Von Stephanie Prochnow. Muss ein Kritiker streng, sachlich und schonungslos sein? Kritisieren – das kann die studierte Literaturwissenschaftlerin Natalja Iwanowa. Trotzdem scheint sie sich nach einem schlechten Urteil nicht wohl zu fühlen. Dann sagt sie häufig: „Na, was soll’s. Alles wird gut“. Ganz so, als müsse betont werden, das ein schlechter Schriftsteller noch nicht den Untergang der Weltliteratur bedeutet.
„Als ich mein Essay-Buch geschrieben habe, sagten einige Leute: Für eine Literaturkritikerin kannst du gut schreiben. Das fand ich sehr lustig, denn ein guter Kritiker ist immer gleichzeitig ein Schriftsteller.“
Natalja Iwanowas Arbeitstag ist dreigeteilt: Morgens schreibt sie Kritiken über die wichtigsten Neuerscheinungen des Buchmarkts. Mittags kommt die erste stellvertretende Chefredakteurin der Literaturzeitschrift „Znamja“ (Flagge) in ihr Büro. Diesen Posten besetzt die 58jährige bereits seit 10 Jahren. Hier in der Redaktion des monatlich erscheinenden Journals bespricht sie die anstehenden Themen mit ihren Kollegen. Ruhe zum Lesen findet Natalja Iwanowa erst am Abend. Wieder zu Hause angekommen blättert sie in Romanen, Gedichtbänden und Artikeln anderer Kritiker.
Ihr ganzes Leben war und ist von der Literatur bestimmt. Den Namen Natalja entnahmen ihre Eltern dem Roman „Krieg und Frieden“ von Leo Tolstoi – damals im Mai 1945, kurz nachdem die Sowjetunion über Hitlerdeutschland gesiegt hatte. Später studierte sie Englisch und Literatur an der Moskauer Lomonossow-Universität. Diese Entscheidung war der begeisterten Pianistin keineswegs leicht gefallen: Nach zehn Jahren an der Musikschule des Moskauer Konservatoriums hätte sie sich ebenso eine musikalische Karriere vorstellen können. Doch ihr Entschluss fiel zu Gunsten der literarischen Künste. Sie beendete die Universität mit einer Diplomarbeit zum Thema „Krise der Salon-Poesie in den 40er Jahren des 19. Jahrhunderts“ und heiratete Alexander, den Sohn des bekannten Schriftstellers Anatoli Rybakow.
Anfang der 1970er Jahre erhielt Natalja Iwanow eine Stelle als Redakteurin für „Literaturkritik“ der Zeitung "Sowremennik". Ein Jahr später wechselte sie zu der Literaturzeitschrift „Znamja“ in den Bereich Poesie. Trotzdem schrieb sie ebenfalls weiter über moderne Literatur. Seit 1980 veröffentlichte die Kritikerin ebenfalls in der "Literaturnaja Gaseta", von der sie später selber einen Preis erhalten sollte. Dies blieb nicht die einzige Auszeichnung für das Mitglied des russischen PEN-Clubs: Auch die Zeitschriften "Drushba narodov", "Ogonjok", und "Junost" erwiesen ihrer Arbeit Anerkennung. Mitte der 1980er Jahre – kurz nach dem Erscheinen ihrer Doktorarbeit über Juri Trifonow – begann Natalja Iwanowa auch bei der „Znamja“ Kritiken über Prosa zu schreiben. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion rückte sie dort in den Kreis der Chefredakteure auf.
Ihre Leidenschaft für Bücher lässt Natalja Iwanowa keine Zeit für andere Beschäftigungen. „Aber wenn ich spazieren gehe, schwimme oder Ski fahre, kommen mir die besten Sujets für meine Artikel in den Sinn.“ Eine weitere Passion und Quelle für ihre Inspiration ist das Reisen: „Ich reise nie als Tourist, sondern für Vorträge und Symposien“, erzählt Natalja Iwanowa. Unter anderem war sie bereits in den USA, der Schweiz, Großbritannien und Frankreich, Schweden, Finnland, Japan und Hong Kong. Aus diesen Erlebnissen wurde ein Buch über die „Wahre Nostalgie“. Während ihre anderen Werke die Prosa der letzten Jahre (1988) oder das Leben und Schreiben von Pasternak (2000) behandeln, ist dieses „ihr“ Buch.
Kein Roman, sondern Essays.
Romane schreiben – das überlässt Natalja Iwanowa lieber ihrer 29jährigen Tocher Maria Rybakow ("Die Reise der Anna Grom"), die momentan in München lebt und an einem neuen Buch arbeitet. Wenn sie von ihrer Tochter spricht, dann leuchten die Augen der Kritikerin. Für sie gehört ihr Sprössling in der Reihe der jungen Autoren, die eine „Change“ für die russische Literatur darstellen.
Natalja Iwanowa auf der Frankfurter Buchmesse: siehe Autorenlesungen und Veranstaltungskalender (sp/.rufo)
Sicherheitsabstand sieht anders aus. Aber wenn an der Peter-Pauls-Festung in St. Petersburg der Rundflug-Helikopter startet und landet, sind Zuschauer immer ganz nah dabei. Sobald sie allerdings der Rotorwind samt Staubwolke erfasst, haben die Neugierigen wieder etwas Nützliches fürs Leben gelernt. (Topfoto: Deeg/.rufo)