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Tschingis Aitmatow starb im Alter von 79 Jahren. (Foto: newsru.com)
Tschingis Aitmatow starb im Alter von 79 Jahren. (Foto: newsru.com)
Mittwoch, 11.06.2008

Kirgisiens Literat Tschingis Aitmatow gestorben

André Ballin, Moskau. Die „Stimme Kirgisiens“ ist verstummt: Der berühmte Schriftsteller Tschingis Aitmatow ist gestorben. In einem Nürnberger Krankenhaus erlag der 79-Jährige gestern einer schweren Lungenentzündung.

Im Februar 1953 rumpelt ein Zug durch die kasachische Steppe Sary-Ösek. Er befördert den Gefangenen Abutalip Kuttybajew in den Tod. Dem einfachen Dorflehrer droht durch KGB-Intrigen eine Anklage wegen Spionage. Sein letzter Wunsch ist es, aus dem vergitterten Zugfenster im Vorbeifahren Frau und Kinder zu erblicken.

Vor 20 Jahren beschrieb der kirgisische Schriftsteller Tschingis Aitmatow in seiner Novelle „Die weiße Wolke des Tschingis Khan“ die Unmenschlichkeit des sowjetischen Systems. Eine Härte, die er aus eigenem Erleben kannte.

Fast immer stehen die Menschen seiner Heimat Mittelasien im Mittelpunkt der Erzählungen Aitmatows. Er beschreibt die karge und doch beeindruckende Natur der Steppe, die jahrhundertealten Traditionen und Bräuche der Bevölkerung und er lässt alte Mythen und Sagen in seine Geschichten einfließen.

Die Sage von Tschingis Khan


In „Die weiße Wolke des Tschingis Khan“ schreibt der Dorflehrer Kuttybajew die alte Sage von Tschingis Khan auf, der auf seinem Feldzug mitreisenden Frauen das Gebären verbietet, um seine Armee schneller zu machen. „Selbst die Naturgesetze verwarf Tschingis Khan der militärischen Erfolge wegen und verspottete damit Gott und das Leben selbst.“

Als sich einer seiner Krieger und eine Näherin über das Verbot hinwegsetzen, lässt er sie hinrichten. Da verschwindet die weiße Wolke, die Tschingis Khan bis dahin bei seinem Feldzug begleitet hat und ihm als Symbol seines militärischen Erfolgs gilt. Tschingis Khan muss umkehren.

Diese Sage wird Kuttybajew zum Verhängnis, denn der KGB-Agent Tansykbajew sieht darin die Verurteilung einer starken Zentralgewalt. Zugleich hofft er, den einfachen Dorflehrer zum Spion stempeln zu können, um selbst Karriere machen zu können. So wird Kuttybajew am Ende Opfer des stalinistischen Systems, das immer auf der Suche nach neuen Feinden ist.

Aitmatows Bekanntschaft mit dem Stalinismus


Die Geschichte weist stark autobiographische Züge auf, denn Aitmatow, 1928 im kleinen kirgisischen Dorf Scheker geboren, verlor schon früh seinen eigenen Vater. Der fiel 1937 als Funktionär der kommunistischen Partei dem stalinschen Terror zum Opfer.

In den 50er Jahren begann Aitmatow dann parallel zum Studium der Veterinärmedizin zu schreiben. Kurz nach dem Tod Stalins gab die so genannte Tauwetter-Periode Intellektuellen vorübergehend etwas mehr Freiheit.

Mit „Dschamilja“ weltberühmt


Seinen Weltruhm begründete der zu jener Zeit stark umstrittene Liebesroman „Dschamilja“, Aitmatows Abschlussarbeit am Moskauer Maxim-Gorki-Literaturinstitut. Der Roman schildert einfühlsam, wie sich die Heldin Dschamilja in einen einfachen Landarbeiter verliebt, während ihr Mann an der Front kämpft. Dies stellte einen unglaublichen Tabubruch dar.

Bei Russland-Aktuell
• Schriftsteller Tschingis Aitmatow liegt im Koma (19.05.2008)
• Tschingis Aitmatow im Krankenhaus (15.07.2004)
• Tschetschenien reißt Denkmal für Stalin-Opfer ab (03.06.2008)
• „Lieber Genosse Stalin“ – Beginn des Großen Terrors (19.06.2007)
• Aitmatow - Kosmopolit aus der Mitte Asiens (29.11.2003)
Überhaupt wagte es Aitmatow schon zu Zeiten des Kommunismus, als nur das Kollektiv zählte, die Frage nach dem persönlichen Glück des Einzelnen zu stellen. Als Leninpreisträger und ranghohes Parteimitglied genoss er dabei natürlich mehr Freiheiten als andere.

So entstanden in den folgenden Jahrzehnten zahlreiche Novellen und Romane in russischer oder kirgisischer Sprache, wie „Ein Tag länger als das Leben“ oder „Der weiße Dampfer“. Insgesamt wurden seine Werke in rund 150 Sprachen übersetzt. Zudem arbeitete Aitmatow als Mittelasien-Korrespondent für die zentrale sowjetische Parteizeitung „Prawda“.

Botschafter der Menschlichkeit


Später zu Perestroika-Zeiten wurde er Botschafter, zunächst für die UdSSR in Luxemburg, später für sein Heimatland Kirgisien in Frankreich und den Benelux-Staaten. Erst im März 2008 zwangen ihn Gesundheitsprobleme dieses Amt aufzugeben.

Im Mai erlitt er während einer Reise in die russische Teilrepublik Tatarstan einen Zusammenbruch. Mehrere Wochen lag er im Koma und musste künstlich beatmet werden. Am Ende half auch die Verlegung nach Nürnberg dem Autor nicht mehr.
Am 10. Juni erlosch die „Stimme Kirgisiens“. Als Botschafter der Menschlichkeit wird der Name Aitmatow jedoch weiter klingen.

(ab/.epd/.rufo/Moskau)


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