Auch der Frühstücksraum soll den Heimbewohnern gute Laune bringen (Foto: kp/.rufo)
Mittwoch, 22.06.2005
Moskauer Obdachlosenheim wird zum Kunstwerk
Karsten Packeiser, Moskau. Eine deutsche Künstlerin hat im Norden der russischen Hauptstadt das “schönste Obdachlosenheim der Welt” gestaltet. “Reichtum“ hat Miriam Kilali ihr Projekt genannt.
Die obdachlosen Männer von den Moskauer Straßen haben in ihrem Leben zwar schon so manches gesehen, aber so etwas noch nicht: Der einladende Raum mit seinen bunten Wänden, den roten Plüsch-Sofas und den etwas kitschigen, in Gold gerahmten Bildern an den Wänden sieht so gar nicht nach dem Essenssaal einer Notunterkunft aus.
Anderthalb Jahre arbeitete die Berlinerin an dem Projekt, mit dem sie ein Zeichen der Hoffnung setzen will. Wenn Menschen schon in Armut leben müssten, sollte wenigstens die Umgebung schön sein, in der sie sich aufhalten, so die Künstlerin, die schon während des Studiums ehrenamtlich mit Obdachlosen arbeitete. “Wer sich in schönen Räumen aufhält, fühlt sich einfach wohler”, ist sie überzeugt.
Spendable Schotten
Die Realität in gewöhnlichen Moskauer Obdachlosenunterkünften ist alles andere als schön. “Mir ist die Spucke weggeblieben”, erinnert sich Kilali an ihren ersten Besuch in einer derartigen Einrichtung in Russland, “überall war Schimmel an den Wänden.”
Miriam Kilali plant schon weitere Projekte (Foto: kp/.rufo)
Eine Reihe deutscher Firmen und eine Wohltätigkeitsstiftung in Russland lebender Schotten konnte Kilali mit ihrer Idee als Sponsoren gewinnen. Bei dem neu gestalteten “Sozialhotel Marfino” handele es sich in erster Linie aber nicht um ein soziales, sondern um ein Kunstprojekt.
Enthusiasmus in den Augen
Der Heim-Direktor Wladimir Porzeladse war zunächst „etwas verwundert“ über das Angebot jener Ausländerin, die seine Obdachlosenunterkunft in ein Kunstwerk verwandeln wollte. „Ich habe dann aber sofort zugesagt, denn sie hatte so einen Enthusiasmus in den Augen“, erinnert er sich. Nicht nur mit den Ergebnissen ist Porzeladse zufrieden, sondern auch damit, wie die umgestaltete Notherberge von den derzeit 60 Bewohnern aufgenommen wird: „Viele haben mitgeholfen und verhalten sich jetzt ganz anders gegenüber dem Heim.“
Das „Hotel Marfino“, eines von derzeit acht städtischen Not-Wohnheimen, wurde bereits 1997 eröffnet. Manche der Männer schlafen nur eine Nacht hier und ziehen dann wieder auf die Straße, andere leben schon viele Monate in dem Ziegelbau und versuchen, wieder Arbeit zu finden und die Rückkehr in ein geregeltes Leben zu schaffen. „Bei uns lebten schon Wissenschaftler und der Moskauer Schach-Meister, aber auch Männer, die nur vier Jahre zur Schule gegangen sind“, sagt Porzeladse. Viele landeten auf der Straße, als sie nach der Einführung der Marktwirtschaft ihre Wohnungen an Betrüger verloren.
Noch schönere Obdachlosenheime geplant
Trotz des Obdachlosen-Heeres auf Moskaus Straßen und Bahnhöfen gibt es im „Hotel Marfino aber eigentlich immer freie Betten. Viele Männer ohne Dach über dem Kopf wissen gar nichts von der Existenz derartiger Einrichtungen. Außerdem gilt in dem Sozialhotel ein striktes Alkohol-Verbot, Betrunkene werden nicht aufgenommen.
„Hier fühlt man sich nicht mehr wie auf dem Bahnhof“, meint Sergej, einer der Heim-Bewohner, zu den zum Kunstwerk umgewandelten Aufenthaltsräumen. Sergej erinnert sich nicht mehr gerne an seine Vergangenheit, er will „lieber nach vorne schauen“. Auch Miriam Kilali hat inzwischen neue Pläne. Nach ihrem „Moskauer Baby“ will sie nun anderswo auf der Welt noch schönere Obdachlosenheime einrichten.
(epd)
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