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Die Gerüste vor dem Bolschoi-Theater verschwinden allmählich: Das neue Theater befindet sich aber nicht nur hinter der prächtigen Fassade, sondern auch darunter (Foto: Heyden/.rufo)
Die Gerüste vor dem Bolschoi-Theater verschwinden allmählich: Das neue Theater befindet sich aber nicht nur hinter der prächtigen Fassade, sondern auch darunter (Foto: Heyden/.rufo)
Freitag, 03.06.2011

Bolschoi-Theater geht in den Moskauer Untergrund

Ulrich Heyden, Moskau. Für 500 Mio. Euro ist das Bolschoi-Theater renoviert worden. Nach vielen Korruptions-Skandalen soll das Haus im Oktober wieder eröffnet werden. Eine zweite Bühne ist unter dem Theater-Vorplatz entstanden.

„Dort oben war die Loge von Stalin“. Unser Führer Michail Sidorow zeigt auf eine Loge im ersten Rang, ganz nah am linken Rand der Bühne.

Stalin saß in einer Panzer-Loge aus Beton


Wir befinden uns im Parkett des Bolschoi-Theater. Die Sitze fehlen noch, doch über uns hängt schon ein mächtiger Kronleuchter, der allerdings noch verhüllt ist. An den Logen sitzen wie die Schwalben Vergolder auf Stellagen. Sie tragen hauchdünne Goldplättchen auf, die dann festgedrückt und mit dem Druck eines Stiftes poliert werden.

Bei den Renovierungsarbeiten habe man entdeckt, dass Stalins Loge besonders starke Betonwände hatte, erzählt uns Sidorow. Er hat Soziologie studiert und ist jetzt in der PR-Abteilung von Summa Capital, der leitenden Baufirma auf der Baustelle Bolschoi-Theater, tätig.

Stalin hatte Angst vor Anschlägen und habe seine Loge zu einer Art Bunker ausbauen lassen, erzählt uns der PR-Mann, der sich nach eigenen Angaben tief in die historischen Fakten der berühmten Bühne eingearbeitet hat.

Der Diktator liebte Opernarien


Stalin soll Opern geliebt haben. „Manchmal kam er nur aus dem Kreml, um eine Arie zu hören und verschwand dann wieder.“ Während sich der Diktator in seiner Loge am linken Bühnenrand geradezu versteckte, hatte der letzte russische Zar Nikolaus II. für alle sichtbar in der Zarenloge gethront.

Dort, in der Mitte des ersten Rangs, genoss er den idealen Blick auf die Bühne und die beste Akustik. Die Loge ziert jetzt wieder der goldene Doppeladler der russischen Monarchie.

Doch noch dröhnen in dem großen Saal nicht die Bässe der Sänger, sondern Hammerschläge und Sägen. Ein Mann mit einem großen Staubsauger ist unermüdlich im Einsatz, denn der Staub behindert die Arbeit der Restauratoren.

Wo die Bühne sein soll, gähnt noch ein Kellerloch


Dort wo einmal die Bühne sein soll, sieht man bisher nur ein dunkles Kellerloch und mächtige Stahlstreben. Vom oberen Teil der Stahlträger sprühen Funken. Arbeiter mit Schleifschneidern sind im Einsatz. Gearbeitet wird in drei Schichten, rund um die Uhr. Nach Angaben unseres Führers sind im Bolschoi-Theater heute 3.200 Personen – davon allein 156 Vergolder - mit Restaurierungs-und Neubau-Arbeiten beschäftigt. Fremdenführer in Russland sparten noch nie mit Superlativen.

Mit der Generalüberholung wagt das Bolschoi den Spagat zwischen Tradition und Gegenwart, Zaren-Zeit und High-Tech. Für die Bereiche Akustik und Bühnentechnik sind deutsche Firmen zuständig. Moskau bekommt das Feinste vom Feinsten.

Sieben Bühnenflächen werden sich absenken, heben und kippen lassen. Der Keller für die versenkbaren Bühnen wurde völlig neu geschaffen. Damit es eine Akustik gibt, „wie im 19. Jahrhundert“, laufen ständig Klang-Experimente.

Nach Korruptions-Skandal übernimmt der Kreml die Bauaufsicht


2005 war das Bolschoi-Theater wegen der beginnenden Renovierung geschlossen worden. Der gesamte Theater-Betrieb mit Ballett-Tänzern, Opernsängern und Orchester wurde in ein neugebautes Nebengebäude verlegt.

