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Rettungshelfer waren bis zum Abend beschäftigt, Personen aus dem Wrack zu bergen (Foto: newsru)
Rettungshelfer waren bis zum Abend beschäftigt, Personen aus dem Wrack zu bergen (Foto: newsru)
Sonntag, 09.07.2006

124 Tote in Sibirien nach Bruchlandung eines Airbus

Lothar Deeg, St. Petersburg. Ein Airbus A-310 der Fluggesellschaft „Sibir“ ist am Sonntag Morgen im sibirischen Irkutsk bei der Landung verunglückt. 124 Insassen kamen ums Leben, mit weiteren Toten wird noch gerechnet.

Die Maschine mit mindestens 201 Menschen an Bord schoss nach dem Aufsetzen über die Landebahn hinaus, bohrte sich in ein mit privaten Garagen bebautes Areal - und ging in Flammen auf. Es handelt sich um das zweite schwere Unglück mit einem Airbus innerhalb von drei Monaten in Russland.

Zum Unglückszeitpunkt um 7:44 Uhr Ortszeit (0:44 Uhr MESZ) regnete es in Irkutsk. Die Landebahn war entsprechend nass, doch setzte das am Moskauer Flughafen Domodedowo gestartete Flugzeug bei einer Sichtweite von 3,5 Kilometern zunächst normal auf. Der Pilot meldete noch über Funk die Landung, danach brach der Kontakt mit dem Tower ab, erklärte der russische Verkehrsminister Igor Lewitin. Deshalb gelte es in erster Linie, die Frage der Bremswirkung zu untersuchen.

Augenzeugin: Notrutsche blies sich nicht auf


Zwei Stewardessen und neun Passagiere konnten sich selbst über Notausgänge im Heck des Flugzeugs retten. Eine von ihnen, Margarita Swetlowa, erlebte das Unglück so: „Die Landung war normal. Das Flugzeug bremste, beschleunigte dann wieder, ich dachte, wir heben wieder ab.

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• Airbus aus Armenien stürzt ins Schwarze Meer (03.05.2006)
• Cessna im Schneetreiben abgestürzt: acht Tote (21.11.2005)
• 89 Tote bei zeitgleichen Flugzeugkatastrophen (25.08.2004)
Dann blieben wir mit dem Flügel irgendwo hängen und krachten in den Zaun. Es war schrecklich, Feuer brach aus, die Leute schrien. Ich wurde kurz bewusstlos, schnallte mich dann ab und lief los. Irgendein Mann öffnete die Tür und sprang raus. Die Notrutsche blies sich nicht auf. Drei weitere Leute sprangen. Ich auch, ich hatte Glück und habe mir nur das Bein leicht angeschlagen.“

50 bis 60 weitere Insassen wurden von Anwohnern und den herbeieilenden Rettungsdiensten lebend aus dem Wrack geholt. Wie das deutsche Generalkonsulat in Nowosibirsk bestätigte, ist unter den Überlebenden auch eine Deutsche.

Insgesamt waren elf Ausländer aus Deutschland, Polen, Moldawien, Südkorea und China mit an Bord, teilte „Sibir“ mit.

Bremsversagen - und missglücktes Durchstart-Manöver?


Warum die 1987 gebaute Maschine nicht rechtzeitig zum Stehen kam, ist bislang unklar. Die Staatsanwaltschaft hält ein technisches Versagen für den wahrscheinlichsten Grund, will aber auch einen Fehler der Besatzung nicht ausschließen.

Sollte der Bericht der Augenzeugin zutreffen, so versuchte die Crew offenbar vergeblich durchzustarten, als sie erkannte, dass sie - aus welchen Gründen auch immer - die Maschine nicht rechtzeitig stoppen kann.

Nach widersprüchlichen Angaben von Behörden wurden zwischen 54 und 71 Personen in verschiedene Krankenhäuser der ostsibirischen Stadt eingeliefert. Einige Personen überstanden das Unglück faktisch unverletzt.

