petersburg. Nastja nennt sich als Künstlerin Namida. Inspiriert von alten Trickfilmen der Sowjetzeit, den sogenannten „Multfilmi“, hatte Nastja mit zwölf begonnen, Bildergeschichten zu zeichnen. Später ging sie regelmäßig in einen Manga-Fan-Club, wo sie schließlich andere Comic-Begeisterte kennenlernte. Mit einigen von ihnen schloss sie sich zu der anfangs noch lockeren Comic-Gruppe zusammen, die erst später dank Dimitri Jakowlew zur zielstrebigen „Spb. Nouvelles Graphiques“ wurde.
La-la-la ist ein Comic der Petersburger Künstlerin Namida (Bild: SPZ)
Gemeinsam tüftelten sie Wege aus, den Petersburger Comic, vor allem natürlich das eigene Werk, aus seinem Randdasein ins Bewusstsein der Leute zu bringen. Sie nutzten beispielsweise Buchmessen, um zwischen den Besuchern umherzugehen und ihre Werke anzubieten. Mit der Organisation von Ausstellungen – eine davon diesen Sommer am Strand der Peter-und-Paul-Festung – verschafften sie sich mehr als einen Auftritt in den Medien. Mittlerweile haben alle Angehörige der Künstler-Gruppe einen Preis bei Kommissija eingesteckt.
In einem Land, in dem es an einer Comic-Tradition fehlt, ist es natürlich schwer, sich zeichnerisch an etwas zu orientieren. Viele holen sich ihre Vorbilder aus den französischen Comics. Unübersehbar ist der Einfluss der Mangas aus Japan. Aber auch die Bedeutung der russischen bildnerischen Traditionen ist nicht zu unterschätzen. Nastja beispielsweise genoss eine Ausbildung als Buchillustratorin und arbeitet heute in einem Trickfilmstudio.
Fernseh-Comics: Multfilmy und Masjana
Ebenso hinterließ die selbst in Sowjetzeiten nicht auszurottende Karikatur ihre Spuren. Dies zeigt nicht zuletzt die vor drei Jahren geradezu explodierte Popularität der Trickfilmfigur Masjana. Und heute sorgen im Internet veröffentlichte Trickfilm-Parodien auf Staatsoberhäupter für Aufregung.
Ist der Durchbruch des Comics in Russland also nur eine Frage der Zeit? Olga Dawtjan bleibt skeptisch. Ihrer Meinung nach fehlt nach wie vor das allgemeine Verständnis für diese Kunstform. „Das zeigt sich nicht nur in der mangelnden Rezitation“, sagt sie, „sondern gerade auch in der Produktion. Erzählweise oder Zeichnungsstil der meisten russischen Comics lassen zu wünschen übrig. Werke wie das von „Spb.Nouvelles Graphiques“ sind leider eher Ausnahme als Regel.“
Andererseits organisiert Dmitri Jakowlew unverdrossen weiterhin Happenings, sucht sich Geldgeber und träumt von einem eigenen Comicladen. Dass Comics in Russland keine Vergangenheit haben, muss ja nicht heißen, dass sie auch keine Zukunft haben.
(Thomas Oehler/SPZ)
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