Der Altbau war nun frei, doch die Renovierungsarbeiten kamen nicht voran. Zeitpläne wurden nicht eingehalten, Geld verschwand in dunklen Kanälen, die Kosten stiegen ins Unermessliche. 2009, Dmitri Medwedew hatte gerade sein Amt angetreten, schaltete sich die Präsidialadministration direkt in das Renovierungsprojekt ein und beaufsichtigt die Bauarbeiten seitdem direkt. Nach Angaben des russischen Rechnungshofes sind die Kosten für das Renovierungsprojekt seit Beginn der Arbeiten um das 16fache gestiegen. Der russische Kulturminister Aleksandr Awdejew rechnet mit Gesamtkosten von umgerechnet 500 Mio. Euro.

Spuren des Kommunismus fast beseitigt


Das Bolschoi-Theater hat eine äußerst wechselhafte Geschichte. Es wurde 1776 gegründet und brannte mehrere Mal ab. 1856 entstand nach dreijähriger Bauzeit das Bolschoi-Theater, wie man es heute kennt. Im Oktober 1941 zerstörte eine deutsche Fliegerbombe den Eingangsbereich. Während des Zweiten Weltkrieges wurde das Theater in die Wolga-Stadt Samara evakuiert.

Die Spuren der kommunistischen Zeit sind in dem weltberühmten Haus heute kaum noch zu sehen. Zwei Gedenktafeln an der Frontseite des Theater erinnern daran, dass in dem Gebäude Parteitage der Kommunistischen Partei und Kongresse der Kommunistischen Internationale tagten. Ein Büfett aus der Stalin-Zeit hat man erhalten. „Das ist aber auch alles“, wie Sidorow erklärt.

Die Restauratoren haben sich zum Ziel gesetzt, das Gebäude in dem Stil zu renovieren, wie es vor der Oktober-Revolution ausgesehen hat, erklärt uns unser Führer.

Das Hammer und Sichel-Symbol, das früher auf dem Theater-Giebel an der Frontseite prangte, ist verschwunden. Stattdessen sieht man an dieser Stelle jetzt den Doppel-Adler der russischen Monarchie. Und auch der alte, weinrote Bühnen-Vorhang mit dem goldgestickten Hammer-und-Sichel-Symbol ist in einem Depot verschwunden. Ein neuer Vorhang mit „russischer Symbolik“ sei bereits in Italien in Arbeit, erklärt unser Führer.

Unterirdischer Konzertsaal vor dem Gebäude


Eigentlich handelt es sich bei den Arbeiten am Bolschoi-Theater nicht nur um eine Renovierung, sondern auch um einen Neubau. Denn parallel zu dem alten Konzertsaal ist ein neuer unterirdischer Konzertsaal mit 330 Sitzplätzen entstanden. Diese neue Halle, für den es kein historisches Vorbild gibt, liegt genau vor dem Bolschoi-Theater und ist von außen nur durch die Notausgänge, zwei moderne Glaspavillons, zu erkennen.

Ob dieser zweite Konzertsaal wirklich nötig war? Gruben ausheben, das hat in Russland Tradition, meint eine russische Journalisten-Kollegin, die während der Besichtigungs-Tour neben mir steht. „In solchen Gruben versickert immer viel Geld“.

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Ausgerechnet in Sichtweite des Kreml eine Grube auszuheben, sei auch ziemlich riskant, denn hier im Innenstadtbereich ist alles voller Schächte für die Telekommunikation und die Kanalisation. Die nächste Metro-Station befindet sich in nur 30 Meter Entfernung.

Aber Moskau liebt nun mal die Superlative. Einfach nur das Bolschoi-Theater zu renovieren, das wäre den Stadtvätern wohl zu langweilig gewesen. Ob der neue Konzertsaal unter der Erde nicht die Stabilität des Bolschoi-Theaters gefährde, will ich von unserem Führer wissen. Es bestehe keinerlei Gefahr, meint Sidorow. Das Hauptgebäude des Bolschoi-Theaters stehe auf einem komplett neuen Fundament und sei mit dem unterirdischen Konzertsaal in einer Konstruktion verbunden.

Das prunkvolle Theater geriet ins Kippen


Um das altehrwürdige Theater von seinem verrotteten Fundament zu befreien, hatten die Bauherren keine Mühe gescheut. Zunächst wurde das riesige Gebäude auf 7.000 Stahlträgern provisorisch fixiert. Dann wurde das alte Fundament beseitigt und anschließend ein neues Fundament eingezogen. Schon Ende 19. Jahrhunderts war es zu großen Problemen gekommen. Weil das Bolschoi Theater auf morastigem Grund gebaut war, begann sich das Gebäude zu neigen.

Der Baumarathon soll im Oktober abgeschlossen werden - sofern die unter Zeitdruck stehenden Restauratoren es schaffen, alle Goldplättchen rechtzeitig aufzudrücken.

Und den Moskauern und den Moskau-Reisenden kann man dann nur wünschen, dass die Theater-Preise nach den gigantischen Ausgaben für die Sanierung nicht auch ins Unermessliche steigen.


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