Ramsan Kadyrow: Eine Todesliste mit Gegnern ist Schwachsinn, sagte er einmal. (Foto: RIA Nowosti)
Freitag, 17.07.2009
Medwedew verteidigt Kadyrow nach Estemirowa-Mord
Moskau. Die ermordete Bürgerrechtlerin Natalja Estemirowa ist in ihrer Heimat Tschetschenien beerdigt worden. Derweil hat Russlands Präsident Dmitri Medwedew versprochen, den Mord aufzuklären. Ramsan Kadyrow verteidigte er.
Estemirowa ist am Mittwoch in Grosny auf dem Weg zur Staatsanwaltschaft von Unbekannten in ein Auto gezerrt und entführt worden. Am Abend wurde ihre Leiche mit Schusswunden in Kopf und Brust in der Nachbarrepublik Inguschetien gefunden.
Entführer ermordeten Estemirowa womöglich in Panik
Ermittler vermuten inzwischen, dass die Entführer nicht vorhatten, Estemirowa (sofort) zu töten. Nachdem sie jedoch auf eine wegen eines Feuerüberfalls auf Gerichtsvollzieher errichtete massive Straßensperre stießen, hätten die Entführer womöglich Panik bekommen, seien von der Straße abgefahren und hätten ihr Opfer erschossen.
Die Entführer sollen mit behördlichen Passierscheinen ausgestattet gewesen sein, die ihnen ansonsten freie Fahrt gewährten. Der Verdacht ergibt sich aus der Tatsache, dass das Fahrzeug von Grosny bis zur inguschetischen Grenze mindestens sechs Milizposten passierte, ohne dass die Entführer aufgefallen waren.
Beisetzung in ihrer Heimat
Die Beisetzung Estemirowas fand am Donnerstagabend in der Ortschaft Koschkeldy statt. Die Bürgerrechtlerin wurde neben dem Grab ihres Vaters beerdigt. Bei der Trauerzeremonie waren Verwandte, Freunde und Anwohner zugegen. In zahlreichen russischen Städten, u.a. in Moskau und Grosny wurden Trauerkundgebungen zu Ehren Estemirowas abgehalten.
Medwedew: „Täter werden gefasst“
Russlands Präsident Dmitri Medwedew, bei den deutsch-russischen Regierungskonsultationen in München zu Gast, würdigte den Mut der Menschenrechtlerin, die „die Wahrheit sagte, offen und mitunter hart die Prozesse in unserem Land einschätzte“. Darin liege der Wert von Bürgerrechtlern, „selbst wenn sie ungemütlich und unangenehm für die Obrigkeit sind“.
Die Schuldigen für den Mord an Estemirowa werden zur Verwantwortung gezogen, versprach Medwedew, der davon ausgeht, dass die Tat mit der beruflichen Tätigkeit Estemirowas zusammenhängt. Er verwies darauf, dass er den Chefermittler der russischen Staatsanwaltschaft Alexander Bastrykin beauftragt habe, den Fall persönlich zu kontrollieren.
Medwedew hält Version Kadyrow für primitiv
Zugleich erklärte Medwedew, dass Mordverdächtigungen, gegen Tschetscheniens moskautreuen Präsidenten Ramsan Kadyrow zu „primitiv“ seien. „Diejenigen, die das Verbrechen verübt haben, rechneten eben darauf, dass sofort die primitivsten und für die Obrigkeit unannehmbarsten Versionen verbreitet werden“, antwortete er auf die Frage, ob nicht Kadyrows Rolle in dem Fall zu untersuchen sei.
Die Menschenrechtsorganisation „Memorial“, für die Estemirowa seit Jahren über Entführungen und Folter im Kaukasus ermittelte, ist hingegen von der Schuld Kadyrows überzeugt. „Ramsan hat Natalja schon bedroht und beleidigt, er hielt sie für einen persönlichen Feind“, erklärte der Leiter von Memorial Oleg Orlow. Er wisse nicht, ob Kadyrow persönlich den Befehl gegeben habe, oder ob einer seiner Untergebenen ihm damit einen Gefallen tun wolle, doch er sei überzeugt, dass der tschetschenische Präsident den Mord zu verantworten habe, meinte Orlow.
Zahlreiche Mordgerüchte um Kadyrow
Die Leiterin der Helsinki-Gruppe in Moskau Ludmila Alexejewa erinnerte daran, dass innerhalb kurzer Zeit eine Reihe „persönlicher Feinde“ Kadyrows umgebracht worden seien und er nicht einmal zu den Verbrechen befragt worden ist. Zur Erinnerung: Zuletzt starben die Brüder Ruslan und Sulim Jamadajew, die als Konkurrenten Kadyrows in Tschetschenien galten. Auch der Mord an Estemirowas Weggefährtin Anna Politkowskaja im Oktober 2006 wird von Menschenrechtlern mit Kadyrow in Verbindung gebracht.
Kadyrow hat alle Anschuldigungen von sich gewiesen. Die Ermittlungen in Tschetschenien wolle er persönlich leiten, kündigte er an.
Leser-Kommentare zu diesem Artikel (und Kommentare zu Kommentaren): ↓
Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar, nachdem Sie sich hier unten für Kommentare neu registriert haben. Sie können hier oder im Forum (www.forum.aktuell.ru) mitdiskutieren.
Bisher gibt es zu diesem Artikel noch keine Leserkommentare
... und in der Ferne glänzen die goldenen Kreml-Kuppeln vor dem Winterpanorama der Stadt Moskau. Das historische Moskau, das "Goldköpfige" genannt, hatte 40x40 goldene Kirchenkuppeln. ( Topfoto: mig/.rufo)