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Ein Güterbahnhof im Ural: Kohle-Transporte sind der Bahn eine Last (Foto: rzd.ru)
Ein Güterbahnhof im Ural: Kohle-Transporte sind der Bahn eine Last (Foto: rzd.ru)
Freitag, 20.10.2006

Russische Eisenbahn: Kein Staatsmonopol mehr

Karsten Packeiser, Moskau. Konkurrenz belebt das Geschäft: Seit einigen Jahre zeichnet sich im russischen Bahngüterverkehr eine regelrechte Revolution ab. Privatunternehmen erobern die Sahnestücke des einstigen Monopols.


Anstelle des einst allmächtigen Eisenbahnministeriums MPS und neben der aus dessen Erbmasse hervorgegangenen Aktiengesellschaft RZD drängen immer neue Anbieter auf den Markt. In einer Reihe von Branchen haben neu gegründete private Transportunternehmen die RZD inzwischen auf eine Statistenrolle verbannt.

Insgesamt wurden in Russland im vergangenen Jahr bereits 30 Prozent aller Güter in Waggons transportiert, die nicht der RZD gehören. In den Branchen, in denen die Gewinnspannen besonders hoch sind, haben private Anbieter schon längst einen deutlich größeren Anteil. „Transporte von Rohöl werden zu 80 Prozent von Privaten abgewickelt, bei Öl-Exporten über die Landgrenzen sind es sogar 96 Prozent“, so Dmitri Matscherel, Leiter des RZD-Departaments für Konjunkturfragen.

Sozialtarife für Kohle und Koks


Auch bei Gütern wie Chemikalien, Erzen, Fisch und Fleisch ist der Marktanteil der russischen Bahn-AG an den Gesamttransporten inzwischen äußerst gering. Der Anteil der Privaten am gesamtrussischen Waggon-Fuhrpark steigt stetig an. Betrug er 2003 noch 21,3 Prozent, so waren es 2005 bereits 30 Prozent.

In anderen Bereichen dominiert die RZD weiter, doch nicht einmal die Konzernführung in Moskau ist darüber wirklich glücklich. Dass etwa Transporte von Baumaterialien, Koks und Kohle weiter zu über 90 Prozent über die RZD abgewickelt werden, hängt mit der restriktiven Tarifpolitik der russischen Regierung zusammen. Aus Angst vor sozialen Unruhen in den Kohleregionen des Landes hat die zuständige Behörde so niedrige Tarife festgesetzt, dass die RZD mit dem Kohlegeschäft inzwischen nur noch Verluste einfährt.

Kaum ein Marktkenner in Moskau glaubt derzeit, dass sich die Tendenz des ständig wachsenden Gewichts der privaten Anbieter kurzfristig umkehren wird. Ganz im Gegenteil: In den ersten Jahren des Wiederaufstiegs der zwischenzeitlich zusammengebrochenen russischen Wirtschaft konnte die ehemalige Staatsbahn noch ihre vorübergehend stillgelegten Reserven nutzen. Inzwischen hat die RZD jedoch nahezu ihren kompletten Fuhrpark im Einsatz – der aber zu einem erheblichen Teil längst die vorgesehene Nutzungsdauer überschritten hat.

Nur Technik, für die das Geld reicht


Viele Lokomotiven der russichen Eisenbahn sind veraltet (Foto: rzd.ru)
Viele Lokomotiven der russichen Eisenbahn sind veraltet (Foto: rzd.ru)
Allein 7.000 auf russischen Strecken in Einsatz befindliche Lokomotiven müssten eigentlich längst abgeschrieben werden. „Es besteht die Gefahr, dass die Bahn nicht mehr alle hergestellten Waren abtransportieren kann“, warnt Wladimir Sawtschuk, Bahnexperte des Moskauer Instituts für Natürliche Monopole. „Die RZD kauft sich die Technik, für die das Geld eben reicht – und nicht die, die nötig wäre.“ Die privaten Konkurrenten der RZD, Yukos-Transservice, Balttransservice oder NPK („Novaya Perevozochnaya Kompaniya“) investieren derweil massiv nicht nur in ihren eigenen Waggonpark, sondern auch schon in eigene Lokomotiven.

„Wir müssen uns ernsthaft um unsere Konkurrenzfähigkeit kümmern“, so RZD-Stratege Matscheret. Als bestes Instrument dafür betrachtet die Konzernleitung die Ausgliederung von spezialisierten Tochterunternehmen. Nach den Gründungen des Kühltransport-Unternehmens „Refservice“ und der RZD-Containertochter „Transcontainer“ steht nun die Gründung einer selbstständigen „Gütergesellschaft“ auf der Tagesordnung. Dem neuen Unternehmen sollen über 530.000 Waggons und damit fast der komplette Güterwagen-Fuhrpark der RZD übergeben werden. Die privaten Konkurrenten sehen mit Argwohn auf die Pläne, weil sie befürchten, dass die RZD, der auch weiterhin die komplette Bahninfrastruktur gehören wird, ihre neue Tochter bevorzogen wird.

