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Die Entführung der "Arctic Sea" ist beendet, das Rätselraten aber nicht (Foto: solchart.fi)
Die Entführung der "Arctic Sea" ist beendet, das Rätselraten aber nicht (Foto: solchart.fi)
Dienstag, 18.08.2009

Arctic Sea: Russland verhaftet acht Ostsee-Piraten

St. Petersburg. Piraten gibt es nicht nur vor Somalia, sondern auch in der Ostsee – so der vorläufige Schluss aus der rätselhaften Odyssee des Frachters „Arctic Sea“. Geklärt ist der Fall aber noch lange nicht.


Russlands Marine hat an Bord des Schiffes acht Männer - vier Esten, zwei Letten und zwei Russen - festgenommen, die die "Arctic Sea" im Juli vor der schwedischen Küste entführten.

In der Nacht auf Montag war der mit finnischem Holz beladene Frachter vom russischen Kriegsschiff „Ladny“ etwa 300 Seemeilen von den Kapverdischen Inseln entfernt im Atlantik aufgebracht worden. Gegenwärtig halten die beiden Schiffe Kurs auf den vor der Westküste Afrikas gelegenen Inselstaat, berichtete der russische Nachrichtensender „Vesti“.

Voraussichtlich sollen die 15 russischen Seeleute, die über drei Wochen lang in der Gewalt europäischer Freibeuter waren, von dort nach Moskau ausgeflogen werden.

Russische Kriminalisten ermitteln an Bord


Ein Sprecher der russischen Staatsanwaltschaft teilte mit, dass Ermittler auf das Kriegsschiff geflogen wurden, wo sie jetzt die Besatzung und die mutmaßlichen „Ostsee-Piraten“ vernehmen. Die Moskauer Behörde eröffnete formell ein Ermittlungsverfahren wegen Entführung - Höchststrafe 20 Jahre Haft. Beteiligt sind aber auch die Behörden Finnlands, Schwedens und Maltas.

Bewusste Desinformation und Falschmeldungen


Was wirklich an Bord des unter maltesischer Flagge fahrenden Schiffes geschah, ist noch immer von einem Nebel aus Widersprüchen und Geheimhaltung umgeben.

Solange die Suche nach dem Schiff lief, gehörten Falschmeldungen zur Taktik, damit sich die Schiffsentführer in Sicherheit wägten, so Moskaus Nato-Botschafter Dmitri Rogosin. Die russischen Streitkräfte waren bei der Jagd auf den verschwundenen Frachter durch die NATO technisch unterstützt worden.

Doch weder die kleine finnisch-russische Reederei Solchart in Helsinki noch die Familienangehörigen der Crew in Archangelsk wissen bisher Näheres – sagen sie jedenfalls. Ein Sprecher des Unternehmens sagte, es gebe nach wie vor keinen Funkkontakt mit der „Arctic Sea“.

Verteidigungsminister Serdjukow hat die Informations-Hoheit übernommen


Hauptinformator ist momentan Russlands Verteidigungsminister Anatoli Serdjukow: Er erklärte, die Besatzung sei wohlauf, an Bord des Kriegsschiffs und „ohne einen Schuss“ befreit worden.

Bei Russland-Aktuell
• Es gab doch keine Lösegeldforderungen für Arctic Sea (18.08.2009)
• Arctic Sea bei Cap Verde gefunden, Mannschaft am Leben (17.08.2009)
• Arctic Sea nimmt angeblich Kurs auf Kamerun (17.08.2009)
• Piraten vor Europas Küsten? Russischer Frachter weg (13.08.2009)
• Piraten auf der Ostsee überfallen russischen Frachter (31.07.2009)
Zu diesem Zeitpunkt sei sie von ihren Entführern auch nicht mit Waffengewalt bedroht worden. Was dies hieß, blieb offen: Schliefen die Piraten einfach nur? Oder machte die Besatzung mit ihnen – zumindest bedingt – gemeinsame Sache? „Die Ermittlungen laufen noch“, sagte dazu Serdjukow lapidar. Eine Meuterei wurde in den vergangenen Tagen für genauso möglich gehalten wie ein Eigentumskonflikt, eine obskure Geheimdienstoperation oder ein Versuch des Waffen- oder Atomschmuggels.

Die Piraten kamen schon in der Ostsee an Bord


Laut Serdjukow wurden von der Marine vor den Kapverden acht „nicht zur Besatzung gehörende“ Männer verhaftet: vier Esten und je zwei Letten und Russen. Am 24. Juli hätten sie sich nachts in schwedischen Hoheitsgewässern mit einem schnellen Schlauchboot der „Arctic Sea“ genähert. Unter dem Vorwand, sie hätten Motorprobleme, gingen sie dann an Bord – und zogen Waffen. Von diesem Moment an diktierte die Bande dem Frachter den Kurs. „Dies war Piraterie“, so Serdjukow.

In den nächsten Tagen fuhr der mit für Algerien bestimmten finnischem Holz beladene Frachter jedoch zunächst auf seiner geplanten Route weiter – durch die dänischen Meerengen, die Nordsee und den Ärmelkanal. Bis Ende Juli antwortete die Crew routiniert auf allerlei Funk- und Telefon-Anfragen ihrer Reederei, diverser Küstenwachen und sogar der schwedischen Polizei. Erst auf Höhe der Biskaya brach der Kontakt ab und die automatischen Positionsmeldungen des Schiffes verstummten.

Funkkontakt mit dem Revolver am Kopf?


Warum bis dahin niemand Verdacht schöpfte, gehört auch zu den offenen Rätseln des ungewöhnlichen Kriminalfalls: Denn die Information, dass das Schiff vor der schwedischen Insel Öland nächtens gekapert worden sei, war seinerzeit publik geworden. Allerdings wurde von der bedrohten Crew hinterher offenbar glaubhaft vermittelt, dass die vorgeblichen „Drogenfahnder“ ihr Schiff nach einer erfolglosen Durchsuchung wieder verlassen hätten und alles in Ordnung sei.

Das Motiv liegt noch im Nebel


Dem war, wie man nun weiß, nicht so. Wobei vorerst aber noch weiter gerätselt werden darf, was die baltischen Piraten eigentlich wollten: Eine reale oder vermutete geheime Ladung stehlen? Nach somalischem Vorbild Lösegeld erpressen? Angeblich war beim Reeder in Helsinki eine Forderung über 1,5 Mio. Dollar eingegangen, was inzwischen aber wieder dementiert wurde.

Oder irgendwo in Afrika das Schiff oder auch nur das Holz verkaufen? Oder einfach nur Publicity?

Hollywood hat jedenfalls einen neuen Drehbuch-Stoff bekommen, kommentierte EU-Kommissionssprecher Martin Selmayr die Odyssee der „Arctic Sea“.



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