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Man könnte heute auch dran vorbeilaufen - der unscheinbare Eingang zum Blockademuseum in St. Petersburg. (Foto: brammerloh/.rufo)
Man könnte heute auch dran vorbeilaufen - der unscheinbare Eingang zum Blockademuseum in St. Petersburg. (Foto: brammerloh/.rufo)
Dienstag, 06.09.2011

Wechselvolle Geschichte: das Leningrader Blockademuseum

Susanne Brammerloh, St. Petersburg. Am 8. September jährt sich zum 70. Mal der Beginn der Belagerung von Leningrad. Die Blockade hatte viele Facetten – an dieser Stelle soll es um das Schicksal des Blockademuseums gehen.

Verfolgt, vernichtet, wiedergeboren – so könnte man die wechselvolle Geschichte dieses Museums kurz umschreiben. Wer das „Staatliche Gedenkmuseum für die Verteidigung und Belagerung von Leningrad“ (so lautet der offizielle Name) am Soljanoi pereulok heute besucht, ahnt erst einmal nichts von seiner dramatischen Geschichte.

800 Quadratmeter für eine Tragödie


Was lässt sich auf 800 Quadratmetern über eine der größten Tragödien des Zweiten Weltkriegs erzählen und zeigen? 872 Tage und Nächte dauerte das Leben und Sterben in Leningrad unter der Belagerung durch die Wehrmacht.

Bei Russland-Aktuell
• Wechselvolle Geschichte: Leningrads Blockademuseum II (09.09.2011)
Die Ausstellung behandelt verschiedene Facetten der Ereignisse, die vor 70 Jahren begannen. Ein wenig verstaubt wirkt das Ganze, der museumspädagogische Ansatz ist sehr „klassisch“. Da hängen Porträts der „führenden Verteidiger“ von Leningrad an den Wänden der großen breiten Treppe, die vom Vestibül zur eigentlichen Exposition führt - Parteichef Schdanow, die Marschälle Schukow und Goworow allen voran.

Im Hauptsaal stehen Vitrinen mit Uniformen, Fotografien, Fotos, Dokumenten und Alltagsgegenständen. Die Ereignisse an der Leningrader Front nehmen den Raum an den Wänden entlang ein, einmal im Uhrzeigersinn vom Überfall am 22. Juni 1941 bis zur Siegesparade in Moskau am 24. Juni 1945 in Moskau.

Die Mitte des Saales ist dem Leben und Sterben in der Stadt selbst gewidmet. Die einzelnen Sektionen sind mit Zwischenwänden getrennt; bestückt mit Gegenständen der Zeit: stilisierte, über Kreuz verklebte Fensterscheiben, eine authentische Straßenuhr mit zersprungenem Glas, ein Lautsprechertrichter.

Lebensechte Nachstellungen


Im „Blockadezimmer“, der getreuen Nachbildung eines Zimmers in einer Leningrader Wohnung jener Jahre, wird es lebensecht. Dmitri Medwinski, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Museums, der eine Schulgruppe durch die Ausstellung führt, drückt auf einen verborgenen Knopf – und schon tickt das Metronom, ertönt aus dem Radio-„Teller“ die Ansage über einen beginnenden Fliegeralarm.

Es folgen donnernde Geräusche von anfliegenden Bombenflugzeugen, von Detonationen, einbrechenden Mauern. Dann kommt die Entwarnung. Die Gruppe ist plötzlich ganz still geworden, fast andächtig. Spätestens an dieser Stelle sind alle Besucher vom Geschehen ergriffen. Medwinski erzählt:

"Es kommen sehr viele Gruppen, auch ausländische. Der größte Andrang ist um die bekannten Gedenktage – den 9. Mai (Tag des Sieges), 22. Juni (Angriff auf die Sowjetunion), 8. September (Beginn der Belagerung), 27. Januar (endgültige Aufhebung der Blockade).

Interaktiv soll es künftig im erneuerten Blockademuseum zugehen. (Foto: Brammerloh/.rufo)
Interaktiv soll es künftig im erneuerten Blockademuseum zugehen. (Foto: Brammerloh/.rufo)
An diesen Tagen gibt es Veranstaltungen für die Kriegsveteranen. Wir laden sie ein zu Konzerten, geben ihnen die Möglichkeit zum Gedankenaustausch. Das brauchen sie dringend, denn es werden immer weniger – sie sind alt und oft sehr einsam.“

Ein Vorgeschmack auf das künftige Museum


Wenigstens geht es den meisten von ihnen heute materiell wesentlich besser als früher. Kriegs- und Blockadeteilnehmer bekommen Renten, die bei manchen höher ausfallen als die einst verdienten Löhne. Der 87-jährige Wasili Sakasnikow lebt in einem Altenheim für Veteranen und bekommt als Kriegsinvalide 25.000 Rubel Rente – und damit das Dreifache des Landesdurchschnitts.

