Iwan Gontscharow: Ich will nicht, Unfug, Unordnung!
Von Xenia Bordukowa. Mit „Oblomow“ hat Iwan Gontscharow Mitte des 19. Jahrhunderts eine literarische Figur geschaffen, deren Name in Russland zum Synonym für Trägheit und Willenlosigkeit wurde. Seitdem zählt er zu den gefeierten Romanciers des russischen Realismus und wurde in die meisten europäischen Sprachen übersetzt.
„Es wird behauptet, dass die Anwesenheit einer lebendigen Person viel Leben in einen Reisebericht bringt ...“
Bereits in der Kindheit, in der Obhut seines Patenonkels, begeisterte sich Gontscharow für die Erzählungen des ehemaligen Seemanns und für die Abenteuerromane, die er von ihm bekam. Deshalb ist es nicht so abwegig, dass er – bescheidener Beamter und eingefleischte Landratte – 1852 zu einer Seereise um die halbe Welt aufbrach. Mehrmals geriet die Fregatte „Pallada“ in einen Sturm, wonach der junge Gontscharow beschloss, diese Reise zu beenden und in England von Schiff zu gehen. Beim Anblick all seiner Koffer, Bücher und Papierstapel kam er allerdings ins Schwanken und die Vorstellung, dieses Gepäck durch ganz Europa transportieren zu müssen, zwang ihn die Fahrt fortzusetzen. Das Ergebnis dieser Reise ist das Buch „Fregatte „Pallada“, eine poetische Schilderung der Fremde, die nun auch unter dem Titel „Für den Zaren um die halbe Welt“ im September 2003 bei dtv erscheint.
Während seiner Schulzeit las der 1812 in Simbirsk geborene Iwan A. Gontscharow am liebsten Romane, Reiseberichte und Beschreibungen fantastischer Ereignisse, die seine Fantasie beflügelten. Mit neunzehn begann er ein Literaturstudium an der Moskauer Universität, das ihn nicht nur in seiner Begeisterung für das Lesen bestärkte, sondern auch selbst zur Feder greifen ließ. 1834 schloss Gontscharow das Studium ab und ging nach St. Petersburg, wo er eine Stelle beim Finanzministerium bekam. Seine ganze Freizeit widmete er der Literatur. So übersetzte er unter anderem Goethe, Schiller und einige englische Romanciers, zerstörte seine Arbeiten jedoch. Sein erster Roman „Eine gewöhnliche Geschichte“ erschien 1847 und hatte großen Erfolg.
1959 erschien sein bestes Werk, der Roman „Oblomow“, dessen Hauptfigur, ein verwöhnter junger Gutsbesitzer Ilja Oblomow, auf seinem Sofa liegend seine Tage mit Träumen und Langeweile zubringt. Mit seinem Werk griff Gontscharow nicht nur die verschlafenen Vertreter der wohlhabenden Klasse der russischen Gesellschaft an, sondern brachte auch autobiographische Züge ein. In „Fregatte „Pallada“ gesteht er, während der Fahrt die Zeit am liebsten auf der Koje verbracht zu haben, ganz zu Schweigen von der Überwindung, die es ihn gekostet habe, sich zu einer solchen Reise zu entschließen. Angeblich soll der Autor sich sogar einmal geweigert haben, hinauszukommen, um einen überwältigenden Sturm zu erleben, mit der Erklärung: „Ich will nicht, Unfug, Unordnung!“
Sicherheitsabstand sieht anders aus. Aber wenn an der Peter-Pauls-Festung in St. Petersburg der Rundflug-Helikopter startet und landet, sind Zuschauer immer ganz nah dabei. Sobald sie allerdings der Rotorwind samt Staubwolke erfasst, haben die Neugierigen wieder etwas Nützliches fürs Leben gelernt. (Topfoto: Deeg/.rufo)