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Die Talk-Show "Pust govorjat" (Lass sie reden) ist eine der erfolgreichsten Sendungen im russischen TV - und eine der niveaulosesten (Foto: TV)
Die Talk-Show "Pust govorjat" (Lass sie reden) ist eine der erfolgreichsten Sendungen im russischen TV - und eine der niveaulosesten (Foto: TV)
Freitag, 17.10.2008

Ist das Fernsehen so schlecht wie die Gesellschaft?

Moskau. Miese Qualität wirft Marcel Reich-Ranicki dem deutschen Fernsehen vor. Wie gut aber ist das TV in Russland? Jelena Selinskaja, in der Bürgerkammer für Kulturpolitik zuständig, stand Russland-Aktuell Antwort.

Der deutsche Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki hat in einem Streitgespräch mit Thomas Gottschalk seine Kritik am Niveau der Unterhaltung im deutschen Fernsehen bekräftigt (Sendung wird am Freitagabend ausgestrahlt). Der 88-Jährige hatte am Wochenende den Deutschen Fernsehpreis abgelehnt, was in der Bundesrepublik für medialen Wirbel sorgte.

Ähnlich groß war der Aufruhr um den russischen Fernsehpreis „Tefi“ im Sommer 2008, als WGTRK, die größte staatliche Fernsehgruppe Russlands mit sechs Fernsehkanälen zusammen mit den Privat-Sendern NTW und TNT (gehören zu Gazprom) die Verleihung boykottierte. Den Fernsehmachern habe es missfallen, dass der Preis an Produktionen des staatlichen Senders 1. Kanal gehe, deren Qualität „nicht fernsehkonform“ sei, lautete der Kommentar.

TV-Niveau in Russland schlecht?


Auch das russische Fernsehen also gerät für seine Niveaulosigkeit ins Kreuzfeuer von Kritikern und Bürgergruppen. Doch eigentlich seien Parameter wie „gut“ oder „schlecht“ kaum angemessen, glaubt Jelena Selinskaja, stellvertretende Vorsitzende der russischen Medien-Union: es spiegele lediglich die objektive Realität wieder.

Und dadurch, dass die russischen Fernsehsender nach Unabhängigkeit streben und es keine andere Unabhängigkeit für sie gibt, als die finanzielle, seien die Programme dementsprechend kommerziell gestaltet – was beim Publikum gut ankommt, wird eben ausgestrahlt.

Keine Marsmenschen beim Fernsehen


Klar habe das Fernsehen nebst Profit eine „kolossale Verantwortung“ zu tragen, da seine Wirkung auf die Menschen doch sehr stark sei. Das tut es anscheinend auch: „Die Fernsehleute sind doch keine Marsmenschen, die auf unseren Planeten gekommen sind, um die junge Generation zu verderben, wie sie oft dargestellt werden“, glaubt Jelena Selinskaja.

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• Löffelbieger Uri Geller kommt nach Russland (28.07.2008)
• Russische Opposition klagt: TV benachteiligt Kandidaten (14.02.2008)
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In Wirklichkeit seien es Profis, die jedoch auf den Informations-Hunger der russischen Gesellschaft eingehen müssen: das russische Fernsehen musste innerhalb von 15 Jahren ein halbes Jahrhundert westlicher TV-Geschichte zurücklegen.

Diese These erklärt auch die Popularität ausländischer Produktionen im russischen TV: auch hierzulande kennt man „Big Brother“ oder „Wer wird Millionär?“ wie unzählige andere Reality-Shows und Daily Soaps.

Wie mit den Büchern in den 1990ern


Mit dem Programm-Angebot heutiger Kanäle sei es aber teilweise so wie mit dem russischen Büchermarkt 1990, als die Zensur aufgehoben wurde: „Damals hatten wir einen brutalen Krimi-Hunger, der gestillt werden musste. Selbst ich habe diese Belletristik verschlungen“, gibt die Vize-Vorsitzende des Bürgerkammer-Ausschusses für die Erhaltung des geistigen und kulturellen Erbes zu.

Nach den Krimis waren dann die Fantasy-Reihen dran, bis sie von Liebesromanen verdrängt wurden. Heute ist der Markt gesättigt, der kurzweilige Jerry Cotton ist dem seriösen Leo Tolstoi gewichen: „Der Hunger ist gestillt, nun kann man schmökern“, sagt Jelena Selinskaja. Nur so könne es überhaupt eine Entwicklung zur Qualität geben – im Leben so wie im Fernsehen.

Zurück zu den Wurzeln


Die Qualität von russischen Programmen nimmt bereits wieder zu und ist teilweise sogar besser ist als die von ausländischen Produktionen: beispielsweise wurde 2003 Fjodor Dostojewskis Roman „Der Idiot“ für das Fernsehen verfilmt. Es war die erste größere Literaturverfilmung seit dem Zerfall der Sowjetunion.

Der Mehrteiler löste einen regelrechten Boom auf Literaturserien aus: „Schuld und Sühne“, „Der Meister und Margarita“ Bulgakows und „Krieg und Frieden“ Tolstois und viele andere folgten. Weitere Literatur-Verfilmungen sind zur Zeit in Produktion.

„Fernsehen ist immer Entertainment“


Ein qualitativ hochwertiges, ideales Fernsehen für alle wird es aber wohl nicht geben: denn was der eine Zuschauer mag, empört einen anderen. Den Kultur- und Bildungsauftrag gleichermaßen bei allen Zuschauer-Gruppen könne also nur die Sparte erfüllen: „Wir brauchen ein stärker segmentiertes, milieugerechtes Digital-Fernsehen“, glaubt Jelena Selinskaja.

Digital allein nütze jedoch wenig: die Sendungen müssten speziell markiert werden, sodass z.B. die Eltern wissen, bei welchen Programmen sie ihre Sprösslinge wohl besser ins Bett schicken sollten, denn: die erzieherische Funktion haben immer noch die Eltern und nicht die Flimmerkiste: „Das Fernsehen war doch schon immer bloß Entertainment“.

Schuld an schlechter Fernsehqualität haben Zuschauer


Und die Qulität der Unterhaltung bestimmt laut Selinskaja nun einmal der Zuschauer, der die Fernseh-Macher nach seiner Pfeife tanzen lässt. Damit also ein hochwertiges, bildendes, allen Zuschauergruppen entsprechendes Fernsehen entsteht, müsste zuallererst der Wunsch danach deutlich spürbar sein – weil das Fernsehen in Wahrheit nur ein „Spiegel der Gesellschaft“ sei.

„Im russischen gibt es ein altes Sprichwort: Gib dem Spiegel nicht die Schuld für die eigene hässliche Fratze“, sagt Selinskaja.

(ali/.rufo)


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