Am 22. Juni 2011, dem 70. Jahrestag des Kriegsbeginns, fanden sich etwa 100 Veteranen und Blockadeteilnehmer im Museum ein. Ihnen wird erstmals ein Raum präsentiert, der eine Ahnung davon vermittelt, wie das Museum in Zukunft aussehen soll. Bevor sie mit (teilweise großer) Mühe die hohe Treppe erklimmen, tauchen sie ein in einen völlig neu gestalteten Raum voller Bilder und Töne. Eine Petersburger Journalistin beschreibt ihn so:

"Der Torbogen eines Leningrader Hauses und das Fragment eines engen Innenhofes helfen den Besuchern, sich in die Atmosphäre der blockierten Stadt zu versenken. Auf ihre als Fenster gestalteten Bildschirme werden ununterbrochen Videofilme mit Dokumenten, Fotos von Bewohnern und Ansichten der belagerten Stadt projiziert. Ein großer Bildschirm zeigt Filme, die den Einwohnern von Leningrad gewidmet sind, und eine Archivkinochronik."

Eine Seite des Raums zeigt in einer Computeranimation, wie es am Soljanoi pereulok Nr. 9 in einigen Jahren aussehen soll. Bis 2015 soll ein modernes, interaktives Museum entstehen, in dem die heute noch so statisch dargestellte Blockadegeschichte buchstäblich in Bewegung geraten wird.

Der neu eingerichtete Raum, der extra zum Gedenktag am 22. Juni der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde, ist ein Vorgeschmack darauf. Die Stadt St. Petersburg hat die Pläne abgesegnet, die Finanzierung steht, erzählt Sergej Gez, der stellvertretende Direktor des Blockademuseums:

"Es gab Pläne, das gesamte Museum in ganz neue Räume in der Nähe des Piskarjowskoje-Gedenkfriedhofs zu verlegen. Die Stadt hat dafür aber kein Geld. Deshalb wird die Ausstellung an alter Stelle auf etwa 3.000 Quadratmeter, also das Drei- bis Vierfache ausgeweitet."

“An alter Stelle“ in jeder Beziehung


„An alter Stelle“ – diese Worte müssen buchstäblich verstanden werden. Als das Museum 1944 gegründet wurde, erstreckte es sich über drei Gebäude und belegte das gesamte Viertel des historischen „Salzstädtchens“, wo Peter I. einst hatte Boote bauen lassen und gegen Ende des 19. Jahrhunderts bedeutende Industrie-, Handwerks- und Kunstmessen veranstaltet wurden.

Hintergrund
Dieser Artikel ist (in etwas \"wissenschaftlicherer\" Form) im Heft 08/09-2011 der Zeitschrift Osteuropa \"Die Leningrader Blockade. Der Krieg, die Stadt und der Tod\" veröffentlicht worden. Der Band widmet sich diesem Thema anlässlich des 70. Jahrestages des Beginns der Belagerung.
Dem „Geist des Ortes“ folgend, wurde für die Ausstellung „Die heldenhafte Verteidigung von Leningrad“ (so hieß der Vorläufer des Museums) gerade dieses Territorium ausgesucht. „An alter Stelle“ kann aber auch übertragen verstanden werden: Das künftige Museum wird zahlreiche Formen und Inhalte aufnehmen, für die sein Vorgänger bekannt war, und sie in zeitgemäßer Gestaltung vermitteln.

Für alle Fälle: T-34 mit offener Luke


Die Ausstellung von 1944 ging ihrerseits auf eine andere zurück, die bereits im Frühjahr 1942, also unmittelbar nach dem Hungerwinter an der Ecke Ismailowski prospekt und 1. Krasnoarmejskaja uliza eröffnet worden war.

Unter dem Titel „Der Große Vaterländische Krieg des Sowjetvolkes gegen die deutschen Eroberer“ war sie die ganze Blockade hindurch zugänglich. Raissa Ljubowitsch, die damals dort Führungen machte, erzählte später von „Jungen, die sich vor Entkräftung kaum auf den Beinen halten konnten“.

Im Internet
• Website der Zeitschrift Osteuropa

aktuell.RU ist nicht verantwortlich für die Inhalte externer Internetseiten.
Sie wollten aber unbedingt die ausgestellten Waffen sehen, darunter viele Trophäen: „Wenn es Artilleriebeschuss gab (dieser Bezirk wurde intensiv beschossen), habe ich die Jungs in einen T-34-Panzer gesetzt, der für diesen Fall immer mit offener Luke dastand“, so Ljubowitsch.

Am 4. Dezember 1943, kurz vor Beginn der Offensive zur Befreiung Leningrads, beschloss der Kriegsrat der Leningrader Front, die kleine, „in sehr ungeeigneten Räumlichkeiten“ gelegene Ausstellung zu verlagern und wesentlich zu erweitern.

Eine Kommission machte sich an die Arbeit und stellte innerhalb von nur fünf Monaten die neue Ausstellung zusammen. Von der Front wurden Rüstungsgüter herangeschafft, und zahlreiche Leningrader kamen der Aufforderung, persönliche Erinnerungsgegenstände (Fotos, Dokumente usw.) beizusteuern, bereitwillig nach.

