Alexander Ikonnikow: Die russische Seele im Schnellkurs
Von Xenia Bordukowa. Den Bewohnern der russischen Provinz, den eigentlichen Helden in Alexander Ikonnikows Prosa, war es noch nicht vergönnt, seine Bücher zu lesen. Denn dieser Autor wird, obwohl russisch schreibend, bislang nur in deutscher Sprache verlegt. Für Ikonnikow ist dieser Umstand kein großer Verlust, da seine Texte, wie er selbst meint, in erster Linie für westliche Augen bestimmt sind.
„Bei uns in Russland gilt: mal greif ich in deine Seele hinein, mal du in meine.“
Durch die böse Satire schimmert in den Erzählungen des jungen Autors eine große Liebe zu Russland und tiefer Schmerz über das Schicksal seiner Heimat. Seine Geschichten sind ein Leben in Bildern, ein wenig grob mitunter, aber in ihrer Banalität sehr lebendig. Er macht einfache Leute zu seinen Helden: einen Reanimationsarzt, der versucht eine Stelle als Nachtwächter zu bekommen, einen Kolchosarbeiter, der seine neu gekaufte koreanische Waschmaschine nicht nutzen kann, weil es in seinem Haus keine Kanalisation gibt, alte Leute, Studenten und Beamte, Stadt- und Landbewohner, und sie alle müssen sich im russischen Alltag zurechtfinden.
Schreiben hat Ikonnikow nie gelernt und ist davon überzeugt, dass es Tausende von Autoren gibt, die besser schreiben können als er. Ein perfekt konstruierter Satz ist aber auch nicht sein vordergründiges Ziel. Seiner Meinung nach wird ein Mensch, solange er etwas zu sagen hat, seine Gedanken immer richtig formulieren können. Und zu erzählen hat er genug. Selbst in einer russischen Provinzstadt Urshum geboren, kennt der 29jährige das kleinstädtische Leben. Bis heute lebt er in Kirow, einer kleinen Stadt 800km östlich von Moskau. Den Vorschlag, nach Deutschland zu ziehen und dort zu arbeiten, hat er dankend abgelehnt, denn den Stoff für seine Geschichten findet Ikonnikow nur zu Hause. Er braucht lediglich auf die Strasse zu gehen ...
Seine Geschichten in Russland zu veröffentlichen findet er sinnlos, weil seine Landsleute sie ohnehin aus ihrem eigenen Leben kennen. Ikonnikow erzählt von Situationen des russischen Alltags, die dem deutschen Leser allerdings interessante Einblicke ermöglichen. Manchmal scheinen seine Figuren etwas klischeehaft zu geraten und die Geschichten mit zu viel Wodka verdünnt zu sein, dennoch kann man zwischen Ikonnikows komischen Zeilen durchaus ein Stück russische Seele entdecken.
Alexander Ikonnikow auf der Frankfurter Buchmesse: siehe Autorenlesungen und Veranstaltungskalender
Sicherheitsabstand sieht anders aus. Aber wenn an der Peter-Pauls-Festung in St. Petersburg der Rundflug-Helikopter startet und landet, sind Zuschauer immer ganz nah dabei. Sobald sie allerdings der Rotorwind samt Staubwolke erfasst, haben die Neugierigen wieder etwas Nützliches fürs Leben gelernt. (Topfoto: Deeg/.rufo)