Larissa Judina wurde im Sommer 1998 ermordet (Foto: privat/rufo)
Montag, 25.07.2005
Mordfall Larissa Judina: Killer verschwunden
Moskau. Einer der wenigen in Russland verurteilten Journalisten-Mörder ist womöglich klammheimlich wieder auf freien Fuß gesetzt worden. Zumindest fehlt von dem Mann seit sechs Monaten jede Spur.
Sergej Wasskin, einer der beiden Killer, die im Sommer 1998 die Chefredakteurin der Zeitung „Sowjetskaja Kalmykia“ Larissa Judina ermordet hatten, wurde offiziellen Angaben zufolge im Dezember 2004 lediglich in ein anderes Gefängnis verlegt. Dort jedoch kam der Mann bis heute nachweislich nicht an.
Dass der zu 21 Jahren Gefängnis unter erschwerten Haftbedingungen verurteilte Mann „verschwunden“ ist, geht aus einem offiziellen Brief der russischen Gefängnis-Behörde hervor. Einige Bekannte hätten ihm zudem berichtet, dass sie Wasskin auf der Straße gesehen hätten, berichtete Gennadi Judin, der Witwer der getöteten Journalistin, dem epd.
Larissa Judina leitete die einzige oppositionelle Tageszeitung in der russischen Teilrepublik Kalmückien. Außerdem schrieb sie für die kritische Moskauer Wochenzeitung „Nowaja Gaseta“. Im Juli 1998 wurde sie von zwei Männern zu Tode gequält, die sie unter dem Vorwand zu einem Treffen gelockt hatten, belastende Materialien über die Machenschaften der Republiks-Führung übergeben zu wollen.
Killer aus dem Präsidententross
1999 war es in der kalmückischen Hauptstadt Elista zum Prozess gegen die beiden bald darauf gefassten Killer gekommen. Einer der beiden Angeklagten Sergej Wasskin, war zuvor als Berater des kalmückischen Präsidenten Kirsan Iljumschinow sowie als Leiter von dessen Wahlkampf-Stab tätig.
Ein Gerichtsverfahren gegen die Hintermänner der Bluttat hat es allerdings nie gegeben. Russische Medien spekulierten wiederholt über Iljumschinows Verwicklung in die Tat. Der Geschäftsmann regiert die zwischen Wolga und Kaspischem Meer gelegene, einzige traditionell buddhistische Region Europas seit 1993 mit nahezu diktatorischer Machtfülle und leitet außerdem den Weltschach-Verband FIDE. Larissa Judina hatte auf den Seiten ihrer Zeitung wiederholt schwere Vorwürfe gegen den skurillen Politiker erhoben.
Hintermann bei der Nationalbank Kalmückiens
Judina und Iljumschinow hätten sich sicherlich gegenseitig gehasst, sagte Ruslan Gorjewoi von der Moskauer „Stiftung zum Schutz von Glasnost“ dem epd. Die Vorwürfe, der Präsident persönlich habe den Mord in Auftrag gegeben, seien jedoch nicht haltbar. Für Gorjewoi, der ein Buch über den Mordfall Judina veröffentlichte, steht fest, dass stattdessen der ehemalige Chef der kalmückischen Nationalbank Wjatscheslaw Darbakow die Schlüsselfigur des Verbrechens ist.
Während des Mordprozesses hatte bereits ein Zeuge ausgesagt, Darbakow habe sich ebenfalls in der Wohnung aufgehalten, in der Judina ermordet wurde. Die Behörden hatten dies aber nie weiter untersucht. Womöglich habe Darbakow an jenem Abend versucht, die Journalistin dazu zu bewegen, die Republik zu verlassen und ihre Arbeit einzustellen, vermutet Gorjewoi in seinem Buch.
„Nach der Veröffentlichung haben wir sehr auf eine Rufmordklage gewartet, aber es kam nichts“, sagte er. Stattdessen sei Darbakow untergetaucht. Der Aufenthalt des Bankers ist derzeit ebenso unbekannt wie der des verurteilten Mörders Wasskin.
(epd/kp)
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