Zunächst standen allerdings einige Hindernisse im Weg. Die Gebäude an der Fontanka waren zum Teil von Bomben und Artilleriegeschossen lädiert, sie waren feucht und durchfroren. Der Architekt Wassili Petrow erzählte Jahrzehnte später, welche umfangreichen Aufgaben vor den Ausstellungsmachern standen:

Gigantische Aufgaben


„Die von Geschossen durchschlagenen Dächer der Gebäude im Salzstädtchen, die feuchten Wände mit ihrem bröckelnden Putz... Wir stellten aus Ziegeln gezimmerte Öfen auf und legten große Metallrohre, um ein Klima zu schaffen, das die riesigen Saal-Enfiladen mit 18.000 Quadratmetern Fläche und drei Manegen trockenlegen könnte:

Die zentrale Manege war 30 Meter breit, 70 Meter tief und 15 Meter hoch, zwei weitere zu ihren Seiten... Ein gigantischer Gebäudekomplex! Vom Verputzen der Wände und Weißen der Decken war gar nicht erst die Rede – woher die Verputzer nehmen, alles andere? Kälte, Winter, Blockade...“

Die Wände wurden schließlich mit auf Rahmen gezogenem Sackleinen verhängt – damit die Löcher nicht zu sehen waren. Die Arbeit der Künstler, Architekten, Dekorateure war nicht umsonst. Als die Ausstellung am 30. April, drei Monate nach Aufhebung der Belagerung, ihre Tore öffnete, betraten ihre Besucher ein Territorium, das ihnen einen „emotionalen Schlag“ versetzte, wie Petrow es ausdrückte:

Ein emotionaler Schlag


„Der Effekt der Anwesenheit wurde […] durch Dioramen erzeugt, die eine starke Illusion von Raum und Realität schufen.“ Jeder der 26 Säle war einem Abschnitt der Verteidigung Leningrads gewidmet. Nina Chudjakova erinnerte sich:

„Ich habe die Exposition im Saal „Hungerblockade“ aufgebaut und dort Führungen gemacht. Ich erinnere mich wie heute: Du führst eine Gruppe, im Saal herrscht völlige Stille, um dich herum erregte Gesichter.

In einem engen Halbkreis stehen die Menschen an der Vitrine und schauen durch ein Guckloch in einem verschneiten und vereisten Fenster. Dort auf der Waage liegt ein kleines Stückchen Brot, das wiegt 125 Gramm; es ist schwarz und hart, besteht zur Hälfte aus Beimischungen. Aber trotzdem ist es Brot!“

Das Stück Blockadebrot erwähnen alle, die über ihren Besuch in der Ausstellung berichten. Die Schriftstellerin Vera Inber schreibt, sie hätten „sehr, sehr lange“ vor dieser Vitrine gestanden. Sie war am 6. Juni 1944 mit ihrem Mann Ilja Straschun dort:

„Wir haben wenig geredet: ein Kopfnicken, eine Geste, ein kurzer Satz – und wir verstanden einander. Fast drei Jahre unseres Lebens zogen an uns vorbei.“

So sah es 1944 vor dem Eingang ins Museum aus. (Foto: Brammerloh/.rufo)
So sah es 1944 vor dem Eingang ins Museum aus. (Foto: Brammerloh/.rufo)

Zu viel Romantisierung und Heroisierung


Der Journalist Pawel Luknizki erwähnt „die riesigen Panzer und anderen Waffen, die die ganze Rynotschnaja uliza verstellten“. Am Tag der Eröffnung „drängte sich eine Riesenmenge an der Einfahrt. Eine der langrohrigen Haubitzen hielt ihr Rohr direkt auf die Fenster des Gebäudes“.

Luknizki ist beeindruckt von den Flugzeugen und Panzern, „sogar ein ganzes Torpedoboot stand im riesigen zentralen Saal“. Er bemerkt aber auch eine gewisse „Romantisierung und Heroisierung“ in der Darstellung. Alles sei „viel einfacher und alltäglicher“ gewesen, zugleich habe man die Schrecken der Blockade zu wenig thematisiert: „Den Hunger zeigt die Ausstellung arm und verstohlen“, „wir Leningrader wissen sehr viel mehr, als diese Ausstellung erzählt“.

Schrecken der Blockade waren sehr gegenwärtig


Sicher war die Ausstellung stark „militärlastig“. Dies ist aus dem Geist der Zeit zu erklären. Die ausgestellten Waffen (darunter jede Menge deutsche Trophäen, sowohl draußen vor dem Gebäude als auch in den Sälen) waren „frisch vom Feld“ gekommen und – salopp formuliert – gerade erst nach der letzten Schlacht abgekühlt.

Die Schrecken der Belagerung waren erstens noch zu gegenwärtig, um sie zu einem Museumsobjekt zu machen, und zweitens schrieb die herrschende Ideologie vor, nur die heroische Seite der Verteidigung Leningrads zu beleuchten.

Alles andere hätte „die führende Rolle der Partei und des großen Führers Stalin“ untergraben. Bis es zu einem Umdenken kam und über die Tragödie der Leningrader in der Einkesselung offen gesprochen werden konnte, sollten noch Jahrzehnte vergehen.

Die Fortsetzung unserer Erzählung über die Geschichte des Leningrader Blockademuseums finden Sie hier.



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