Von Xenia Bordukowa. Ludmila Ulitzkaja ist aus der Welt der Naturwissenschaft in die Literatur gekommen und überzeugte bereits mit ihrer ersten Novelle „Sonetschka“, die 1992 erschien, dass sie damit das Richtige getan hat. Seitdem kann sie mit jedem Buch immer mehr Leser für ihre Prosa begeistern. In Frankfurt soll unter anderem ihr neuester Roman „Reise in den siebenten Himmel“ vorgestellt werden, den sie als „eine literarische Untersuchung auf dem Gebiet der angewandten Anthropologie“ bezeichnet.
„Die Sprache lebt, atmet und spült wie eine Welle an den Strand mal eine wertvolle Perle, mal einen toten Fisch“.
Ein Mittagessen im Kreise der Familie enthält zuweilen mehr Sinn und Bedeutung, als große Politik. Das, was innerhalb der vier Wände passiert, in dem „Naturschutzgebiet Traum“, das ist für Ludmila Ulitzkaja interessant. Ihre Helden verweilen im Zustand grenzenloser Liebe, die immer Verlust bedeutet, denn ein liebender Held ist verletzbar und hilflos, anders jedoch können und wollen ihre Figuren nicht existieren.
„Eigentlich fühle ich mich nicht als Schriftstellerin, eher fühle ich mich als ein mittelgroßer Hund, der sich am Abend auf dem Hof herumtreibt. Dieses Gefühl gefällt mir viel besser.“
1943 in einer Ärztefamilie geboren, beschäftigte Ludmila Ulitzkaja sich zuerst mit Biologie und arbeitete nach dem Abschluss ihres Studiums bis 1970 am Institut für Allgemeine Genetik an der Akademie der Wissenschaften der UdSSR. Die Genetik war für sie eine Liebesheirat, keine Vernunftehe und doch fasste sie in den 1980er Jahren den Beschluss, sich der Literatur zu widmen. Sie begann als Dramaturgin für Puppentheater, veröffentlichte einige Kurzgeschichten in Literaturzeitschriften und ist seit der Novelle „Sonetschka“ kein Geheimtipp mehr. Ihr erster Roman „Arme Verwandte“ erschien 1994 gleichzeitig in Russland und in Frankreich und machte sie auch in Europa bekannt.
Dass Ljudmila Ulitzkaja aber auch Wissenschaftlerin bleibt, macht sich in ihrem neuesten Roman „Reise in den siebenten Himmel“ bemerkbar. Obwohl sie mit Fachwissen nicht überfordert, neigt die Autorin doch zu Detailtreue, die nicht immer jedermanns Sache ist.
„Der Mensch ist das einzige Wesen, das sich selbst untersucht“, sagt sie und vielleicht ist es ihr deshalb so wichtig, dass ihre Helden für den Leser erkennbare, genauestens beobachtete Vertreter ihres Zeitalters sind.
Insgesamt sind von Ulitzkaja fünf Bücher erschienen. Mit ihrem letzten Roman erhielt die Autorin als erste Frau den Booker-Preis 2001, obwohl erst nach dem dritten Anlauf (vorher waren „Sonetschka“ 1993 und „Medea und ihre Kinder“ 1997 nominiert). Sie ist Mitglied des russischen PEN-Zentrums und hat mehrere internationale Auszeichnungen erhalten. Neben ihren Prosaarbeiten sitzt sie an Kino- und Theaterprojekten. Ihre Bücher wurden in 17 Sprachen übersetzt.
Ljudmila Ulitzkaja auf der Frankfurter Buchmesse: siehe Autorenlesungen und Veranstaltungskalender
Sicherheitsabstand sieht anders aus. Aber wenn an der Peter-Pauls-Festung in St. Petersburg der Rundflug-Helikopter startet und landet, sind Zuschauer immer ganz nah dabei. Sobald sie allerdings der Rotorwind samt Staubwolke erfasst, haben die Neugierigen wieder etwas Nützliches fürs Leben gelernt. (Topfoto: Deeg/.rufo)