Moskau (rUFO/gim) Das wars also: Mit dem “Leben als Krankheit, die beim Geschlechtsverkehr übertragen wird” ging das Moskauer Filmfestival zuende. Ohne Sturzregen. Und die Jury war sich einig, dass dieser Film des polnischen Regisseurs K.Sanussi preisgekrönt werden musste. Nicht umsonst hatte schliesslich Nikita Michalkow mit so viel Mühe Sanussi überzeugt, den Film beim Moskauer Festival zum ersten Mal zu zeigen. Und damit dem Moskauer Kinofestival eine Chance verschafft, im nächsten Jahr international etwas ernster genommen zu werden. Und so endet das 22.Kinofestival denn eher mit einem Doppelpunkt, als mit einem Schlusspunkt: Wladimir Putin erklärte zum Abschluss, er habe verfügt, dass das Festival künftig alljährlich stattfinden soll - statt alle zwei Jahre wie bis 1999.
Begonnen hatte es mit einem echt russischen Film, der vor westeuropäischem Kinopublikum höchstens als russische Seelen-Exotik Chancen hätte. Gleb Panfilows feinfühliges Psycho-Porträt der Zarenfamilie fesselte aber die moskauer Festival-Zuschauer drei Stunden lang - und entliess sie erschüttert und tränenüberströmt zur Cocktail-Party im Ermitage-Garten - feuchtfröhlich dank eines sintflutartigen Sturzregens - und das alles für nur 1.000 Dollar pro Eintrittkarte. Auch hier war man sich einig: Eine stärkere und schönere Seifenoper als die “Romanows” hat es lange nicht mehr gegeben. Michalkows “Barbier von Sibirien” ist ein Waisenknabe dagegen.
Schliesslich hat auch Panfilow 10 Jahre lang an der “Die Romanows - die dornengekrönten Familie” gearbeitet, bevor sie endlich zur Uraufführung gelangte. Ein zweites Mal wird sie aber sogar in Russland so bald nicht wieder zu sehen sein. Bisher gibt es nur eine Kopie des Filmes. Was allerdings die Moskauer Kino-Intelligenzia in Gestalt von Goworuchin nicht weiter erschüttert: “Ich kenne die Geschichtsbücher zu gut, als dass ich den Film gut finden könnte.” Und vor deutschem Kritiker-Publikum dürfte es die Zarenfamilie fast ebenso schwer haben, wie der stärkste deutsche Festivalbeitrag es in Moskau hatte.
Nicht, weil “Die Unberührbare” ein intellektuelles Ost-West-Drama ist. Auch nicht, weil man die Dramatik der “Unberührbaren” wie auch der “Romanows” von Anfang an vom Ende her sieht. Eher vielleicht, weil die Festivalorganisatoren “Die Unberührbare” ins Kinomuseum Saal 5 abgeschoben hatten. Und weil der Film viel mehr schwarz als schwarz-weiss ist. Weil der Weg bis zum Selbstmord der Heldin so entsetzlich schwer ist. Oder weil auch die Bezüge zur DDR-Zusammenbruchswirklichkeit gerade in russischen Augen so brutal direkt wirken. Weil der Film so stark ist. Vielleicht war darum das durchaus germanophile Publikum nach der Vorstellung wie erschlagen vom Film - und bezaubert von Hauptdarstellerin Hannelore Elsner, die sich für anderthalb Tage von dringenden Dreharbeiten in Berlin losgerissen hatte, um den Film selbst zu präsentieren. Ohne sie hätte wohl kaum jemand den Film in Moskau überhaupt zu Gesicht bekommen. Denn sie und Organisator Michael Gaissmayer unterhielten eine Stunde lang live auf offener Bühne das Publikum mit Geschichten über die Unberührbare, während Thomas Pfanne, Pressemann der Deutschen Botschaft, einen verzweifelten Kampf mit dem russischen Zoll führte, der die Filmrolle partout nicht herausrücken wollte.
Als ginge es darum, die Worte des Premierministers Michail Kassjanow von der Eröffnungszeremonie vom “Film als Wirtschafts-Indikator” neu zu illustrieren. Aber vielleicht gelingt es ja Putin tatsächlich bis zum nächsten Sommer, den Zoll zu entbürokratisieren.
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