Unter den Todesopfern sollen auch zwei Angestellte des Flughafens sein, die von dem außer Kontrolle geratenen Flugzeug erfasst wurden. Ob sich in den zerstörten Garagen Menschen aufhielten, ist noch unklar. Bis zum Abend bargen die Hilfsmannschaften 124 Todesopfer aus der mit Ausnahme des Hecks vollständig ausgebrannten Maschine. Die Flugschreiber wurden sicher gestellt.

Zweites Airbus-Unglück in Russland in drei Monaten


Obwohl in den GUS-Staaten westliche Flugzeugmuster eher die Ausnahme als die Regel sind, ist dies bereits das zweite schwere Unglück mit einem Airbus in Russland innerhalb von drei Monaten: Anfang Mai war eine A-320 der armenischen Armavia bei einem nächtlichen Anflug auf den Flughafen von Sotschi bei extrem schlechtem Wetter ins Schwarze Meer gestürzt.

Die 113 Insassen kamen dabei ums Leben. Ein Untersuchungsbericht über diesen Absturz wurde noch nicht veröffentlicht. Die Auswertung der erst nach wochenlanger Suche aus dem Meer geborgenen Flugschreiber ergab aber nach inoffiziellen Informationen, dass keine technischen Probleme vorlagen. Das Flugzeug sei bis zum Aufschlag auf das Wasser voll funktionsfähig gewesen.

Dritte Katastrophe für sibirische Airline und ...


Für die Fluggesellschaft „Sibir“ - die sich seit kurzem „S7“ nennt - bedeutet das Unglück von Irkutsk schon den dritten Totalverlust eines Flugzeugs innerhalb der letzten fünf Jahre: Im Sommer 2004 sprengten tschetschenische Terroristinnen zwei in Moskau gestartete russische Maschinen in die Luft - eine davon war eine Tu-154 der „Sibir“ mit 46 Insassen auf dem Weg nach Sotschi.

Eine Sibir-Maschine gleichen Typs wurde im Oktober 2001 auf dem Weg von Tel Aviv nach Nowosibirsk von der ukrainischen Armee vor der Küste der Krim versehentlich bei einem Militärmanöver mit einer Rakete abgeschossen. Sibir/S7 stellte vor zwei Jahren seine ersten Airbus-Jets in Dienst. Zuletzt umfasste die Airbus-Flotte zehn Maschinen.

... viertes schweres Flugunglück in Irkutsk


Aber auch Irkutsk hat in Luftfahrtkreisen wegen einer schwer erklärbaren Häufung von Unglücken einen zweifelhaften Ruf: Der Airbus-Absturz ist bereits das vierte schwere Flugunglück in der Metropole der Baikalsee-Region in den letzten zwölf Jahren.

Zuletzt stürzte vor fast genau fünf Jahren eine Tu-154 der Wladiwostok-Avia mit 147 Menschen an Bord wegen eines Pilotenfehlers im Landeanflug auf Irkutsk ab. 1994 war in Irkutsk ebenfalls eine Tu-154 nach dem Start abgestürzt, 120 Menschen fanden den Tod.

Ende 1997 versagten bei einer startenden Antonow 124 drei der vier Triebwerke, weil der Treibstoff für den herrschenden eisigen Frost nicht geeignet war. Die mit mehreren für Vietnam bestimmten Jagdflugzeugen beladene Transportmaschine fiel mitten in ein Wohngebiet. 49 Bewohner und 23 Menschen an Bord des Flugzeuges kamen in dem Flammenmeer ums Leben.

Seit Jahren wird deshalb darüber gesprochen, dass der Irkutsker Flughafen verlegt werden sollte. Der gegenwärtige Airport liegt sehr nahe zur Stadt und ist wegen Nebels oft nicht oder nur schwer anfliegbar. Auch erfordern die Berge in der Umgebung einen relativ steilen Sinkflug.

(Lothar Deeg/.rufo)


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