Foulspiel bei Containertransporten?


Die Befürchtungen erhalten durch eine Reihe von Vorfällen der letzten Monate Vorschub: So hatte die Russische Bahn AG im Februar Beschränkungen für die Zulassung aus dem Ausland angekaufter oder geleaster Waggons privater Bahnunternehmen auf innerrussischen Strecken erlassen. Im Mai wurde allen Anbieter verboten, Container mit nicht eigens dafür bestimmten offenen Güterwagen zu transportieren – offiziell wegen etlicher Verstöße gegen die geltenden Sicherheitsbestimmungen.

Bei Inspektionen seien Hunderte von Fällen aufgedeckt worden, in denen die Container ohne nötige Befestigung transportiert wurden, rechtfertigte die RZD ihren Schritt.Das Aus für diese seit Jahrzehnten in der Sowjetunion und später in Russland weit verbreiteten Transporte bedeutete aber vor allem die privaten Anbieter empfindliche Verluste.

Die RZD-Tochter „Transcontainer“ verfügte als einziger Marktteilnehmer über einen größeren entsprechenden Waggonpark, war als Quasi-Monopolist jedoch ebenfalls von der neuen Situation überfordert. Als sich tausende von Containern in den russischen Pazifikhäfen und an der chinesischen Grenze angehäuft hatten und zudem noch zwei jüngere Baureihen von Flachwagen wegen eines Konstruktionsfehlers vorübergehend aus dem Verkehr gezogen werden mussten, nahm die RZD das Verbot schließlich teilweise zurück.

RZD muss Passagierverkehr mitschleppen


Die RZD sieht sich dagegen inzwischen längst selbst diskriminiert. Denn die weiterhin zu 100 Prozent in Staatsbesitz befindliche Bahn kann anders als ihre Konkurrenten keinen einzigen Schritt von den staatlich festgelegten Tarifen abweichen und wie die Konkurrenten großzügig Rabatte einräumen. Sie muss außerdem auch kaum gewinnbringende Güter transportieren – und zudem weiter Gewinne aus dem Gütergeschäft in den verlustbringenden Personenverkehr pumpen.

Nahverkehrszüge sind besonders defizitär (foto: dja/rufo)
Nahverkehrszüge sind besonders defizitär (foto: dja/rufo)
Die erzwungene Subventionierung der Personentransporte auf Kosten der Güterkunden verschlechtere die Konkurrenzfähigkeit der RZD auch gegenüber Straßen- und Binnenschiffverkehr, kritisiert Dmitri Matscheret: „In unserem Land kommt doch auch niemand auf die Idee, dass Spediteure den öffentlichen Busverkehr subventionieren müssen.“ Gerne hätten die Eisenbahner auch die Möglichkeit, während der Sommermonate mit Preissenkungen auf die zusätzliche Konkurrenz durch Binnenschiffer zu reagieren.

Im kommenden Jahr sieht der russische Staatshaushalt erstmals Subventionen in Höhe von 320 Millionen Euro vor, damit Bahnfahrten für die Russen weiter bezahlbar bleiben und der RZD zumindest ein Teil ihrer Verluste kompensiert wird. Erst ab 2010 ist dann die vollständige Subventionierung der wirtschaftlich nicht haltbaren Personentarife geplant.

Güterwaggons als billige Lagerhallen


Bei Russland-Aktuell
• Russische Eisenbahn steigt ins Hafengeschäft ein (26.09.2006)
• Gütergesellschaft: Streit um Bahnreform (20.09.2006)
• Litauen droht Russland mit Eisenbahnblockade (24.08.2006)
• Kaliningrad: Neue Fährlinie ab 2007 nach Deutschland (06.07.2006)
• Russland verhängt Verkehrs-Blockade gegen Georgien (02.10.2006)
Die Tarifpolitik in Russland sei gegenwärtig „weit von einem Idealzustand entfernt“, heißt es in einer Studie der Ratingagentur „Expert RA“. Frappierendes Beispiel dafür sei die Unsitte von Unternehmen, Bahnwaggons als Lager zu nutzen: „Die Strafen für den Stillstand der Waggons sind niedriger als die Miete für ein Lagerhaus, weshalb ein echtes Defizit an verfügbaren Waggons entstanden ist.“ In Russland würden Güterwaggons immer länger stehen und immer weniger in Bewegung sein, warnt die Studie.

Auch dies sei ein Grund, warum die RZD derzeit oft im Wettbewerb gegenüber privaten Mitbewerbern verliere, selbst wenn diese zuweilen sogar höhere Tarife in Rechnung stellen. Denn die RZD könne häufig keine Garantie für bestimmte Beförderungsfristen abgeben, weil die nötigen Waggons nicht immer verfügbar seien. „Der zuweilen von den Privaten berechnete Preiszuschlag von 10 bis 15 Prozent gegenüber den RZD-Tarifen ist daher durchaus berechtigt“, so die „Expert“-Studie.

(kp/.rufo)


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