Karl Schlögel bedenkt sich für den Leipziger Buchpreis (Foto: SK)
Montag, 16.03.2009
Erfolgreiche Leipziger Buchmesse: Neues aus Russland
Stephanie Kuhlmann, Leipzig. Entgegen vorsichtiger Erwartungen war die Leipziger Buchmesse 2009 erfolgreicher als im Vorjahr. Russland konnte mit zahlreichen Neuerscheinungen und einem wichtigen Buchpreis dazu beitragen.
Das Buch hat Zukunft, darüber sind sich die Veranstalter der Leipziger Buchmesse 2009 einig. 2.135 Aussteller aus 38 Ländern präsentierten in der sächsischen Buchmetropole ihre Neuerscheinungen. Das Publikum zeigte sich lesehungriger denn je, 14 Prozent mehr Besucher als im letzten Jahr konnte die Messe verzeichnen.
„Die Leipziger Buchmesse 2009 hat ihre zwei wichtigsten Aufgaben erfüllt: Sie hat der Buchbranche Impulse gegeben, und gezeigt, dass die Gesellschaft das Buch braucht“, sagte Wolfgang Marzin, Vorsitzender der Geschäftsführung der Leipziger Messe GmbH.
Sowohl die Thematik Russland als auch russische Autoren machten einen Großteil des Schwerpunktes Mittel- und Osteuropa aus. Bereits zur Eröffnung der Buchmesse erhielt Karl Schlögel den Leipziger Buchpreis für europäische Verständigung. Mit seinem umfangreichen Werk „Terror und Traum. Moskau 1937“ (Carl Hanser Verlag) hat er sich darum verdient gemacht.
Der in Berlin lebende Historiker und Publizist vergegenwärtigt dem Leser eine Zeit und eine Gesellschaft, in der Terror und Traum fließend ineinander übergingen. Der Autor erforschte dafür akribisch das Stalinsche Schreckensjahr 1937 und stellt diesem ein Moskau gegenüber, dass zur gleichen Zeit architektonisch in die europäische Zivilisation aufbricht.
Altes Moskau im Focus der Geschichten
Ein Epos des alten Moskau zeichnet auch Grigori Rjaschski in seinem Roman „Moskau, Bel Étage“ (Verlag Kiepenheuer & Witsch). Es ist die Geschichte der jüdisch-russischen Familie Mirski, die in direkter Nachbarschaft zu den bedeutenden Persönlichkeiten ihrer Zeit wohnt.
Mit den Machthabern wechseln die Bewohner des Jugendstilhauses, doch Rosa Mirskaja, die Frau des Architekten Semjon Mirski, hält die Familie zwischen den turbulenten Zeiten der Oktoberrevolution und dem Zusammenbruch der Sowjetunion zusammen.
Wladimir Kaminer gehört zu Deutschlands bekanntesten Autoren (Foto: SK)
Im Sozialismus gab es auch Sex
Leichter verdaulich geht es in den 32 Kurzgeschichten Wladimir Kaminers zu. In „Es gab keinen Sex im Sozialismus“ (Goldmann Verlag) erzählt der in Moskau geborene Autor allerlei Anekdoten aus seiner untergegangen Heimat und klärt Missverständnisse auf.
So gab es eine Fernsehsendung, in der Amerikaner und Russen miteinander sprechen konnten. Wie es in der UdSSR mit dem Sex sei, wollte einer aus dem Westen wissen. „Bei uns in der Sowjetunion gibt es keinen Sex …“, antwortete eine Russin perplex. Sie hatte versäumt, „im Fernsehen“ hinzuzufügen.
Für die russische Krimiwelt steht die Autorin Darja Donzowa. In ihrem neuesten Roman „Verlieb dich nie in einen Toten“ (Aufbau Verlag) lässt sie die Harfenspielerin Tanja Romanowa bei einem Mord ermitteln. Rund um ihre sympathische Heldin hat die Autorin und Fernsehmoderatorin einen Kosmos geschaffen, der von Komik bis Lebensweisheit reicht.
Alte russische Literatur in Deutschland neu entdeckt
Mit seinen „Erzählungen aus Kolyma“ hat der Verlag Matthes & Seitz Berlin den russischen Autor Warlam Schalamow wieder zum Leben erweckt. Er wird häufig in die Nähe Franz Kafkas und Samuel Becketts gerückt.
In den beiden Bänden „Durch den Schnee“ und „Linkes Ufer“ verarbeitet der bereits 1982 verstorbene Autor Erlebtes aus 18 Jahren sowjetischer Lagerhaft. Jetzt sind zudem seine Reflexionen „Über Prosa“ herausgekommen.
Dmitri Gluchowski (Foto: Kuhlmann/.rufo)
Seine Poesie betritt man wie einen Garten: Der 1970 verstorbene Lyriker Leonid Aronson schrieb in seinen Gedichten über ganz gewöhnliche Dinge und sah sie dennoch verändert. Der Erata Literaturverlag hat seine Gedichte „Innenfläche der Hand“ zweisprachig herausgebracht.
Moskauer Metro nach Atomkrieg 2033
Nicht zu übersehen war natürlich Dmitri Gluchowski, der neue Star in Russlands Literatur-Szene mit seinem Bestseller "Metro 2033", den er bei "Leipzig liest" vorstellte. Russland-Aktuell berichtete bereits von seiner Lesung in Hamburg.
Noch mehr russische Literatur gibt es auf der nächsten Leipziger Buchmesse vom 18. bis 21. März 2010.
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