Von Stephanie Prochnow und Xenia Bordukowa. Ihr Stil wurde in deutschen Zeitungen als „phantastische Erzählkunst“ gefeiert. „Die Zeit“ bezeichnete sie als die „erfolgreichste russische Autorin ihrer Generation“. Tatjana Tolstaja, das „jüngste“ Mitglied der berühmten Schriftstellerfamilie Tolstoi öffnet in ihren Büchern das Tor zu einer unbekannten Welt. Sie erhebt skurrile Außenseiter zu ihren Helden und lässt die Normalität ins Absurde abdriften.
„Ich habe viele Erzählungen geschrieben. Dann dachte ich, es wäre an der Zeit etwas Neues auszuprobieren, andere Genres.“
Die Autorin interessiert weniger die Komplexität der äußeren Handlung als vielmehr die komplexe Gefühlswelt ihrer Helden. Der Leser trifft oft auf scheinbar schwache Personen, die am Leben scheitern, und trotzdem oder gerade deshalb starke Persönlichkeiten darstellen. Menschen, die durch die Raster der – in ihrer täglichen Normalität erstarrten – Gesellschaft gefallen sind, beschreibt Tatjana Tolstaja auf eine warmherzige und stimmungsvolle Art.
Obwohl die Großnichte von Leo Tolstoi schon immer einen Bezug zur Literatur hatte, begann sie relativ spät selbst zu schreiben. Zuerst studierte sie Altphilologie in Leningrad und arbeitete für kurze Zeit als Lektorin. Und erst 1988, mit 37 Jahren, veröffentlichte sie ihren ersten Sammelband mit Erzählungen, der sie in Russland schlagartig berühmt machte. In den 1990er Jahren hielt die begnadete Erzählerin während der kalten Jahreszeit Vorlesungen in New York und kam im Frühling wieder nach Moskau, um sich ganz und gar der Schriftstellerei widmen zu können.
In den letzten Jahren wandte sich Tatjana Tolstaja dem Roman als neuem Genre zu und verkündete sogar, sie hätte nichts gegen ein gemeinsames Projekt mit dem Meister des Kriminalromans, Boris Akunin, nur fehle es ihr leider immer an Sujets. An Worten fehlt es ihr allerdings nicht, vor kurzem ist im russischen Fernsehen eine Tratsch-Show mit dem Titel „Schule der Verleumdung“ angelaufen, bei der Tolstaja Co-Moderatorin ist.
Ihr Roman „Kys“ erscheint in deutscher Sprache im Herbst 2003 bei Rowohlt.
Tatjana Tolstaja auf der Frankfurter Buchmesse und weitere Lesungen: siehe Autorenlesungen und Veranstaltungskalender
Sicherheitsabstand sieht anders aus. Aber wenn an der Peter-Pauls-Festung in St. Petersburg der Rundflug-Helikopter startet und landet, sind Zuschauer immer ganz nah dabei. Sobald sie allerdings der Rotorwind samt Staubwolke erfasst, haben die Neugierigen wieder etwas Nützliches fürs Leben gelernt. (Topfoto: Deeg/.rufo)