Festgenommen: der Nowosibirsker Aktionskünstler Artjom Loskutow (Foto: Ewgeny Iwanow)
Freitag, 22.05.2009
Sibirischer Künstler gerät in die Fänge der Justiz
Nowosibirsk. Die Nowosibirsker Kulturszene protestiert gegen die Festnahme des Regisseurs Artjom Loskutow, der auch Initiator des alljährlichen Flashmobs „Monstration“ mit hunderten Teilnehmern war. Vorwurf: Drogenhandel.
Am vergangenen Freitag wurde der Nowosibirsker Regisseur und Künstler Artjom Loskutow von Uniformierten festgenommen. In einem Hinterhof in der Nähe wurde sein Rucksack entdeckt und durchsucht – dabei fand die Polizei gemäß Protokoll ein Päckchen mit 11 Gramm Marihuana.
Artjom Loskutow streitet ab, dass er Drogen bei sich führte – schon allein weil er wenige Stunden vor der Festnahme einen Anruf aus dem „Zentrum zum Widerstand gegen Extremismus“ (Zentrum E) erhalten hatte, dass die Arbeit der Behörden gegen Extremismus koordinieren soll.
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Sibirischer Künstler gerät in die Fänge der Justiz
Ich schicke Dir ein Auto mit Hunden
Das Telefongespräch endete mit den Worten: „Artjom, Du bist tollkühn. Ich schicke Dir ein Auto mit Hunden“, so schrieb zumindest Loskutow in seinem Blog.
Seine Begleiterin Ljubow Beljazkaja versichert in einer Presseerklärung, dass sie den Rucksack des Festgenommenen kurz zuvor nach persönlichen Dingen durchsucht habe und dabei keinerlei Tüten gesehen habe.
Kein Polit-Aktivist, sondern Künstler
In lokalen Internetforen äußern sich viele Nowosibirsker besorgt, dass mit Loskutow kein politischer Aktivist sondern ein Künstler verhaftet wurde. Artjom Loskutow ist bekannt für seine Flashmobs, wie die so genannte „Monstration“, bei der jedes Jahr am 1. Mai hunderte Jugendliche mit möglichst absurden Plakaten durch die Stadt im Zentrum Sibiriens zogen.
Losungen wie „Ui, ui, ui!“ oder „Und nun?“ sollten nur Gefühle zeigen. Politische Losungen waren ausdrücklich nicht erwünscht. Die „Monstration“ wurde mehrmals offiziell genehmigt, es gab allenfalls kurzzeitige Festnahmen.
„Ui-ui-ui ! ... Gekochte Zwiebeln – igitt!“
Dieses Jahr interessierte sich das „Zentrum E“ für die Projekte der Nowosibirsker Künstler und lud sie zum Gespräch vor. Auf Empfehlung der Beamten verkündeten sie daraufhin kurzfristig, dass es in diesem Jahr keine „Monstration“ geben werde.
Doch auch ohne die Initiatoren trugen etwa 200 Jugendliche Plakate wie „Gekochte Zwiebeln – igitt!“ durch die Straßen von Nowosibirsk.
Zivilgesellschaft in Sibirien
Seit der Festnahme – zwei Wochen nach der „Monstration“ – sitzt Loskutow in Untersuchungshaft. Bei einer ersten Anhörung, in der es um Freilassung aus der Untersuchungshaft bis zur endgültigen Gerichtsverhandlung ging, kamen rund 20 Journalisten. Die meisten der fast 100 Freunde Loskutows passten nicht in den Saal und warteten sechs Stunden lang vor dem Gebäude.
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Alle Versuche der Verteidigung, Artjom Loskutows Unbedenklichkeit mit Bürgschaften, Unterstützerschreiben, dem Hinweis auf seine nahende Diplomverteidigung, seinen festen Arbeitsplatz und sein künstlerisches Schaffen nachzuweisen, scheiterten. Die Richterin entschied, dass Fluchtgefahr und fortgesetzter Drogenhandel drohen, weswegen die Untersuchungshaft nicht ausgesetzt wird.
"Drogenhandel" und "Organisation von Massenunruhen"?
Der Vorwurf ist jedoch nicht gänzlich unbegründet – mehrere Videos im Blog Loskutows lassen Assoziationen zu Drogen aufkommen. Die Anklage bezieht sich zudem auf Telefonate. Diese hatte das „Zentrum E“ wegen Verdachts auf „Organisation von Massenunruhen“ abgehört.
Über den Inhalt der Gesprächsmit-schriften wurden bislang jedoch keine Angaben gemacht. Loskutows Anwalt Walentin Demidenko bezeichnete die Gerichtsentschei-dung über die Fortsetzung der U-Haft als ungerecht und hat Berufung eingelegt.